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Pop und Populismus

#wirsindmehr-Konzert in Chemnitz

Haltung zeigen

Pop und Populismus

In unserer Wochenserie "Pop und Populismus" zeigen wir, wie Musiker weltweit nach Antworten auf Hate Speech, Diskriminierung und Aushöhlung der Demokratie durch den Populismus antworten.

Ob Donald Trump in den USA, Matteo Salvini in Italien, Jarosław Kaczyński in Polen oder Nicolas Maduro in Venezuela. Weltweit erleben wir das Aufstreben von Populisten. Die demokratischen Spielregeln und Kontrollmechanismen werden ausgehebelt zum vermeintlichen Wohl der Mehrheitsgesellschaft. Flüchtlinge werden als Gefahr dargestellt. Die Kultur -und Musikszene antwortet mit unterschiedlichen Protestformen.

Chemnitz: #Wirsindmehr

Tagelang demonstrierten Neonazis und Rassisten in Chemnitz und nahmen die sächsische Stadt für sich ein. Bei den Gewaltausbrüchen kam es zu Jagdszenen auf vermeintlich fremd aussehende Menschen. Die Bilder des Rechten Mobs in Chemnitz erschütterten viele Menschen in Deutschland. Nach zwei Tagen des Entsetzens und Schockstarre reagierte ein Bündnis von befreundeten Musikern mit der Initiative #wirsindmehr - einem gemeinsamem Konzert von Global-Pop-Künstlern. Die Toten Hosen, Marteria & Casper, K.I.Z, Feine Sahne Fischfilet sowie die Chemnitzer Künstler Kraftklub und Trettmann spielten ein Konzert vor 65.000 Menschen in der Innenstadt und schrieben damit Geschichte.

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Unterstützung für täglichen Kampf gegen Rassismus

Kraftclub-Sänger Felix Brummer sagte vor dem Konzert auf einer Pressekonferenz: "Wir sind nicht naiv. Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass man ein Konzert macht und dann ist die Welt gerettet. Aber manchmal ist es wichtig und notwendig, dass man sich nicht alleine fühlt." Im Chemnitzer Publikum stand der 80-jährige Rentner neben zehnjährigen Schülern. Der Rap-Hipster neben dem Punk-Antifa. Das Event begann mit einer Schweigeminute für das Todesopfer und seine Angehörigen. Viele Musiker sagten auf der Bühne, dass man die Leute in Sachsen unterstützen müsse, die sich täglich gegen Nazis, Pegida und AfD einsetzen. Es wurde immer wieder betont, dass es kein einmaliges Event, sondern der Startschuss für eine ganze Reihe von Konzerten sein soll.

USA: Konfrontativ gegen Sexismus und Trump-Amerika

Niña Dioz ist eine mexikanische Rapperin und lebt in Los Angeles. Im Vergleich zu Trump-Kritikern wie Childish Gambino oder Talib Kweli ist sie vielleicht eher ein Leichtgewicht. Aber sie ist von vielen Aspekten der Trump-Politik direkt betroffen und äußert sich dagegen als kritische Künstlerin: "Ich bin als homosexuelle Einwanderin in die USA gezogen, als Donals Trump Präsident wurde. Das war heftig, aber es hat meine Musik sehr inspiriert. Meine Musik war nicht immer politisch. Aber es war der Moment, die Dinge beim Namen zu nennen. Viele meiner Freunde leben in ständiger Angst abgeschoben zu werden. Wenn die Emigranten aus Los Angeles wegziehen, dann würde die Stadt zusammenbrechen."

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Messerschaffe Raps gegen die moralischen Widersprüche von Trumps Amerika

Egal ob gegen Rassismus im Weißen Haus, Waffengewalt auf den Straßen oder den Sexismus eines Harvey Weinstein: Niña Dioz nennt alles und jeden schonungslos beim Namen. Sie lässt keine Gelegenheit aus, um für Gender-Gerechtigkeit und gegen Diskriminierung von Minderheiten einzustehen. Etwa beim Latin Alternative Music Festival in New York oder bei Events für die Rechte der LGTBI-Community. Damit liefert die junge Rapperin ein Beispiel dafür, wie man mit Global Pop undogmatisch und trotzdem scharfzüngig und provokativ gegen Vorurteile und Hate Speech der heutigen Populisten angehen kann.

Venezuela: Mit Folklore gegen Hunger und Gewalt

Venezuela: Einst florierende Erdölnation. Heute bekannt für sozialistische Misswirtschaft, Rekordinflation und den Populismus des Nicolas Maduro. Seit mehreren Monaten fliehen Menschen in Massen in die Nachbarländer. Früher war Venezuela ein wichtiger Treffpunkt der Latin-Music. Heute kommt aus Angst niemand mehr aus dem Ausland. Die meisten Künstler sind ausgewandert. Die einzige international tourende Band ist die Folk-Formation "Betsayda Machado y la Parranda del Clavo".

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Mutig thematisiert die Band die katastrophalen Verhältnisse im Land. Betsayda Mechado gilt seit vielen Jahren als die Stimme des schwarzen Venezuela. In ihrer Gemeinde El Clavo wird die afrikanische geprägte Parranda-Musik seit Jahrhunderten gepflegt, die auf Trommeln und Gesang basiert. In ihren Songs geht es um den täglichen Überlebenskampf in Zeiten der aktuellen Versorgungskrise oder um die grassierende Gewalt. Mit solchen Zeilen spricht die Sängerin ihren Landsleuten aus dem Herzen. Betsayda Machado klagt an, ohne die Namen der Verantwortlichen zu nennen. Das wäre viel zu gefährlich. Musik ist für sie trotzdem ein politisches Instrument: "Die Musik ist die Sprache, mit der man eine Botschaft senden kann außerhalb des Parlaments. Um zu sagen was man fühlt. Und es ist kein Geheimnis, dass die Lage in Venezuela sehr schwer ist. Es ist wirklich sehr schwer mit anzuschauen, was in Venezuela gerade passiert, wie die Menschen wegsterben." Betsada Machado y la Parranda del Clavo haben sich zu kulturellen Botschaftern entwickelt. Allein dadurch bieten die Band dem Populisten Nicolás Maduro die Stirn.

Polen: Hańba - Literarische Fiktion antizipiert der Krise

Polen hat sich seit dem Antritt der PiS- Regierung innerhalb von drei Jahren vom Musterschüler der EU zum Enfant Terrible gewandelt. Die Nationalkonservative Partei hat Gerichte und Presse eingeschränkt und den nationalistischen Diskurs befeuert. Die vier Musiker der Krakauer Band Hańba singe mit Punkrock auf akustischen Instrumenten gegen Nationalismus, Antisemitismus und Kapitalismus an - allerdings mit einem besonderen Dreh. Denn es geht vordergründig gar nicht um die aktuelle PiS-Regierung. Hańba beschreiben sich selbst als eine rebellische Hofkapelle aus dem Jahr 1937. Das ist literarische Fiktion in der Vergangenheit: Jeder Musiker hat sich auch ein Pseudonym gegeben und verkörpert auf der Bühne eine fiktive Figur.

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Zeitreise in die Vergangenheit

Warum sich die vier Musiker gerade mit den Dreißigerjahren beschäftigen, erzählt Tubaspieler Ignacy Woland: "Der Punkrock braucht einen eigenen Kontext. Er braucht die Revolte. Als wir die Band vor ein paar Jahren gegründet haben, gab es keine Gründe, um uns gegen die aktuelle Situation aufzulehnen, also haben wir die Uhr zurückgedreht, auf der Suche nach einer ereignisreichen Zeit. In den 20er- und 30er-Jahren ist wahnsinnig viel passiert. Eine wunderbare Literatur, die Städte florieren, Polen erlebt eine Blütephase nach der erlangten Unabhängigkeit. Gleichzeitig passieren viele schlimme Sachen: gesellschaftliche Ungerechtigkeiten, Antisemitismus, auf der einen Seite sind Kommunisten auf der anderen Nationalisten. Viel Anspannung und Aggression. Wir fanden: Das ist die Zeit aus der wir schöpfen können."

Hańba haben mit ihren fiktiven Figuren und den polarisierten Texten eine Art Orwellsche Vision für die aktuellen politischen Verhältnisse geliefert. Die Musiker zeigen gerade mit diesem Hang zum Abstrakten, das wir aus der Geschichte lernen können, damit sie sich nicht wiederholt.

Italien: "Noi non stiamo con Salvini" – Wir sind nicht mit Salvini einverstanden

Italien will seit dem Amtsantritt der neuen Regierung seine Häfen für alle internationalen Rettungseinsätze sperren, Schiffe privater Seenotretter dürfen seit Juni nicht mehr einlaufen. Ihre humanitäre Arbeit wird kriminalisiert. Ende Juni titelte die italienischen Ausgabe des Rolling Stone "Noi non stiamo con Salvini" – übersetzt: Wir sind nicht mit Salvini einverstanden. Das Magazin hatte ein Motto, nämlich: #Chitasceecomplice – also, wer schweigt ist Komplize. Im Editorial stand geschrieben, es sei notwendig Verbündete zu finden. In diesem Kampf ginge es darum, dass Italien eine offene, moderne, liberale und solidarische Gesellschaft bleibt. 50 Prominente aus der Kulturszene haben das jeweils einer persönlichen Erklärung unterzeichnet: Sänger, Musiker, DJs, Produzenten, Rapper, Schriftsteller.

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Seit dreißig Jahren auf der Bühne engagiert

Einer von ihnen ist der sizilianische Sänger, Trompeter und Produzent Roy Paci. Er hat schon gegen die Regierungen von Silvio Berlusconi angespielt und lieferte an der Seite von Manu Chao mit Radio Bemba den Soundtrack der globalisierungskritischen Bewegung. Im Rolling Stone schreibt Roy Paci: "Das Thema Migranten hat mir immer schon am Herzen gelegen. Als Sizilianer weiß ich, was es für meine Leute bedeutet hat, ihr Land zu verlassen, um ihren Kindern eine Zukunft zu sichern. Heute frage ich mich, ob es noch möglich ist, eine Kultur der Gastfreundschaft aufrecht zu erhalten. In einem historisch-politischen Moment, in dem die einzige Logik darin besteht, sich durch Intoleranz und subtileren Rassismus durchzusetzen." Roy Paci macht sich seit dreißig Jahren auf der Bühne gegen Unterdrückung und Fremdenhass stark und sagt: "Ich glaube, ein Protest gegen Salvini ist ein genereller Protest gegen das aktuelle politische Klima in Italien. Ich habe immer daran geglaubt, dass es nichts Wichtigeres gibt, als die universelle Liebe. Und darum muss man gegen bestimmte politische Positionen rebellieren."

Die Kampagne "Noi non stiamo con Salvini" hat natürlich hohe Wellen geschlagen und die neue Regierung auch verärgert. Diese meinte, die Unterzeichner und die Mitarbeiter des Rolling Stone seien nichts Weiteres als die "Radikale Schikeria" und Dilettanten. Fazit: Ein breites Bündnis von Musikern gegen eine populistische Politik der Abschottung löst Debatten aus und stört rechte Demagogen. Musiker anderer Länder können von ihren italienischen Kollegen lernen.

Stand: 10.09.2018, 11:47