Future Roots: Cumbia Digital

Systema Solar

Future Roots: Cumbia Digital

Von Lukasz Tomaszewski

Die lateinamerikanische Cumbia Digital ist das Paradebeispiel für "Future Roots". Die traditionelle Cumbia wurde vor einem Jahrzehnt von jungen Produzenten Dancefloor-tauglich gemacht und hat damit eine Renaissance erlebt.

Cumbia Roots

Die traditionelle Cumbia ist in den Fünfziger- und Sechzigerjahren an der kolumbianischen Karibikküste entstanden: Afrikanische, indigene und europäische Elemente flossen damals zu einem Stil zusammen und repräsentierten damit auch die erste wahre Pop-Musik des multiethnischen Landes. Einer ihrer Urväter ist Klarinettist und Orchesterleiter Lucho Bermúdez. Bereits in den frühen Fünfzigerjahren reist er nach Mexiko City und Havanna und nimmt Platten mit Beny Moré oder Pérez Prado auf. Lucho Bermúdez verbindet als erster die karibischen Rhythmen wie Porro, Gaita oder eben die Cumbia mit der Sprache der zeitgenössischen Musik und macht sie außerhalb der Landesgrenzen bekannt. 

Rhythmisch ist die Cumbia ein Offbeat, ähnlich wie Reggae. Charakteristische Melodie-Instrumente sind Akkordeon und Klarinette, dazu gesellt sich noch der typische Shaker. Das Ergebnis ist ein ansteckender Dance-Groove, der sich in den letzten 50 Jahren von der Geburtsstätte Cartagena in ganz Südamerika verbreitet hat. Seit den Sixties gibt es argentinische, peruanische oder mexikanische Spielarten.

Cumbia Digital

2006-2007 haben junge DJs und Produzenten in Lateinamerika die Cumbia für sich entdeckt und neu interpretiert. Was für die amerikanischen Hiphop-Pioniere Funk, Soul und Reggae waren- also Fundgruben für Basslines und Beats- waren für die Latino-Beatbastler oft alte Cumbia Klassiker. Das Instituto Mexicano del Sonido (IMS) mit seinem Song  "Cumbia" war eine der ersten "digitalen" Varianten.

Zunächst verändert sich nicht viel: Die Instrumente bleiben dieselben, Es kommt ein stampfender Hiphop-Beat dazu, samt Scratches und Effekten, vocal-Samples: Fertig. Einen wahren Entstehungsort der Cumbia Digital gibt es allerdings nicht. Wenn man die Ursprünge zurückverfolgt, dann entstanden ziemlich zeitgleich in Mexiko, Kolumbien und Argentinien Cumbia-Digital-Projekte. Entscheidend ist der Boom des "Web 2.0". Durch myspace, Youtube und Soundcloud werden erstmals Soundtüftler, die noch kein Label haben- überhaupt für die Außenwelt hörbar.

Begegnungsstätte ZZK-Club

In Buenos Aires entsteht sofort eine Cumbia Digital-Szene und die hat einen Namen: ZZK. Der US-amerikanische Expat Grant C. Dull hat zunächst den ZZK-Club und dann das ZZK-Label gegründet. Seit zehn Jahren die Anlaufstelle für Künstler und Cumbia-Digital-Begeisterte. 2012 sprach er im COSMO-Interview über sein Erfolgsrezept: "Die ganze Folklore um Cumbia, Kuduro, Baile Funk. Lokale urbane Sounds, die außerhalb nicht wahrgenommen werden. Vielleicht muss ein Ausländer kommen und sagen Wow! Das ist unglaublich, wir sollten das so schnell wie möglich der Welt zugänglich machen". Grant C. Dull ist wie viele Labelbetreiber eine umstrittene Persönlichkeit. Aber er hat es durch sein Know How auf dem Musikmarkt wirklich geschafft viele Cumbia Digital-Künstler auf die Bühnen der Welt zu hieven. Das Produzenten-Duo Frikstailers war von Anfang an dabei. Ihr Cumbia- Remix von Mayor Lazer "Hold the Line" ist legendär.

2011 erzählten sie COSMO von den Anfängen der Cumbia Digital in Buenos Aires. "Wir dachten, dass Latin Music eine neue Perspektive braucht. Derjenige, der den Durchbruch einleitete war Dick el Demasiado mit seiner Festicumex. Er nahm Cumbia und generierte sie zu einem neuen Hörerlebnis. Mit vielen Ideen und Spielereien machte er seinen Sound zu einem Avantgarde-Genre und beeinflusste sehr viele Musiker die genau das spannend fanden: Elektronische Musik mit "tropical flavours.""

Von Dick el Demasiado hat man in den Folgejahren nicht mehr viel gehört. Aber seinen Nachahmern gelang auch der Sprung auf europäische und nordamerikanische Bühnen. El Remolón, Chancha Via Circuito oder La Yegros.

Wegbereiter für neue Club-Genres

In Argentinien ist die Cumbia Digital momentan eines von mehreren Club-Genres die traditionellen Spielarten ist die mit Elektronik kurzschließen: Heute passiert dasselbe mit andiner Folklore oder dem nordargentinischen Chamamé. Es gibt es einen Haufen Künstler, die als Nachfolgergeneration von ZZK-Künstlern gelten. Sie heißen Abarda, CD-Room oder Barrio Lindo. Sie teilen denselben Kodex: Die Vision des Reisens und der Folklore.

Bomba Estéreo & Systema Solar

Die zwei bekanntesten Bands die mit Cumbia Digital assoziiert werden, stammen aus Kolumbien. Bomba Estéreo und Systema Solar sind in ihrer Heimat wahre Stars, touren seit Jahren international und haben ihren Stil ständig erweitert. Spannend ist die Verbundenheit beider Combos zur karibischen Musikkultur. Systema Solar waren stets von den karibischen Soundsystems inspiriert, erzählte 2015 Sänger Walter Hernández. "Die Kultur unserer Soundsystems, der Pikós, hängt eng mit den Straßenfesten zusammen. Sie erlaubt es uns, Musik aufzulegen, live zu remixen und das Ganze mit einer Lichtshow zu vermischen - mit bunten Farben. Ein Pikó ist ein Soundsystem mit Persönlichkeit, die immer was zu sagen hat. Genau das machen wir auch."

Systema Solar haben afrokaribische Cumbia- und Champeta-Rhythmen mit basslastige Clubsounds und kritischen Lyrics gekreuzt. Hinzugekommen sind viele internationale Gäste, wie etwa Nelson Pinedo, der Sänger des kubanischen Orchesters La Sonora Matanzera oder die New Yorker Downtown-Legende Debbie Harry von Blondie. Damit hat sich die siebenköpfige Band eine weltweite Fangemeinde erspielt.

Permanente Weiterentwicklung

Noch erfolgreicher sind nur Bomba Estéreo. Die Band wurde für die Latin Grammys nominiert und hat mit dem US-Star Jason Derulo zusammengearbeitet. Ihren Durchbruch hatten sie ebenfalls mit einer Cumbia Digital. der Song "Fuego" wurde unzählige Male geremixt und ist immer noch ihre Visitenkarte.

Heute füllen Bomba Estéreo Stadien. Der junge kolumbianische Sound ist aber längst nicht mehr nur Cumbia Digital. Sängerin Liliana Saumet erzählte COSMO, dass sich die Szene immer weiter entwickeln wird.  "Ich glaube es wird ständig weiterexperimentiert werden: Die kolumbianischen Folklore-Sounds mit neuen Tendenzen. Jede Generation, alle 2-3 Jahre kommen neue Leute die ständig etwas Neues fusionieren und anbieten. Immer sind es neue Technologien, neue Apparate. Die kolumbianische Musik gibt sehr viel her. Es gibt viele Regionen und Stile und viele Musiker mit vielen Ideen. Die Evolution der neuen kolumbianischen Musik wird immer weiter gehen."

Cumbia Revival

Diese Bands aber auch die Szene in Argentinien haben einen Katalysator-Effekt gehabt und in den letzten 10 Jahren zu einem richtigen Cumbia-Revival geführt. Plötzlich haben sich viele Musikfans für Cumbia interessiert. Längst vergessene Künstler wie der kolumbianische Akkordeonist Anibál Velázquez tourten erstmals weltweit. In Peru hat sich die Veteranen-Band "Cumbia All Stars" gebildet. Die über 70-jährigen Herren haben diesen Sommer auf über 40 internationalen Festivals gespielt. Noch nie waren so viele kolumbianische Bands international unterwegs. Mittlerweile sind es an die 20 Combos.

Fingerabdruck im Global Pop

Die Akteure der Cumbia Digital haben junge Künstler aus ganz Lateinamerika dazu ermutigt die eigenen Roots eben zu Future Roots zu machen. Heute ist es ganz normal Amazonas- oder Andenfolklore mit Elektronik zu vermischen. Der neue Star heißt hier Nicola Cruz aus Ecuador. Der Fingerabdruck im Global Pop ist damit nicht nur stilistisch sondern eben auch als Idee klar gesetzt.

Stand: 22.08.2017, 16:20