Future Roots: Reggaeton

Luis Fonsi feat. Daddy Yankee - Despacito

Future Roots: Reggaeton

Von Lukasz Tomaszewski

Der Reggaeton hat sich in den knapp 25 Jahren seit seiner Entstehung vom verpönten Straßenrap zum massentauglichen Pop-Phänomen gewandelt. Der karibische Tanzrhythmus treibt durch seinen repetitiven Riddim viele in den Wahnsinn, doch er hat erstmals die Latino-Identität in den HipHop geholt.

El General

Die Anfänge des Reggaeton reichen bis in die 80s zurück. Die großen Vorbilder waren die jamaikanischen DJs und ersten Dancehall-Sänger. Der Rhythmus, auf dem alles aufbaut, ist der sogenannte "Dembow-Riddim" von Shabba Ranks. Ein pankaribisches Pattern, das von Soca, Calypso und Cadence beeinflusst wurde. Der MC El General aus Panama hat den Song mit seinem Song "Son Bow" ins Spanische übersetzt.

Panama und Puerto Rico

Anfang der Neunzigerjahre entstanden dann zeitgleich in Panama und Puerto Rico erste Reggaeton-Crews. Der Melting Pot Panama ist kulturell nicht nur durch seine südamerikanischen Nachbarn geprägt, sondern auch durch die USA. Bis 1999 gehörte der Panamakanal den USA, die im Land durch einen großen Armeestützpunkt vertreten waren. Man spricht spanisch und englisch, es gibt eine starke karibische Musikkultur. Puerto Rico als Satellitenstaat der USA ist seit Jahrzehnten musikalisch stark mit New York verbunden. Viele lokale Künstler greifen Anfang der Neunziger den Hip Hop auf,  und entwickeln ihn auf ihrer Art weiter, mit spanischen Lyrics. Als die ersten Reggaeton-Tapes aus Panama rüber schwappen, übernehmen die puertorikanischen MCs diesen Style.

Musik der Straße

In seiner ersten Boom-Phase, Ende der Neunzigerjahre, ist der Reggaeton ein Musikstil von Barriobewohnern aus einfachen Verhältnissen. Bei etablierten Musikern, aber vor allem in der Mittelschicht ist diese Subkultur total verpönt. Nicht nur die sexistischen und oft gewaltverherrlichenden Lyrics sind der Grund. Allen voran der typische Tanzstil "Perreo" wird zum Bürgerschreck. Der Mann reibt dabei in kreisenden Bewegungen seine Hüfte am Hinterteil der Frau. Der sexualisierte Paartanz ist bald in allen Musikvideos der jungen Künstler zu sehen und bringt sogar Politiker in Puerto Rico auf die Barrikaden.

Das Einzigartige an dem neuen Musikstil ist aber, dass er die Latino-Identität mit modernen Elementen verbindet. Die jungen Latinos fühlten sich erstmals als Teil der Hip Hop-Welt.

Erneuerung

Der Puertorikaner Tego Calderón gilt als Erneuerer des Genres. 2002 veröffentlichte er sein Debut "El Abayarde" und gab dem Stil einen melodischen und differenzierten Anstrich: Tego Calderón verband als erster Künstler den Reggeaton-Gesang mit den afro-puertorikanischen Stilen Bomba und Plena. Er mischte seinem Sound Bacháta und Salsa bei. Der Künstler begründet das mit einfachen Worten: "Musik erfüllt mich und fließt durch meine Venen. Es sind die afrokaribischen Rhythmen, alles was eine Clave hat. Das ist das, was mich erfüllt und was ich bin."

Fast noch wichtiger als der Musikmix sind Tegos Lyrics. Erstmals geht es nicht nur um Sex, Party, Gewalt und dicke Hose. Tego kritisiert sexuellen Missbrauch und Gangster-Gehabe.

Durchbruch

Reggatón gelang - ähnlich wie 20 Jahre zuvor dem Hip Hop - schließlich der Absprung von der Straße in die Radios und in den Mainstream. Wegbereiter hierfür war Daddy Yankee mit seinem Über-Hit "Gasolina" von 2004.

Es ist das erste Mal, dass Reggaeton in den USA und Europa in den Clubs und Radios läuft. "Gasolina" entfachte international ein wahres Reggaeton-Fieber: Daddy Yankee und seine Kollegen Pitbull und Don Omar wurden in den Folgejahren zu den ersten Popstars des Reggaeton und füllten in den USA und Europa Konzerthallen.

Einfluss in Global Pop

Wenn man nach den ersten Reggaetoneros sucht, die den Global Pop beeinflusst haben, so fällt das Licht sofort auf Calle 13, also die beiden Halbbrüder Residente und Visitante aus Puerto Rico. Heute mit 24 Latin- Grammys die unangefochtenen "Kings of Latin Pop". 2005 spielten Calle 13 in ihrem Homestudio mit Reggaeton herum und schrieben "Atrevete-te-te".

Im Unterschied zu ihren Kollegen sind ihre Texte von Anfang an politisch, provokant und humorvoll. Der studierte Musiker Visitante mischt den Songs Cumbia und Bollywood-Elemente bei. Über Nacht werden Calle 13 zu den bekanntesten Reggaetoneros Lateinamerikas. Doch sie grenzen sich schnell vom Reggaeton ab und nennen ihren Mix "moderne puertorikanische Musik". 2011 erzählte Sänger Residente im COSMO-Interview "Das war von Anfang an in uns drin, seit dem ersten Album. Wir waren immer auf der Suche etwas anders zu machen. Die Lust der Musik etwas Neues hinzuzufügen. Wir sind durchs Reisen reifer geworden. Wir haben die Welt kennengelernt, denn als gute Puertorikaner, die wir immer waren, haben wir vorher fast nie die Insel verlassen". Residente ist mittlerweile solo unterwegs, hat dem Reggaeton komplett den Rücken gekehrt.

"Despacito"

"Despacito" von Luis Fonsi & Daddy Yankee ist der Kulminationspunkt. Der Song ist nicht nur der Sommerhit 2017: Es ist der meistgestreamte Song aller Zeiten mit über 40 Milliarden Klicks. In vielen Ländern hält er sich wacker in den Charts. Angeblich hat das Video sogar dazu geführt, dass die Tourismusbranche in Puerto Rico um 45% gewachsen ist. Anstatt mit Superlative fortzufahren, kann festgehalten werden: Wer 2017 immer noch nichts von Reggaeton gehört hat, lebt womöglich hinter dem Mond.

Stand: 23.08.2017, 10:32