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Rodrigo Amarante: "Was Bolsonaro in der Öffentlichkeit von sich gibt, ist absolut wahnsinnig."

Rodrigo Amarante live in Lissabon

Interview mit Rodrigo Amarante

Rodrigo Amarante: "Was Bolsonaro in der Öffentlichkeit von sich gibt, ist absolut wahnsinnig."

Von Anne Lorenz

Rodrigo Amarante ist Sänger, Multiinstrumentalist und einer der wichtigsten Songwriter Brasiliens. Er hat schon für Stars wie Gilberto Gil, Marissa Monte und Tom Zé gearbeitet und in verschiedenen erfolgreichen Bands gespielt.

Sein prominentestes Werk ist die Titelmelodie zu "Narcos", der Serie über Drogenboss Pablo Escobar und den Kampf der Kartelle in Kolumbien. Im COSMO-Interview erzählt uns der 42-Jährige von seinen musikalischen Anfängen, den zahlreichen Kollaborationen und von seinen Gedanken zur aktuellen politischen Lage in Brasilien.

COSMO: Am Sonntag, den 28. Oktober, hat Brasilien gewählt und der Rechtsradikale Jair Bolsonaro ist seither Präsident. Du lebst zwar in Los Angeles, aber bekommst trotzdem alles mit, was in deiner Heimat passiert. Was sind deine Gedanken dazu?

Rodrigo Amarante: Bolsonaro hat in der Vergangenheit angekündigt, dass seine erste Amtshandlung als President sein würde, den Kongress auszuschalten. Und das wäre der erste Schritt zur Diktatur. Vor einiger Zeit schien es noch undenkbar, dass so ein System es nochmal an die Macht schaffen würde. Ich fürchte, was gerade passiert, ist jetzt das Beispiel an dem wir sehen, wie sowas passiert. Hitler wurde damals auch gewählt! Und man kann es ja auf der ganzen Welt beobachten, diesen Anstieg von extrem rechter Mentalität, extrem kapitalistischer Mentalität und Neo-Liberalismus. Ich will damit nicht sagen, dass es eine andere Lösung geben muss als die Demokratie, nur dass die Menschen eben frustriert sind. Die Demokratie hat für sie nichts bewirkt, sie fühlen sich weder repräsentiert, noch geschützt. Das sind meine Gedanken dazu, warum das hier gerade passiert! Was Bolsonaro in der Öffentlichkeit von sich gibt, ist absolut wahnsinnig. Er hat Dinge gesagt wie: "Die Diktatur hat nicht genug Menschen getötet um dieses Land aufzuräumen!". Für mich ist es undenkbar und deprimierend, dass mein Land sich entschieden hat, sowas zu unterstützen. Dass die Menschen denken die Lösung für die herrschende Korruption im politischen System Brasiliens sei einen Faschist an die Spitze zu wählen.

Musikalisch gab es in Brasilien eine goldene Ära, wie sieht es heute aus: Gibt es Musiker, die an diese Ära anknüpfen können?

In Brasilien leben wir aus musikalischer Sicht im Schatten einer wirklich goldenen Ära. Von den Fünfzigerjahren bis Ende der Siebziger. Natürlich gab es auch in den Achtzigern gute Sachen, aber eigentlich waren diese beiden Jahrzehnte die wichtige Zeit. Es ist schwierig zu begreifen, wie revolutionär diese Phase für die Musik war und noch schwerer ist es sie zu toppen, etwas ähnlich Ausschlaggebendes zu erschaffen. Das hat, glaube ich, mit den unbegrenzten Möglichkeiten von heute zu tun und dass jeder Zugang zu allem hat. Oben drauf noch die Globalisierung und die Vermischung der Musikstile. Wie die Poeten der Zwanzigerjahre hatte die Generation von Caetano Veloso, Gilberto Gil und Tom Zé diese Mission brasilianische Identität zu definieren. Wie zum Beispiel auch Tom Jobim in den Fünfzigern, seine Musik war wirklich ausschlaggebend und bahnbrechend. Heute sind wir in der Musik nicht mehr so ausgerichtet. Es geht um andere Dinge. Man kann das auch in anderen Ländern sehen. Wo ist zum Beispiel ein Bob Dylan unserer Zeit oder ein John Lennon? Vielleicht gibt es diese tollen Songwriter auch heute noch wenn man mal seinen Blick ändert, aber die Zeiten haben sich definitiv geändert. Heute scheint weniger mehr zu sein!

Du wohnst schon lange nicht mehr in Rio, sondern in Los Angeles. Dein Umzug damals hatte mit deiner Band Little Joy zu tun - wie kam es dazu?

Little Joy ist ganz spontan entstanden. Wir hatten einfach Spaß gemeinsam Songs zu schreiben. Little Joy war übrigens der Name einer Bar auf unserer Straße, wo wir immer zum Trinken hingegangen sind - es gibt sie heute noch. Es war also wirklich ein ganz leichtherziges Projekt ohne große Zukunftspläne. Aber dann waren alle so begeistert und wir tourten wahnsinnig viel damit. Ich merkte, dass ich wohl etwas länger in Kalifornien bleiben würde. Ich war hier um zu schreiben, dann um aufzunehmen und dann wieder um zu touren. Irgendwann habe ich Miete in zwei verschiedenen Ländern gezahlt. Ich dachte mir: Das ist doch bescheuert, meine Karriere findet hier statt, ich bleibe also eine Weile. Und diese Weile wurde dann zu einer permanenten Situation.

Was ist so spannend an L.A.?

Viele Menschen aus der ganzen Welt kommen hier her - auch viele New Yorker. Es ist heute anders als es war als ich nach Kalifornien kam. Damals gab es wirklich dieses eine, unverwechselbare L.A.-Gefühl und diesen einen L.A.-Sound. Es war nicht so vielschichtig wie heute. Man findet hier gerade unheimlich interessanten Jazz oder auch experimentelle Musik. Was ganz anderes als nur Pop oder diesen Rockband-Sound. Die Bands inspirieren sich hier gegenseitig, sie strecken ihre Fühler aus und machen wirklich interessante Sachen. Auch die ganzen Songwriter die es hier gibt, hören sich gegenseitig und reflektieren. Es ist gerade eine spannende Zeit hier.

Eine Band mit der du vor allem in Brasilien großen Erfolg hattest war Los Hermanos. Was für einen Sound habt ihr gemacht?

Los Hermanos war eine Punk Band inspiriert vom Samba der Dreißiger- und Vierzigerjahre - was die Klangfolgen, die Motive, die Texte und die Melodien anging. Abgewandelter Punk könnte man sagen. Unser Sound war ziemlich einzigartig für die Zeit. Los Hermanos war meine erste Band. Ich war noch in der Schule und hatte überhaupt nicht vor Musiker zu werden. Ich hab Marcelo getroffen, der gerade die Band gründen wollte und er hat mich gefragt ob ich mitmache. Ich war also von Anfang an dabei. Wir sind bekannt geworden und bekamen unseren ersten Plattenvertrag - wir waren in Brasilien eine wirklich berühmte Band. Das hat mich damals von noch abstruseren Plänen für mein Leben abgehalten - ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung.

Deine zweite Band war dann das Orquestra Imperial.

Es gibt diesen Samba-Stil der lange ziemlich unpopulär in Rio war - gespielt von einer Prä-Bossa-Nova-Band. Eine Riesenband, die Latin-Musik und klassischen Samba spielte. Das wollten wir machen. Wir hatten eine große Bläsersektion, Perkussions, zwei Gitarren, einen Pianisten und vier Sänger. Es hat wirklich wahnsinnig Spaß gemacht. Und unsere erste Besetzung war wirklich golden: Seu Jorge hat gesungen, Moreno Veloso und Ruben Jacobina - es war eine Band mit 20 Songwritern (lacht). Leute aus allen Altersgruppen haben da gespielt, manche in ihren Zwanzigern, während andere schon in ihren Siebzigern waren. Ich habe mit dieser Band so viel gelernt. Auch von den unterschiedlichen Charakteren der Musiker - von den Verrücktesten bis hin zu den ganz Ruhigen, hatten wir alles dabei. Es war eine wirklich großartige Sache.

Mit Devendra Banhat hast du außerdem drei Alben aufgenommen. Wie habt ihr euch kennengelernt?

Wir haben uns auf einem Festival in London getroffen und uns sofort angefreundet. Die Unterhaltung war ungezwungen, wir hatten Drinks und haben uns einfach gleich verstanden. Daraus ist diese wirklich besondere Freundschaft gewachsen. Als wir uns entschieden, zusammen zu arbeiten, dachte ich ich würde vielleicht eine Woche in Kalifornien bleiben - daraus wurden am Ende zwei Monate. Später haben wir sogar zusammengelebt, als Mitbewohner. Er hat mein Leben wirklich verändert. Ohne ihn hätte ich wohl auch nicht mit Fab und Binki für Little Joy Musik gemacht. Ich wäre nicht dort wo ich jetzt bin, mein Leben wäre ein anderes. Ich bin also wirklich dankbar, dass ich ihn getroffen habe.

Seit vielen Jahren tourst du mit deiner Solo-Show um die Welt - nur du und deine Gitarre. Wie kam es dazu?

Das erste Mal, als ich solo mit meiner Gitarre aufgetreten bin, war in Paris. Ich war eigentlich nur für ein paar Pressetermine da. Ohne Band, nur mit meiner Gitarre, um ein paar Videos aufzunehmen und so. Das Label hat mich gefragt: Wenn du schon mal hier bist, willst du nicht auch ein Konzert spielen? Ich sagte: Okay klar, das mache ich! Der Saal war voll bis in die letzten Reihen und es hat sich komisch angefühlt, aber irgendwie auch schön. Ich war in einem fragilen Zustand, ich ganz alleine - nur mit der Gitarre. Das hatte etwas Riskantes, Gefährliches für mich. Ich habe so viel gelernt bei dem Konzert und seither spiele ich Solo-Konzerte auf der ganzen Welt. Für mich war es also ein unvergessliches Erlebnis!

Stand: 05.11.2018, 13:00