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"Wir haben uns Sprache, Melodien, Instrumente und Sounds zugeworfen“

Pressefoto zu Okzharp - Closer Apart

COSMO Interview

"Wir haben uns Sprache, Melodien, Instrumente und Sounds zugeworfen“

Okzharp aus London und Manthé Ribane aus Soweto sind die Headliner der großen COSMO Big Up! Party in Berlin. Auf der Bühne schaffen sie eindrucksvolle Gesamtkunstwerke, die Visuals, Mode und Sounds verbinden.

Manthé, zusammen mit deinen Geschwistern designst du Mode und schon als Kind hast du öffentlich getanzt – einmal sogar für Nelson Mandela persönlich. Wie kam das?

Manthe Ribané: Meine Mutter war Lehrerin von Beruf, aber sie hat auch viel getanzt. Mein Vater war sehr einflussreich in Soweto, er hat viel Sport betrieben und in den 80er und 90er Jahren einige große Events organisiert - das waren einfach die besten Eltern überhaupt. Das hat uns dabei geholfen, uns zu finden und unsere Träume zu verwirklichen. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal mit acht Jahren von Mädchen in meinem Alter umgeben sein würde und mit ihnen für Nelson Mandela auftreten würde. Das war ein surrealer Moment. Als wir nach Hause kamen, hatte meine Großmutter dieses tolle Essen mit dem besten Geschirr vorbereitet. Sie hat diesen Moment zelebriert. Und ich dachte nur: Wow, wir das gerade wirklich getan. Wir sind für die größte Ikone auf der Erde aufgetreten. Das hat uns die Idee gegeben, das alles möglich ist.

Ihr habt dieses Jahr euer Album „Coser Apart“ veröffentlicht. Gerv, du bist ja schon länger Musiker: In den Nuller Jahren warst du in der Londoner Dubstep-Szene aktiv. Aber für Manthé ist dies das erste Musikprojekt. Wie kam es dazu?

Manthe: Wir haben uns 2014 in Johannesburg kennengelernt. Ich war gerade von einer World Tour mit Die Antwoord zurückgekommen und der Regisseur Chris Saunders hat mich angerufen, um mir einen Film vorzustellen. Er hatte ihn geschrieben und wollte ihn produzieren und ich hatte das Glück, dabei mitmachen zu dürfen. Der Film hieß „Ghost Diamond“ – das war unsere Connection.

War euch beiden denn sofort klar, dass ihr so gut zueinander passt?

Gerv (Gervase Gordon aka Okzharp): Ich bin mir nicht sicher, ob uns klar war, dass wir zusammen Musik machen würden. Das war ein Prozess des Entdeckens, was wir zusammen bewirken können. Alles entstand aus einem Moment der Improvisation heraus. Während des Filmdrehs habe ich gehört, wie Manthe über den Soundtrack improvisiert hat. Für mich ergab es einfach Sinn, zusammen Musik zu machen. Unser Label Hyperdub hat diese Musik gehört und gefragt, ob sie sie veröffentlichen können. Wir haben dann eine Releaseparty in London für unsere erste EP gemacht und gleich noch eine zweite aufgenommen. Und Hyperdub hat auch diese EP gefallen. Auch wenn wir viel nachgedacht haben, waren wir nicht zu nachdenklich. Es war immer ein intuitiver Prozess. Wir haben uns Sprache, Melodien, Instrumente und Sounds zugeworfen und Manthe wurde zu einer Art Co-Produzentin. Ich finde nicht, dass sie nur die Sängerin ist und ich ihr Producer. Vielleicht war das am Anfang so, aber wenn man unser Album hört, dann hört man auch Manthes musikalische Vision.

Manthe Ribane

Manthe, du wohnst in Südafrika und du, Gerv, bist dort geboren und später nach London gezogen. Wie spiegeln sich diese Orte in eurer Musik wieder?

Gerv: Ich denke, meine musikalische Erziehung hat an diesen beiden Orten stattgefunden. Ich erinnere mich, wie meine Mutter an Weihnachten immer Musik aus Südafrika gespielt hat. Sie fühlte sich dann sehr nostalgisch, hatte Tränen in den Augen und dachte an ihre Kindheit in Südafrika. Sie spielte immer dieselben CDs: Mariam Makeba, Soweto String Quartet, Ladysmith Black Mambazo, diese ganzen großen südafrikanischen Bands. Für mich war London aber auch total wichtig, denn dort habe ich meine ersten musikalischen Erfahrungen gemacht. Aber ich glaube, dass weder Manthe noch ich uns durch unsere Herkunft musikalisch eingeschränkt fühlen. Viele Menschen haben uns gesagt, dass unsere Musik nach japanischen Mangas klingt oder sie Instrumente aus dem Fernen Osten hören und das finden wir sehr interessant.

Manthe: Wir versuchen immer, unterschiedliche Sounds zu verwenden: indische Sounds, Sounds aus Abu Dhabi, Sounds aus Asien. Wir versuchen, verschiedene Elemente in unsere Musik zu bringen und nicht nur eine Richtung zu bedienen. Ich würde gerne in verschiedenen Sprachen singen: in Mandarin oder einer indischen Sprache. Aber meistens singe ich auf Sepeti und ergänze das mit Englisch, sodass alle verstehen, was man singt.

Sepeti, das ist eine Sprache, die man in der Provinz Limpop in Südafrika spricht, im Norden des Landes. Und besonders gut Mischung aus Englisch und Sepedi ja auf eurem Song „Kubona“ – den spielen wir auch oft hier in COSMO. Worum geht es in dem Lied?

Manthe: A Kubona bedeutet: „Wenn ich dich sehe, trägst du immer einen Diamanten“. Und das wird dann zu: „Ich bin wertvoll, ich bin zeitlos“. Wir sollten das öfters über uns sagen, denn Worte tragen Macht in sich und was immer wir auch über uns sagen: Wir umarmen, wer wir sind oder wir verfluchen es. Also ist es wichtig, dass Musik feiert, wer wir sind und auch die Diamanten in uns. Denn wir wurden zu einem Zweck geboren und den müssen wir verstehen und verbessern. Aber dieser Song im Besonderen wurde von indischer Musik beeinflusst.

Gerv: Eins der süßesten Dinge, die wir je erlebt haben, war dieses kleine Mädchen. Sie kannte den Text des Songs nicht, aber sie hat trotzdem gesungen. Aber sie hat „Diamond“ gesungen und nicht „I-Deiaman“, was das Wort für Diamant in Sepeti ist. Es hatte wirklich etwas, dass sie dieses Lied singen konnte, ohne zu wissen, was es bedeutet.

„Dear Ribane“ ist auch ein richtiger Hit von euch. Und dazu gibt es ein tolles Video: Man sieht Manthe, sie verschmiert Farbe über ihrem Gesicht, sie trägt verschiedene Kostüme. Schließlich verwandelt sie sich in eine Art Fabelwesen. Worum geht es in dem Song und dem Video?

Gerv: Dieser Song handelt von einer Erfahrung, die Manthe gemacht hat. „Stana Popo“ bedeutet „der Vogel Strauß“. Es geht darum, in einem Casting zu sein. Manthe hat dafür dieses fantastische Konzept entworfen: das Styling, die Kostüme und die Tinte, die im Gesicht verschmiert wird. Manthe spielt in diesem Video mit ihrer Identität: einer roten und einer blauen Rolle. Und gegen Ende ist es fast so, als würde sie das alles transzendieren und sie wird zu diesem mystischen Wesen, das sich hinter einer Art geisterhaftem Schleier verbirgt. Dadurch fühlt sie sich empowered. Viele Menschen haben uns kontaktiert und gesagt, wie sehr sie dieses Video lieben. Vielleicht liegt es an diesem Ende, wenn Manthe sich von allen Rollenvorstellungen befreit hat. Es ist ein wirklich wunderschöner Moment. Aber ich hatte damit wirklich wenig zu tun. Das gesamte Konzept war Manthes Idee.

„Dear Ribane“ ist ja ein Song für den Dancefloor – mit vielen Einflüssen aus der südafrikanischen Clubmusik Gqom. Wenn man euer Album „Closer Apart“ hört, findet dort aber auch viele eher ruhige, reflexive Songs, zum Beispiel „Blue Tigers“. In diesem Song wiederholt ihr immer ein Wort „Billawe“. Wir habe versucht, das im Internet zu finden, aber ohne Erfolg. Was bedeutet das?

Gerv: Eines der interessantesten Dinge an diesem Album ist, dass ich mich gut an die verschiedenen Momente erinnern kann, als all die Musik auf einmal Sinn ergab. „Blue Tigers“ ist ein gutes Beispiel dafür. Darin gibt es dieses Wort, das Manthe immer gesungen hat: „Billawe.“ Ich wusste nicht, was es bedeutet, also habe ich Manthe gefragt: „Was bedeutet ‚Billawe‘?“ Und sie sagte: „Es bedeutet überhaupt nichts. Ich habe mir das ausgedacht“. Wir waren damals auf Tour in Wien und haben die ganze Zeit darüber nachgedacht, was das Wort bedeuten könnte. Schließlich haben wir uns geeinigt und es bedeutet: „Was auch immer passiert, du wirst deinen Weg gehen.“

Ihr habt nicht nur etwas zu sagen, ihr nutzt dafür auch verschiedene Medien. Gerade habt ihr ein T-Shirt designt, Manthe arbeitet noch als Model und Designerin. Woher nehmt ihr die Inspiration für all das?

Manthe: Inspiration kommt auf unterschiedliche Arten. Wenn die Musik beginnt, denkt man an eine Melodie, an eine Erfahrung, an einen bestimmten Moment. Diese unterschiedlichen Elemente bringen mich auf eine Farbe. Also denke ich darüber nach, wie man diese Farbe in ein Material verwandeln kann, das Material wird ein Kleid und dieses Kleid wird Teil meiner Bühnenperformance. Es sind unterschiedliche Arten der Inspiration, die uns verzaubern.

Und wenn ihr am Samstag (01.12.18) bei Big Up! in Berlin auftretet, womit werdet ihr uns da verzaubern?

Manthe: Auf der Bühne bringen wir Mode, Visuals, Kunst, Sound und unsere Erfahrungen zusammen. Alle diese unterschiedlichen Medien spielen eine große Rolle. Und dazu kommt die Intelligenz, die Musikalität und wie wir mit den Zuschauern interagieren und was sie uns am Ende der Show fühlen lassen. Es ist wichtig, dass alle diese Elemente und jede Kunstform uns wirklich inspirieren.

Stand: 27.11.2018, 16:20