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Many Ameri: "Komplementär zum bestehenden Ökosystem"

Many Ameri

Interview mit Many Ameri

Many Ameri: "Komplementär zum bestehenden Ökosystem"

Von Lukasz Tomaszewski

Many Ameri, der Leiter und Mitbegründer der Red Bull Music Academy, spricht im COSMO-Interview über die Ausrichtung der Academy, den Standort Berlin und das Verhältnis zu Red-Bull-Chef Dietrich Mateschitz.

Die Red Bull Music Academy feiert gerade ihr 20-jähriges Bestehen in Berlin. Was lernen die 60 Musikerinnen bei euch?

Die Grundidee ist, dass wir Menschen aus verschiedenen musikalischen und kulturellen Hintergründen zusammenbringen und einen Rahmen schaffen, in dem sie voneinander lernen können. Und von Menschen, die in den letzten drei, vier Jahrzehnten Musik geprägt haben. Diese Menschen nennen wir Lecturer. Das können Pioniere sein von bestimmten Musikstilen: Von Björk bis Erykah Badu von Philip Glass bis Iggy Pop.

Diese Künstler kommen her und erklären den Kontext um die Musik. Und das machen die in einem Raum, unserer Lecture Hall. Da sitzen 30 Teilnehmer drin, Musiker aus verschiedensten Genres. Und daraus entsteht eine ganz interessante Dynamik, weil man eben nicht darauf bauen kann, dass jeder alles kennt. Und daraus entstehen Gespräche, die diese Brücken schlagen zwischen Generationen und verschiedenen Ansätzen, und eben auch Menschen einen Zugang zu Musikrichtungen ermöglichen, die ihnen fremd waren.

Kommen wir zum Standort Berlin, den ihr zum 20 jährigen Bestehen der RBMA gewählt habt. Was bedeutet die Musik- und Kulturstadt für euch Macher?

Diese ganze Geschichte hat hier in Berlin angefangen, in einem weniger glamourösen Friedrichshain. Die Teilnehmer kamen damals nur aus Deutschland, Österreich und der Schweiz und eben nicht aus 37 Ländern. Aber so hat sich diese Stadt auch gewandelt. Zu der Zeit kamen schon internationale Künstler nach Berlin um aufzutreten.

Aber jetzt ist es ja so: Man siedelt sich ja auch hier an und man wohnt hier und jetzt ist  Berlin plötzlich eine Stadt, in der wir mehr Alumni der Akademien und ehemalige Lecturer haben als in irgendeiner anderen Stadt zuvor. Natürlich sind wir sehr verbunden mit dieser Stadt. Wir sind auch als Institution sozusagen stark aus dieser Clubkultur heraus gewachsen.

Ihr habt innerhalb eines Monats über 30 Events in Berlin. Einige Veranstalter der Freien Szene sind verunsichert, weil ihr mit dem großen Budget eines privaten Sponsors sehr teure Acts in die Clubs bucht. Sie können einfach nicht mit euch konkurrieren.

Grundsätzlich muss man vielleicht sagen, dass das Ganze ja nicht ein Sponsorship ist, sondern eine Initiative von Red Bull. Das ist losgegangen mit Red Bull, die gesagt haben: Wir wollen etwas in der Musik machen. Es soll langfristig sein. Und das heißt, irgendetwas zu kreieren, was es auch verdient in Jahren noch da zu sein. Dieses Gespräch hat 1997 stattgefunden. Und aus dieser Aufgabe heraus ist letztlich die Idee für die Academy entstanden. Und zwar eine Institution, die sich der Förderung der Kreativität in der Musik widmet. Unser Ansatz war etwas zu kreieren, was komplementär ist zum bestehenden Ökosystem.

Ein Beispiel?

Wenn ich eine musikalische Geschichte erzählen möchte, wen brauche ich dann, um den Kontext drumherum zu erklären? Kamasi Washington macht das beste Album im Spiritual Jazz, und plötzlich interessieren sich junge Leute für Spiritual Jazz. Man könnte jetzt sagen: Man packt den Mann auf eine Bühne, und die Tickets verkaufen sich. Wir fangen an und schreiben ein Editorial drum herum. Wir erklären Spiritual Jazz. Bei dem Konzert kommt dann Pharoah Sanders dazu, darüber hinaus kommt mit 91 Jahren Marshall Allen mit dem gesamten Sun Ra Arkestra auch noch auf die Bühne. Und wir kreieren eine Nacht, die nicht in einem Jazzclub stattfindet, wo Leute Chicken Wings essen und 300 Dollar für ein Ticket bezahlt haben. Sondern das passiert dann in Brooklyn in einem Umfeld wo junge und alte Menschen aufeinandertreffen.

Wenn man sich unser Programm auch hier in Berlin anguckt, dann wird man viele dieser Geschichten sehen. Wir geben diesen Leuten hier eine Stimme. Es ist doch so, dass wir mit sehr vielen lokalen Kollektiven gearbeitet haben, um das umzusetzen. Wir sind hier nicht wie ein UFO gelandet. Wir arbeiten in diesen Ländern und in den Städten, in denen die Akademie stattfindet knapp ein Jahr oder anderthalb Jahre im Vorfeld. Unser gesamtes Team besteht aus knapp 140 Leuten. Ich glaube 30- 40 sind aus unserem internationalen Team. Und der Rest ist immer lokal.

Wie unabhängig ist die RBMA von Konzernchef Dietrich Mateschitz und seinen politischen Statements in der österreichischen Politik?

Ich glaube erneut: Man muss es ein bisschen sauberer erklären. Es ist einfach nicht so, dass wir eine Organisation sind, die sich jemanden gesucht hat, der das finanziert. Das war ein Auftrag mit dem Entschluss dieser Marke, die das im Sport-Umfeld auch schon gemacht hatte, sich auf einem Grassroots- Level zu engagieren. In den Neunzigern zu sagen: Was können wir eigentlich in der Musik machen? Wir sind bereit dazu. Wie machen wir es? Wir haben dann diese Academy entwickelt. Ich habe vorhin erwähnt, dass wir in mehr als 60 Ländern Workshops organisieren.

Die Menschen die das dort in diesen Ländern umsetzen, sind Red-Bull-Mitarbeiter. Das ist nicht so, dass es sozusagen eine Agentur ist, an die das outgesourced ist. Sondern wenn da irgendwie ein Workshop stattfindet, dann geht ein Red-Bull-Mitarbeiter dahin und stellt zwei Lautsprecher und eine Couch hin und Plattenspieler und organisiert das. Die Art, wie wir das über diese 20 Jahre aufgebaut haben, ist möglich gewesen durch die Struktur, die dahinter steht, und die Menschen, die dahinter stehen. So kann ich auch nur über diese Marke reden und diese Menschen und das, was wir sozusagen über diese zwanzig Jahre durch unser Programm gemacht haben. Ich kann nicht im Namen des Eigentümers der Firma sprechen.

Seid ihr nicht vor den Kopf gestoßen, wenn ihr rechtspopulistische Äußerungen des Inhabers des Unternehmens hört? Wie geht ihr als Macher damit um?

Ich glaube, dass das Allerwichtigste, in der Zeit in der wir leben, Taten sind. Und wenn man sich unser Programm hier anguckt in Berlin, in São Paulo, in jedem Land, in dem wir Festivals haben - es gibt sechzehn Festivals, neben den Workshops, die wir machen -, dann präsentieren wir dort Künstler, die so nie aufeinandergetroffen wären. Wir haben über diese ganzen Jahre verschiedensten Identitäten, Kulturen und so weiter eine Plattform geboten und werden das auch weiter tun. Ich glaube, es ist einfach essenziell das sprechen zu lassen.

Und vonseiten der Konzernführung - gibt es da Einwände oder Zweifel am Konzept? Seid ihr völlig autonom?

Diese Trennung aufzumachen, ist ein bisschen komisch, weil wir diese Projekte sozusagen mit den Mitarbeitern dieses Konzerns setzen, oder dieser Marke. Und: Nein. Diese Diskussion gibt es nicht, sondern es wird Tag für Tag weltweit umgesetzt.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Stand: 01.10.2018, 13:00