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Deutschland und britische Popmusik - eine Lovestory

Beatles 1964

Popmusikliebe zwischen UK + D

Deutschland und britische Popmusik - eine Lovestory

Von Christian Werthschulte

Deutschland und Großbritannien verbindet eine lange Pop-Lovestory. Doch der Brexit führt zu einer Beziehungskrise.

Deutschland und britische Popmusik - das ist eine Lovestory, die schon 50 Jahre anhält. Die Beatles haben ihre Karriere in Hamburg begonnen und hatten in Deutschland so viele Fans, dass sie ihre frühen Songs auch auf Deutsch aufgenommen haben. Zur Punk-Zeit in den späten Siebzigern sind regelmäßig Deutsche nach London gepilgert. Und wer in den Neunzigern auf Popmusik stand, war entweder Fan von Britpop-Bands wie Blur oder von TripHop-Bands wie Massive Attack.

Deutschland und britische Popmusik - eine Lovestory

COSMO 01.03.2019 07:53 Min. Verfügbar bis 29.02.2020 COSMO

Die britische Musikszene ist multikulturell und hat Humor. "London und überhaupt das UK ist halt auch so eine Fusion aus den verschiedenen Styles", sagt Trettmann. "Da trifft die Karibik auf HipHop, auf Pop, auf Rap." Britischer Pop hat die Musik der Einwanderer aus Jamaika oder Westafrika früh umarmt. Deshalb entstehen dort auch immer neue Stile, die man hier in Deutschland dann als "typisch britisch" abfeiert.

Reggae-Soldaten vs. Marschmusik

Für den Erfolg britischer Popmusik in Deutschland war jedoch auch das Militär verantwortlich. Nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Jahrtausendwende waren in Deutschland britische Soldaten stationiert, die einen eigenen Radiosender hatten: BFBS - British Forces Broadcasting Service. Dort konnte man etwa die Sendung von David Rodigan hören, einem Reggae-DJ aus London, der die neuesten Riddims aus Kingston und London gespielt hat. Kein deutschsprachiger Sender hatte diese Musik auf dem Schirm. Man könnte fast sagen, dass auch Pop-Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt war. Im Westen und Norden hat man britischen Pop und Reggae gehört. In Hessen, Rheinland-Pfalz und Bayern eher amerikanischen Pop und Soul vom US-Soldatensender AFN.

David Rodigan schwarz-weiss

Trans-Europa-Express Krautrock

Aber die Popliebe zwischen Großbritannien und Deutschland war recht einseitig. Die deutschen Popstars wie Grönemeyer, Udo Lindenberg oder Helene Fischer sind in Großbritannien nur Objekte des Spotts. Stattdessen wird dort eine Gruppe von Bands aus den Siebzigerjahren verehrt, die in Deutschland fast nur unter Musiknerds bekannt ist. Bands wie Kraftwerk, Can, Amon Düül oder Neu!. Bei ihnen trifft deutscher Modernismus auf anglo-amerikanische Rockmusik. Dabei kam ein Mischung aus mechanischen Schlagzeugspuren, Rockgitarren und Synthesizern heraus: hypnotisch, kosmisch und entfremdet. In Großbritannien nannte man diese Bands "Krautrock", nach dem alten Schimpfwort für Deutsche, den "Krauts".

Kraftwerk in Düsseldorf

Aber das ist mittlerweile ein Kompliment, erzählt der britische Musikjournalist David Stubbs: "Krautrock ist ein Kultding. In jedem englischen Plattenladen findet man ein kleines Fach mit Krautrock-Platten und der Stil ist sehr einflussreich unter Musikern." David Stubbs ist der Autor des Standardwerks "Future Days. Krautrock and the Building of Western Germany" - auch bezeichnend, dass ein Buch über Krautrock aus England kommt. 

Als die Krautrockbands in Großbritannien wahrgenommen wurden, war der Zweite Weltkrieg dort immer noch sehr präsent. Die Musikzeitschrift NME etwa hat den ersten Kraftwerk-Artikel 1975 mit einem Bild des Nürnberger Parteitags der Nazis unterlegt. Aber solche Assoziationen haben den Bands eher genutzt als geschadet. "Kraftwerk haben ihr Deutschsein betont, weil ihnen das Aufmerksamkeit eingebracht hat", erklärt David Stubbs. Und als David Bowie erst die Krautrock-Bands und dann Berlin für sich entdeckte, hatte sich die Wahrnehmung umgedreht: "Alles 'Germanische' war auf einmal wahnsinnig cool statt total lächerlich."

David Bowie im Jahr 1973 auf einer Treppe sitzend

Berlin Calling

Durch David Bowie wurde Deutschland endgültig zum Sehnsuchtsort für britische Popmusik. Da spielte die morbide Atmosphäre der geteilten Stadt Berlin eine Rolle. Aber auch das Deutschland der Zwanzigerjahre, das Zentrum der Avantgarde, nach dem sich etwa die Goth-Band Bauhaus benannt hat. Berlin ist bis heute ein Sehnsuchtsort für viele britische Musiker geblieben - wenn auch aus anderen Gründen. In London haben in den letzten Jahren viele Clubs geschlossen oder sehr rigide Auflagen bekommen.

Viele DJs aus Großbritannien legen deshalb mittlerweile regelmäßig in Berlin auf, etwa im Berghain oder im Gretchen. Oder sie sind wegen der billigen Mieten nach Berlin gezogen. Wo sie aber ihren Londoner Sound weiter produzieren, da ist Berlin in erster Linie Kulisse. Dieses idyllische Hin- und Herjetten wird nach einem Brexit vermutlich nicht mehr so weitergehen können, sodass der Ausstieg der Briten aus der EU auch eine Krise in der Liebesbeziehung von Pop-Deutschland und Pop-Britannien bedeuten wird.

Stand: 27.02.2019, 15:13