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"Ich war gezwungen, die Welt aus mehreren Perspektiven zu sehen"

Oddisee - "The Iceberg"

Interview mit Oddisee

"Ich war gezwungen, die Welt aus mehreren Perspektiven zu sehen"

Von Siham El-Maimouni

King of Poetry ist als Beschreibung für den Rapper Oddisee wohl nicht zu hoch gegriffen: Der Wort-Akrobat verpackt Persönliches und Politisches in wohlklingende Lyrics und erzählt dabei wichtige Geschichten aus dem Leben eines Mannes, der in mehreren Welten Zuhause ist.

Wir lieben es, dass du die Themen, über die du rappst, nicht nur oberflächlich betrachtest, sondern immer tief in die Themen einsteigst. Auch auf deinem neuen Album ist das so - The Iceberg - ein sehr, sehr schönes Album.

Oddisee: Danke, das freut mich!

Welche Themen stehen auf deinem Album im Fokus?

Oddisee: Finanzen, Liebe, Selbstzweifel, Politik, Einwanderung - alles, was mir persönlich so passiert ist, was ich selbst nicht als so persönlich wahrgenommen habe. Und natürlich, was beim Rest der Welt auch noch so schief läuft. Zum Start des Albums war ich sehr retrospektiv und wollte eher die tiefen und inneren Vorgänge in mir ausdrücken. Aber als ich weiter daran schrieb, war so viel los in der Welt, was genauso wichtig war und auch einen detaillierten Blick verdient hat. Das Album wandelte sich von einem sehr persönlichen zu einem eher perspektivischen Album.

Wo du über die Ereignisse der Welt sprichst - bestimmt auch über die Flüchtlingssituation, oder?

Oddisee: Ja, definitiv. Aber auch die gesamten Makel der Einwanderung, Flucht und Islamophobie - Dinge die mich auch betreffen.

Du sprichst fließend Arabisch…

Oddisee: Ja.

Konntest du mit vielen Flüchtlingen in ihrer Muttersprache sprechen?

Oddisee: Ja, tatsächlich. Ich habe gestern eine Show in München gespielt und das letzte Mal als ich da war, gab es eine Organisation, die Kinder, die zu Fuß geflüchtet sind, zum Konzert gebracht haben. Einfach, damit sie etwas erleben können. Und genau diese Interaktion mit den 10 bis 12-jährigen Kindern brachte mich dazu, den Song Lifting Shadows zu schreiben, der auf meiner Al Wasta EP drauf ist.

Wie schwer ist es, nach so einem Erlebnis wieder nach Hause zu gehen und am Album weiter zu schreiben? Oder gibt dir das eher einen Kreativitätsschub?

Oddisee: Ich bekomme konstant durch meine Reisen Inspiration und Kreativität. Ich kann nicht auf alle meine Reisen zurückblicken, aber ich versuche, offen zu sein für jegliche Art von Inspiration. Und so kam es auch dazu, dass diese Zeit auf verschiedene Weisen sehr ernst und traurig war. Es gab schon viele Krisen-Zeiten, aber den Menschen wird es nicht klar, bis es sie direkt betrifft. 

Dieses Erlebnis war eines der wenigen, wo mich die Krise direkt betroffen hat. Wo ich es persönlich miterlebt habe und mir meine eigene Familie vorstellen konnte - das hat in mir eine ganz neue Ebene des Verständnisses und der Empathie entstehen lassen. Ein Level, das ich vorher noch nicht erlebt hatte. Mir ist bewusst geworden, dass meine Musik mehr Verantwortung trägt, als ich es mir zuvor zugestanden habe.

Woher hast du dieses Selbstbewusstsein, in deinen Songs so deutlich über politische Missstände zu rappen? Hast du das von deiner Familie? Oder von deiner Community, in der du groß geworden bist?

Oddisee: Ich denke, das kommt aus Washington D.C., wo ich aufgewachsen bin. Meine Eltern sind tatsächlich gar nicht so politisch, es hat eher zu tun mit der Art und Weise, wie ich aufgewachsen bin - ich glaube, der richtige Ausdruck ist: bi-ethnisch - meine Mutter ist Afro-Amerikanisch und mein Vater Sudanisch. Ich war gezwungen, die Welt durch zwei Linsen gleichzeitig zu sehen: Durch die Augen eines Immigranten, der von außen hineinblickt in die Gesellschaft und durch die Augen einer US-Amerikaners, die von Innen auf hinaus auf die Welt blickt. Diese beiden, total verschiedenen Perspektiven zu haben, hat mein Interesse geweckt, mehr über den Rest der Welt, Politik und sozialen Strukturen zu erfahren. Als Kind habe ich es als ein Privileg gesehen, nur mit einer Religion, Sprache und Ethnie aufzuwachsen. Aber später habe ich gemerkt, dass Leute, die nur einen Blick auf die Dinge hatten, es gar nicht besser hatten. Viele Leute werden in "die eine" Perspektive hineingeboren und die Werte der Eltern werden ihnen mehr oder weniger bewusst aufgezwungen, ohne dass eine echte Wahl haben. Ich habe festgestellt, dass das größte Geschenk war, dass ich, bei fast allem, woran ich glaube, eine Wahl hatte.

Wann hast du das erste Mal gemerkt, dass es kulturelle Differenzen zwischen dir und deinen Freunden gibt?

Oddisee: Ich war noch sehr jung. Ich habe gemerkt, dass mein Haus anders riecht, als das meiner Freunde. Auch meine Lunchboxen waren anders als die typischen aus der Vorschule. Ich wurde für mein Falafel mit Joghurtsauce und Pita-Brot ausgelacht! Und jetzt ist DAS gesunde Essen im Westen.

Du warst schon ein Hipster, bevor es Hipster gab!

Oddisee: Definitiv!

Schauen wir auf die Lyrics in deinem Song "You Grow Up". Dort rappst du: "While I was trying to keep my Nikes clean, he was trying to scuff his chucks up”.

Oddisee: Ja! Das ist tatsächlich eine wahre Geschichte. In dem Song sind wahre Elemente, die ich mit Geschichten aus den Nachrichten vermischt habe, um der Story eine breitere Perspektive zu geben. Aber ich erinnere mich an einen der Bezirke, wo ich aufgewachsen bin, es war ein sehr gemischter Bezirk und einer meiner besten Freunde war weiß. Ich werde niemals vergessen: Ich war mit meiner Mutter am Wochenende unterwegs - unter der Woche war ich immer bei meinem Vater. Meine Mutter kam aus der Stadt und mein Vater hat mich in der Vorstadt großgezogen. Ich bin immer zwischen den ärmeren und reicheren Bezirken gependelt. Mein Kleidungsstil kam immer von der mütterlichen, urbanen Seite. Es ging immer darum Nikes zu haben und die möglichst fresh zu halten. Auf der anderen Seite habe ich immer meinen Freund gesehen - er hat ein neues Paar Converse bekommen und hat sie bewusst dreckig gemacht, ging skaten und ich sagte immer: "Was machst du da, deine Mutter bringt dich um!". Und er so: "Nein, nein, ist schon ok, die sehen besser aus, wenn sie dreckig sind". Ich hatte derweil eine Zahnbürste im Rucksack, nur um die Nikes sauber halten zu können. Das war ein großer Unterschied, auch wenn wir beide US-Amerikaner sind.

Wie präsent ist nubische Musik Tradition auf deinem neuen Album? Wir wissen, dass du sudanische Einflüsse hast und die sich auch manchmal in deiner Musik zeigen.

Oddisee: Auf "The Iceberg" habe ich tatsächlich keine sudanischen Einflüsse. Ich wollte wieder mehr in Richtung Washington D.C. gehen. Da sind definitiv Go-go-Musik-Einflüsse. Da gibt es zum Beispiel den Song "NNGE - Never Not Gettin‘ Enough". Ich wollte diesmal einen anderen Weg gehen.

Dann lass uns doch direkt über den Song sprechen. Woher kommt der Sound?

Oddisee: Go-go Music - das ist ein sehr lokales Genre aus Washington D.C. Die Kernelemente sind Drums und Congas, mit denen sind wir aufgewachsen. Das ist wohl die populärste Musik in Washington, größer als Rap sogar. Es hat D.C. auch nie wirklich verlassen. In der 80ern hat es sich entwickelt. New Jack Swing entstand aus früher Go-go Music. Songs von Salt & Pepper und Kid ’n Play hatten New Jack Swing Einflüsse.

Du rappst: "What is there to fear, I’m from black America, this is just another year. "Keine Sorgen über Herrn Trump?

Oddisee: Nein, nicht für Schwarze. Ich denke, der Rest des Landes bemerkt erst jetzt, dass sie Rassisten sind und dass wir Schwarzen Recht hatten. Das ist die lustige Seite des Themas, aber die ernsthafte Seite ist: Seit unserer Existenz haben wir Hindernisse und durchsichtige Wände überwinden müssen. Egal, wie normal die Dinge werden, wir haben immer diese Angst, dass sie uns weggenommen werden. Darauf bist du vorbereitet, wenn du schwarz bist. Dass du einen rechten Präsidenten hast, macht so viel auch nicht mehr aus, wenn du immer schon befürchten musstest, dass alle so zu dir sind.

Mein Vater hat immer gesagt: Wir haben Bush überlebt, Trump schaffen wir auch noch. Das Komische ist ja, dass Bush sich jetzt auf die Seite der Presse geschlagen hat.

Oddisee: Leider muss man Wahrheit von Politik trennen. Das war ein Wiedergutmachungsmoment von Bush. Es war ein wirklich toller Wiedergutmachungs-Move von ihm. Wenn du gerade als einer der schlechtesten Präsidenten der Neuzeit in die Geschichte ein gehst und dann kommt so ein Clown ins Präsidentenamt kommt, dann stellst du dich halt schützend vor die Presse, die jetzt unter Beschuss ist. Das ist doch ein wirklich kluger Move um dein Image noch etwas zu aufzupolieren.

Du sagst, du bist immer derjenige, der am längsten braucht, wenn du mit der Band unterwegs bist. Ist das nur ein Running-Gag oder ist das wirklich so?

Oddisee: Das ist wirklich so - auch vor Trump - da hat sich nichts geändert. Wenn wir irgendwo einreisen, dann ist es ein Running-Gag, dass sich niemand der Band hinter mir anstellt, weil ich am längsten brauche um durch die Sicherheitskontrollen zu gelangen. Das liegt hauptsächlich daran, dass mein Vater sudanische Wurzeln hat und der Sudan ein sanktioniertes Land in den Staaten ist. Wenn du in meinen Reisepass guckst - es gibt einfach diese Algorithmen die einem sagen, ob man lieber etwas genauer kontrolliert werden sollte oder nicht und ich falle da genau ins Raster: Ich reise viel zwischen Frankreich, New York, Washington D.C. und dem Nahen Osten hin und her… ich weiß nicht was der Computer denkt, wenn er mich sieht.

Eigentlich ist es eine sehr traurige Geschichte, aber wir lachen trotzdem darüber… du bist auch eine sehr fröhliche Person…

Oddisee: Ja total. Ich hab das von meinem Dad, der hat mir das "beigebracht" kurz nach 9/11. Zu der Zeit war ich voll mit jugendlich-rebellischem Zorn. Ich sagte: "Das ist falsch, sie dürfen dir das nicht antun, nur weil du aus dem Sudan kommst!" und er meinte nur: "Chill! Du denkst, diese Leute sind die Präsidenten? Nein, die arbeiten auch nur 9 to 5. Lass sie in Ruhe ihren Job machen, es ist der Computer, der ihnen das sagt. Die wollen auch nur nach Hause, genauso wie wir hier raus wollen". Als ich es nicht mehr persönlich genommen habe, habe ich den Witz in den Dingen gesehen.

Was für ein cooler Vater… ein bisschen wie Yoda von Star Wars.

Oddisee: Ja, das ist er! Aber er ist trotzdem ein sehr gefährlicher Mann. Ich hab keinen Mann gesehen, der mehr Leute ausgeknockt hat als er. Ernsthaft, er ist ein sehr freundlicher Mensch, wenn du dich gut mit ihm stellst. Ein sehr großer und ernster Mann, aber gleichzeitig auch ein sehr gefühlvoller Mensch. Harte Schale, weicher Kern.

Aber du bringst deine Eltern nicht mit auf Tour, oder? Haben sie schon mal ein Konzert von dir gesehen?

Oddisee: Meine Mutter hat mein allererstes Konzert in Washington D.C. letztens gesehen. Mein Vater hat mich noch nie gesehen.

Wollte er nicht oder wolltest du nicht?

Oddisee: Es lag eher am Timing. Meine Mutter geht nicht viel raus. Ich hab sie mehr oder weniger dazu gezwungen, dass sie kommt, weil das Konzert quasi direkt gegenüber von ihrer Arbeit war. Ich sagte: "Mutter, du musst kommen, ich bin heute Abend direkt gegenüber". Dann war sie zum Soundcheck da, wir waren was Essen und sie hat die Show geliebt. Mein Vater und ich sind uns ziemlich ähnlich. Wir mögen es nicht, etwas aus reiner Verpflichtung zu tun. Wir möchten, dass Menschen die Sachen machen, weil sie Lust dazu haben und sich von sich aus verpflichtet fühlen. Wir beide verstehen uns so gut und wissen, dass wenn er jemals zu einem Konzert kommen würde und sich für meine Musik interessieren würde, dann nur um mich zu erfreuen, aber er würde kein Wort verstehen, weil er nichts von Rap-Musik versteht und sie auch nicht hört. Auch würde er meine Texte nicht verstehen, weil es zu schnell wäre und der Slang zu krass ist. Ich weiß, dass er sehr stolz auf mich ist. Wir haben vorhin telefoniert und er hat mich gefragt, wie das Business so läuft und ich habe gesagt: "Ja, es läuft. Ich bin gerade in Deutschland auf Tour". Wir fragen uns nur gegenseitig, wie das Business läuft, aber das war‘s dann auch. Aber damit sind wir cool.

Lass uns mal über die Musik reden, die dir gefällt. Wenn du nicht gerade dein eigenes Konzert gibst, zu welchen Konzerten gehst du oder welche Musik magst du? Zum Beispiel Alsarah & The Nubatones? Du kennst sie ja sehr gut.

Oddisee: Ja, natürlich. Ich war bei Alsarahs Gig. Ich wollte schon immer Seu Jorge sehen. Er kommt immer wieder nach New York und ich verpasse ihn ständig. Aber ich denke, ich gehe auf jeden Fall hin, wenn er das nächste Mal da ist. Ich möchte ihn wirklich gerne live sehen.

Was magst du an ihm? Ist es der Rhythmus? Oder einfach, weil er so ein cooler Typ ist?

Oddisee: Ja, er ist super cool! Seine Stimmfarbe und seine Stimme. Die Rohheit. Das ist auch der Name des Albums auf Englisch: Raw. Und es ist so roh! Das hört sich einfach nach einem Mann an, dessen Leben sich nicht in den Worten seiner Musik widerspiegelt, sondern in seiner Stimme. Aus dem Ton seiner Stimme kann ich sein Leben heraushören. Obwohl ich kein Portugiesisch verstehe, verbindet mich seine Musik mit ihm.

Jetzt zurück zu deiner Musik, deinem Gig, deiner Band The Good Company. Wie funktioniert das Zusammenspielen der Songs von The Iceberg? Klappt das soweit gut?

Oddisee: Ja, wir waren offiziell zwei Wochen unterwegs. Bis heute hatten wir insgesamt acht Auftritte. So weit so gut! Wir arbeiten immer noch an einigen Sachen zwischen uns, die dem Publikum unbekannt sind. Sachen, die wir verändern. Ich glaube, wir sind da angekommen, wo wir auf Autopilot umschalten können und nicht darüber nachdenken müssen, was wir spielen, sondern spielen, weil wir es fühlen.

Kannst du kurz für das Publikum, unsere Hörer, die dich live in Berlin oder Cologne sehen werden, die Musiker vorstellen, die live mit dir auf der Bühne stehen werden?

Oddisee: Klar! Bei dem Eröffnungsauftritt ist Olivier St. Louis meine Backgroundstimme und Gitarrist. Er ist ein toller Gitarrist und Sänger, der seine eigene Musik vor uns präsentieren wird. Am Bass ist Dennis Turner, der auch der musikalische Leiter der Band ist. Ein super Bassist und generell ein toller Musiker. An den Drums haben wir Jon Laine aus dem Norden Virginias. John hat über die Jahre für sehr viele Künstler gespielt. Es ist eine Ehre, ihn in meiner Band zu haben. Für alle Samples und weiteres, die nicht von Instrumenten gespielt werden, habe ich meinen DJ: DJ Unknown ist einer meiner ältesten Freunde. Am Keyboard ist Ralph Real aka Ralph Washington. Er ist auch bei den Backgroundstimmen dabei. Mit ihm habe ich bisher am längsten zusammen gearbeitet. Ralph spielt eigentlich das meiste auf meinem Album und in meiner Band. Habe ich jemanden vergessen? Ich hatte Jon, Dennis, Olivier…

Du hast dich selbst vergessen: Natürlich bist du der Vocalist und der musikalische Kopf: Oddisee.

Oddisee: Ach ja, ich bin der Lead-Sänger der Band, Rapper, Produzent und Songwriter.

Es war wieder fantastisch mit dir zu reden! Ich danke dir! Genieße deine Tour und habe einen guten Gig!

Oddisee: Vielen Dank, ich hoffe, euch bald bald wiederzusehen!

Stand: 17.03.2017, 17:30