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Handbuch des Global Pop - mit Mut zur Lücke

Claus Leggewie

Interview mit Claus Leggewie

Handbuch des Global Pop - mit Mut zur Lücke

Von Siham El-Maimouni

Mit 'Global Pop - Das Buch zur Weltmusik' haben Herausgeber Claus Leggewie und Erik Meyer ein Werk vorgelegt, das im deutschsprachigen Raum bisher einmalig ist. Wir haben mit Claus Leggewie über das Phänomen Global Pop und seine persönliche Leidenschaft zum Raï gesprochen.

Herr Leggewie, Sie sind den meisten Menschen als Politikwissenschaftler ein Begriff, der sich mit Themen wie Armut oder auch Klimawandel beschäftigt. Nun sind Sie natürlich auch Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts in Essen, aber seit wann genau interessieren Sie sich über das normale Hören hinaus für Musik?

Claus Leggewie: Ich beschäftige mich eigentlich intensiv - auch wissenschaftlich - damit, seitdem ich Ende des 70er Jahre in Algerien gelebt habe und dort den Aufstieg des Raï miterleben konnte. Auch dann in Paris, wo der Raï ja auch aufblühte. Das hat mich immer interessiert, als ein Beispiel, wie Musik in einem ganz besonderen Maße transkulturell, interkulturell ist. Das heißt, dass von Beginn an immer Stile, Instrumente, Musikrichtungen aus anderen Kulturen aufgenommen, verarbeitet und zu einem gemeinsamen Ganzen, zu etwas Drittem verarbeitet hat. Das ist eigentlich Musik per se und so gesehen ist seit dem Barock, aber eigentlich auch schon vorher, so etwas vorhanden wie Musik als Weltmusik.

In Algerien haben Sie dann nicht nur, sagen wir: Rachid Taha gehört, sondern haben auch angefangen, sich wissenschaftlich damit auseinanderzusetzen?

Claus Leggewie: Genau! Ich habe nämlich damals die politische Sprengkraft dieser Musik bemerkt. Das war ja eine Opposition, zunächst gar nicht ausdrückliche Opposition gegen das Rigorose einer islamischen Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die sich damals überhaupt erst wieder in Algerien so bildete: Die war sehr lustfeindlich, die war sehr geschlechtertrennend und all dies wurde ja im Raï zunächst auf eine spielerische und dann auf eine sehr provokante Weise in Frage gestellt.

Die Geschichte hat uns gezeigt jede Rebellion, jede Revolution hat sozusagen ihren Soundtrack.

Claus Leggewie: So ist es.

Abgesehen von Raï-Musik - für welche Genres schlägt noch Ihr Herz?

Claus Leggewie: Ich interessierte mich dann sehr für Westafrika, da bin ich auch hingereist. Ich muss es eigentlich immer auch sehen. Ich war vor allem im Senegal und habe die Musik dort sehr stark rezipiert. Ich wäre auch immer gerne nach Mali gereist, aber irgendwie hat es nie hingehauen, ich weiß nicht warum. Diese Musik hat mich sehr interessiert und dann eben das, was man heute um die Schweizer Gruppe Norient herum, Weltmusik 2.0 nennt. Das ist ja im Grunde genommen die perfekte Synthese: dass hier auf elektronischem Wege Sounds und Räume zusammengeschaltet werden, wo man dann gewissermaßen den Exotismus erkennt: dies kommt aus dem Balkan, das aus Indonesien und jenes aus Südamerika. Wo die Stile gewissermaßen schon verschliffen werden ohne, dass daraus Standardmusik oder Gedudel wird. Man hört ganz genau, dass hier etwas zusammengekommen ist, was eine ganz interessante und explosive Mischung bilden kann. Durch die elektronische Musik, durch die Digitalisierung des gesamten Business entsteht dann tatsächlich so etwas wie Global Pop und das ist ja auch der Titel unseres kleinen Handbuches.

Auf diese zwei Begriffe müssen wir gleich ausführlich eingehen: Weltmusik und Global Pop, vorher, wenn ich sie so reden höre. Jetzt kommt natürlich die schwierige Aufgabe: Welchen Song spielen wir Ihnen? Raï-Musik? Spielen wir Ihnen etwas aus Mali? Was möchten Sie gerne hören?

Claus Leggewie: Da hätte ich gern etwas aus Mali.

Vielleicht Inna Modja? Irgendeinen Song aus Hotel Bamako, das Album ist sowieso großartig.

Claus Leggewie: So ist es und hier kann man natürlich auch nochmal ganz kurz auf die Sprengkraft hinweisen, die Musik hier auch im politischen Sinne hat. Das ist ja der Versuch, sich gegen eine autoritäre Unterdrückung der malischen Gesellschaft durch Islamisten zu entziehen. Und das ist eine sehr effektive Form des Widerstandes: Sie beginnt sozusagen privat, sie ist ja nicht ausdrücklich politisch, aber es hat sich gezeigt, wie wichtig es gewesen ist, um den Widerstand in Mali aufrecht zu erhalten und wir hoffen natürlich sehr, dass er langfristig Erfolgt hat.

Kommen wir zu Ihrem Buch, das Sie zusammen mit Erik Meyer herausgegeben haben: Global Pop heißt es und ist in seiner Form im deutschsprachigen Raum einmalig.

Claus Leggewie: Das war auch unser Anspruch: etwas Neues zu machen. Etwas, was aus den verschiedensten kulturwissenschaftlichen Richtungen den Global Pop interdisziplinär als Gesamtphänomen betrachtet. Zur Weltmusik ein Handbuch oder gar ein Lexikon zu machen, ist ja fast unmöglich, denn das ist ein Business, das derartig in Bewegung ist, dass Sie, wenn Sie im Jahr 2017 ein Lexikon vorlegen würden, es in 2018 schon wieder veraltet wäre. Deswegen mussten wir einen unglaublichen Mut zur Lücke beweisen in den exemplarischen Beispielen, wo wir auf einzelne Phänomene der Weltmusik eingegangen sind. Der Rest ist sozusagen das Framing, der Überbau, die Infrastruktur. Der globale Zusammenhang, in dem sich historisch so etwas wie Weltmusik - unter dem Oberbegriff World Music - in den 70ern, 80ern herauskristallisiert hat. Und wie dann dieser Begriff "Weltmusik" sozusagen ununterbrochen dekonstruiert wurde. Wenn Sie Kennern der Weltmusik sagen: "Wir machen Weltmusik!", dann sagen die natürlich: "Was ist denn das für ein Ausdruck? In welchem Jahrhundert bist denn du geboren?". Deswegen ist, glaube ich, der nicht minder problematische Obertitel Global Pop heute besser gewählt.

Die Weiterentwicklung, diese Beeinflussung, hat die dann dazu geführt, dass der Begriff Global Pop viel besser passt als Weltmusik?

Claus Leggewie: Ich glaube, er passt gut, weil er tatsächlich als Analyseeinheit die globale Ebene voraussetzt.

Aber da kommen wir schon in eine wichtige Richtung. Wir müssen nochmal genauer klären, warum dieser Begriff so schwierig ist, weil er eben, was du angedeutet hast, diesen kolonialen Background hat?!

Claus Leggewie: Sie haben völlig Recht. Das Koloniale war, dass westliche Musikunternehmer, nehmen Sie Ry Cooder, Peter Gabriel und wie sie alle hießen, in die Länder der sogenannten Dritten Welt gefahren sind und sich dort an Musik bedient haben, wie die Kolonialherren einmal an den Rohstoffen. Gleichzeitig haben sie aber - und das ist sozusagen das Gegenteil dieser Enteignung - denen auch eine Bühne geboten in der globalen populären Kultur. Das ist dann mehr und mehr eine Wechselwirkung geworden. Wenn wir uns mal ein Land wie Angola anschauen, da sind westliche Einflüsse und westliche Unternehmen kaum noch präsent. Das ist ein lokaler Markt und wir haben mal spaßeshalber Weltmusik als solche definiert, die in ihrem Land weltberühmt ist. Sie nehmen insbesondere dann die Stilrichtungen, die Instrumentierungen, die elektronischen Applikationen - die nehmen sie auf und wenden sie an auf ein unendliches Repertoire, gewissermaßen des Eigenen, was aber jetzt heutzutage im Zuge der kulturellen Globalisierung natürlich längst auch schon durch globale Popmusik beeinflusst wird. Ich glaube zwar nicht, dass sich gewissermaßen die Weltunordnung zwischen dem reichen Norden und dem ärmeren Süden mittlerweile völlig verschoben hat. Aber ich glaube schon, dass es eine Konvergenz, eine transkulturelle Mischung gegeben hat und eben ganz wichtige Wechselwirkungen. Wir lassen uns als aufgeklärte Europäer, die ja nicht mehr kolonial sein wollen, eben auch sehr stark beeinflussen, von dem, was von draußen kommt.

Viele der vorgestellten Akteure und Projekte in dem Buch, in den einzelnen Kapiteln, sind zum großen Teil westlich. Sie haben gerade schon Namen genannt: Damon Albarn und Peter Gabriel und so weiter. Bei aller Ehre für deren Werke als Jäger, Sammler und Musiker, die wir ja auch feiern hier in COSMO - funktioniert unser westlicher Markt vielleicht auch nur auf diese postkoloniale Weise? Dass Musik, die nicht durch westliche "Kenner" den Ritterschlag bekommt, dass die bei uns auch keine große Chance hat auf der ganz großen Bühne?

Claus Leggewie: Nehmen Sie mal die Bühne des Hauses der Kulturen der Welt in Berlin. Da ist das ganz anders.

Na klar, das machen wir natürlich als COSMO Radio auch. Aber nichtsdestotrotz - wir wollen uns nicht größer machen, als wir sind - sind wir aber auch ein Nischenprogramm, genau wie es auch das Haus der Kulturen der Welt in Berlin ist.

Claus Leggewie: Ja natürlich, das ist eindeutig so. Der Massengeschmack hat sich darauf noch nicht besonders eingestellt. Ein Nischenphänomen, das in einer ganz intrikaten Weise mit dem globalen Markt verknüpft ist.

Und das Schöne ist natürlich, dass diese Strukturen auch immer mal punktuell durchbrochen werden durch Menschen wie Diplo oder wenn Drake mit dem nigerianischen Superstar Wizkid zusammenarbeitet.

Claus Leggewie: Genau!

Lassen Sie uns mal bitte kurz auf Ihre Autoren schauen. Sie haben sich deutschsprachige gesucht. Hatten Sie vorher überlegt, auch mit Autoren aus der ganzen Welt zu arbeiten?

Claus Leggewie: Das hatten wir überlegt, das war ein Riesenprogramm, das wir am Anfang hatten. Aber das haben wir weder organisatorisch noch finanziell stemmen können.

Klare, ehrliche Antwort. Herr Leggewie, zum Schluss, ich habe das Gefühl, dass gerade die Zeit, in der wir leben, eine verdammt gute ist, für Global Pop. Durch die vielen Generationen von Menschen, die mehr als eine Herkunft haben, durch die ganzen Genre-Verschmelzungen, die die Digitalisierung mitgebracht hat und irgendwie hat man sogar ein bisschen das Gefühl, dass Global Pop hip wird.

Claus Leggewie: Ja, absolut! Sie haben es richtig beschrieben, die Zeit spricht dafür. Denn wir müssen ja jetzt irgendwie die Welt retten vor diesen autoritären Nationalisten. Im AfD-Programm steht bestimmt nicht drin, dass Weltmusik eine gute Sache ist. Und wir müssen natürlich auch gewissermaßen, das, was uns verbindet, das, was wir schätzen, was wir mögen - das müssen wir nicht nur betreiben, konsumieren, produzieren, sondern wir müssen es auch herausstellen. Das ist die Welt!

Welche Aufgabe haben in dieser Zeit die Medien und meinetwegen auch gerne die öffentlich-rechtlichen Medien?

Claus Leggewie: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat hier eine ganz wichtige Bedeutung. Es wäre gut, wenn einige Aspekte des Öffentlich-Rechtlichen in die völlig privatwirtschaftlich und libertär organisierte Sphäre der digitalen Medien übergehen würden. Dass wir uns also nicht nur in Echokammern zurückziehen, sondern, dass zum Beispiel die Musik auch eine Basis ist für die Attraktion von unterschiedlichsten Hörergruppen mit unterschiedlichsten Meinungen. Und dass dort dann wieder eine Kommunikation stattfindet.

Heißt konkret: Der Global Pop sollte in alle Wellen, jetzt nicht nur in COSMO, Einzug erhalten.

Claus Leggewie: Das kann ich Ihnen gerne bestätigen.

Claus Leggewie, vielen Dank für Ihre Zeit. Und vielen Dank für dieses Werk.

Claus Leggewie: Ich danke Ihnen!

Interview mit Claus Leggewie

COSMO | 15.03.2017 | 09:49 Min.

Stand: 16.03.2017, 16:37