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"Alles kann mit Respekt gelöst werden"

Mala Rodríguez en Berlín

Interview mit Mala Rodríguez

"Alles kann mit Respekt gelöst werden"

Mala Rodríguez ist Spaniens Rapperin Nummer Eins. In ihren Texten kritisiert sie die Machogesellschaft und räumt mit sozialen Missständen auf. Wir haben mit Mala über ihre musikalischen Wurzeln, die Geheimnisse klugen Songwriting und die Playlist von Barack Obama gesprochen.

Du kommst aus Jerez de la Frontera in Südspanien und warst die erste Musikerin, die HipHop mit Flamencogesang fusionierte. Wie hat Dich die Musik der Region geprägt?

Mir gefällt Musik von der ganzen Welt. In Cádiz kann man die Radiowellen der algerischen und marrokkanischen Radiostationen empfangen. Ich bin damit aufgewachsen, diese Musik zu hören, als es noch kein Internet gab. Damals Musik von anderen Orten zu hören, hat mich fasziniert. Darum liebe ich das Radio. Ich liebe es wegen seiner Magie.

Welche Musik war das genau?

Damals habe ich zum Beispiel Khaled gehört. So etwas kannte ich bis dahin nicht: All die Geigen, die Trommeln, diese super-arabische Musik. Vermischt mit der Gypsymusik. Das hat mich fasziniert. Das sind Volkslieder fürs ganze Leben.

Wir halten fest: La Mala Rodríguez liebt traditionelle Musik?!

All diese Songs, deren Herkunft wir nicht kennen. Alte Lieder. Ich glaube, das ist unsere wahre Kultur. Denn sie haben keinen Autor, sie gehören allen. Also erzählen sie Geschichten, die allen gehören. Eine meiner besten Freundinnen kommt aus Bulgarien. Und sie hat mir von ihrem Wiegenlied erzählt. Die Bulgaren reklamieren das Lied für sich. Aber die Menschen auf der rumänischen Seite der Grenze sagen, dass es ein rumänisches Lied ist. Da will man doch rufen: "Es ist derselbe Song, hört auf darüber zu streiten". Musik hat keine Grenzen. Es ist die universalste Sprache, die wir kennen.

Du hast einen großen Hit: "Quien Manda". Kannst Du uns erzählen, wie er entstanden ist und was Du dabei gefühlt hast?

Als ich den Song schrieb, habe ich eine große Machtlosigkeit empfunden. Ich habe mir die Situation vorgestellt, in der du gar nichts ausrichten kannst. So, als ob ein Fuß dein Gesicht auf den Boden drückt. Du kannst nichts machen und bist auf dich allein gestellt. Du kannst nur etwas in deinem Körper und deinem Geist finden, um diese Situation zu überstehen. Im Sadomasochismus spielt man mit dieser Situation. Dich einzuschließen. Und du bist in einer Schachtel und kannst dich nicht bewegen, bis du ein Zeichen gibst, dass du nicht mehr spielen willst. Das ist etwas derart Extremes, ein Adrenalin, die Sensation der Bewegungslosigkeit. Ich glaube, dass eine Gesellschaft das auch fühlt. Der Druck wird immer größer und größer und größer, bis man nicht mehr kann. Und wenn du keine Luft mehr bekommst, dann kannst du nur Luft von innen bekommen. Aus deinem Herzen, deiner Seele, weil es eine schreckliche Situation ist. Und das Lied gibt mir Hoffnung.

Deine Texte lassen viel Platz zur Interpretation.

Das Schöne ist doch, dir etwas Erschaffenes anzubieten. Andernfalls wäre es so, als ob ich dir verraten würde, wie ich meine Kleider herstelle. Woher ich die Stoffe nehme. Jemand hat mal gesagt: Die Magie besteht darin, etwas zu erklären und es nicht zu erklären. Das gefällt mir. Mir gefallen die Künstler nicht, die alles offen legen. Ich will gar nicht so viel wissen. Lass mir ein wenig Magie. So wie es Lorca gemacht hat, wenn er nicht explizit genau beschrieben hat. In manchen Momenten muss man genau abbilden und in anderen nicht. Wenn wir alles offenlegen, dann ist es eine Erzählung oder ein Dokumentarfilm. Und ich mache keine Dokumentarfilme. 

Trotzdem ist einer Deiner Songs zum Symbol gegen häusliche Gewalt geworden, ein oft totgeschwiegenes Thema. Die Rede ist von "Nainai".

Wenn ich Songs schreibe, dann sage ich nicht: "So, jetzt mache ich einen Song über Gewalt von Männern an Frauen oder über die Ohnmacht, die wir empfinden und wie wir sie überwinden. Es kommt einfach aus mir heraus und dann ergeben sich die Dinge. Das Video zum Song hat dazu geführt, dass die Leute das Lied so interpretieren. Die Regisseurin des Videoclips hat sich dazu entschieden, darin das Thema der häuslichen Gewalt zu behandeln. Aber klar: Es ist ein Lied, das von Respektlosigkeit handelt. Wenig Respekt und Liebe und eine kranke Gesellschaft, die ihre Frauen vernachlässigt.

Welche Musik hat Dich zuletzt begeistert?

Zuletzt habe ich viel Musik von Ibeyi gehört. Ich hatte die Gelegenheit, ihre neuen Arbeiten zu hören. Ich arbeite mit ihnen auf einem Song zusammen und ehrlich gesagt, ist das, was diese Mädels machen, einfach göttlich. Ich möchte, dass die Welt ihnen zuhört, weil sie sehr speziell sind.

Und Ihr habt auf ihrem neuen Album Ash ein Lied zusammen aufgenommen.

Das Lied heißt "Me Voy". Sie singen auf Spanisch. Im ersten Moment, als ich den Song gehört habe, hatte ich etwas wie einen Orgasmus. Die Stimme von Lisa trägt dich an einen supertiefen Ort. Das Zusammenspiel ihrer Stimmen ist großartig. Ihre Message, die Songtexte, all das ist sehr schön. Es erfüllt dich. Es fühlt sich wie Wasser an. Ich konnte auf dem Stück ein wenig von mir hinterlassen und ich bin sehr glücklich darüber, mit solch talentierten Künstlerinen zusammenzuarbeiten.

Dein Song "Tengo un Trato" ist 2015 neben Bob Marley und Bob Dylan auf der Spotify-Sommerplaylist des damaligen US-Präsidenten Back Obama gelandet. Wie hast Du reagiert, als Du diese Nachricht bekommen hast?

Mich rief meine Tante an und sagte: "Maria, was ist los? Weißt du schon Bescheid? Präsident Obama hat dich auf seine Sommerplaylist gesetzt!" Und ich: Was, wie, verstehe ich nicht. Warte mal. Im nächsten Moment kriegte ich Anrufe und Messages von unterschiedlichen Leuten und es war eine absolute Überraschung. Ich konnte es nicht glauben. Ich habe mich erst einmal hingesetzt und dachte, es sei ein Scherz. Jemand nimmt mich auf den Arm. Das ist unmöglich. Bis heute kann ich es nicht glauben. Ich weiß nicht, wie er auf dieses Lied gekommen ist, wer hat es ihm vorgespielt? In den USA ist er eine sehr geschätzte Persönlichkeit. Für mich hat er sehr viel bedeutet. Ich habe in den Staaten gelebt und wenn ich davon meinen Freunden erzählt habe, dann sagten sie "wow"! Plötzlich schauten sie mich anders an. Das war absolut unglaublich. Wenn du nie etwas im Leben erwartest: Das ist es!

Wo Du gerade so begeistert von Barack Obama erzählst: Was hältst Du von politisch engagiertem Rap?

Mich langweilt es im höchsten Maße, einen politischen Song nach dem nächsten zu hören. Ich bin müde davon. Was willst du? Was ist das? Facebook? Lass mich in Ruhe. Wir wissen doch schon, dass die Politiker alle Hurensöhne sind. Ich kann mir nicht die ganze Zeit politische Lieder anhören. Ich denke, jeder kann sich vorstellen, was für eine politische Meinung ich habe. Aber ich will nicht meine Kunst mit so banalen Dingen überfluten, wie über einen Politiker zu sprechen.

Trotzdem: Deine Musik klagt an und steckt voller ideologischer Aussagen.

Eine Sache ist es, deine Ideale zu kennen und deine Prinzipien, die über jede politische Partei hinausgehen. Und eine andere Sache ist die Musik. Die Gefühle. Das sind sehr hohe und große Dinge. Das ist keine Romantisierung. Es sind pure Gefühle deiner Seele, die dein Herz ergreifen. Das Leben, der Schmerz, die Zerstörung zu spüren, mit der wahren Freude zu experimentieren. Die Freude über den Morgen, wenn du den Sonnenaufgang siehst. Es gibt viele sehr große Dinge. Sehr große Dinge.

Manche nennen Dich eine feministische Rapperin. Stimmt das?

Ich würde sagen, dass ich eine Gerechtigkeits-Rapperin bin. Keine Ahnung. Feministin? Das ist ein Wort, das notwendig war zu all dem, was passiert ist. Und ja, es gefällt mir und trifft zu. Aber ich blicke gerne darüber hinaus. Ich stimme für den Respekt über Geschlechtergrenzen hinaus. Vor allem Respekt. Wenn es wahren Respekt gibt, dann müssen wir nicht in den Machismus zurückfallen, oder zur Gewalt gegenüber der Frau. Alles kann mit Respekt gelöst werden. Das fehlt uns als Menschen.

"Alles kann mit Respekt gelöst werden"

COSMO Soundcheck | 04.10.2017 | 07:31 Min.

Stand: 04.10.2017, 16:40