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Breakbeats, Cyborgs und Unterwasserwesen

Goldie

Afrofuturismus in den 90ern

Breakbeats, Cyborgs und Unterwasserwesen

Von Christian Werthschulte

In den 90er-Jahren infizierte der Afrofuturismus die Popkultur. Drum 'n' Bass beschleunigte die Taktzahl, in Detroit wurde ein afrikanischer Mythos neu belebt. Und Missy Elliott verwandelte sich zum Afro-Cyborg.

Afrofuturismus in den 90ern

COSMO | 13.02.2018 | 04:24 Min.

Egal, ob HipHop, Drum'n'Bass oder Techno – in den 90er-Jahren mutierte der Afrofuturismus in vielen Stilen. Das Technoduo Drexciya aus Detroit erschuf eine ganze Science-Fiction-Unterwasserwelt. Die Drexciyaner sind Wasserwesen, meistens Frauen, die von Sklaven abstammten. Sie sind von den Schiffen geworfen worden, weil sie schwanger waren und damit für die Sklavenhalter nutzlos wurden.

Unter Wasser haben ihre Nachfahren dann Kiemen ausgebildet und eine Zivilisation gegründet. Drexciya greifen dabei auf den afrikanischen Mythos der Mami Wata zurück - weibliche Wasserwesen, die etwa für den Nil zuständig waren. Und das verbinden sie mit Musiktechnologie: Synthesizer, Sampler und Sequencer.

Afrofuturistische Menschmaschinen

Technologie und Machinen waren der wichtigste Bestandteil afrofuturistischer Musik. Der Drum'n'Bass-Produzent Goldie hat für "Inner City Life" (1995) alte Funk- und Soulstücke gesamplet, um sie zu hyperkomplexen Rhythmusmustern zusammenzusetzen, die kein menschlicher Schlagzeuger mehr spielen kann. Afrofuturismus bedeutet, zur Mensch-Maschine zu werden, wie der Kulturwissenschaftler Kodwo Eshun, Autor des Buchs "Heller als die Sonne", erklärt: "Musiker haben die Idee eines Aliens oder eines Roboters aufgegriffen und damit in Frage gestellt, was es bedeutet, afro-diasporisch oder gar menschlich zu sein." Afro-diasporische Musiker benutzen Maschinen, um Ideen von der Natürlichkeit schwarzer Menschen zu dekonstruieren.

Der Cyborg ist weiblich

Im Großteil der 90er-Jahre zirkulierten afrofuturistische Ideen im Underground. Das änderte sich 1997 mit einer Rapperin aus den US-Südstaaten: Missy Elliott. Im Video zu "Sock it 2 me" ist sie eine Cyborg-Videospielfigur, die das Böse bekämpft, während sie sexpositive Reime rappt.

Körperpolitisch war Missy Elliott schon damals progressiv, ihre Rundungen waren ihre Superkraft. Damit hatte sie Einfluss auf viele andere Musikerinnen. So etwa auf Janelle Monae, die wichtigste afrofuturistische Künstlerin der Nullerjahre, die auf ihren Alben zum Cyborg Cindy Mayweather wird. Und auch die starken Frauenfiguren des Black-Panther-Films sind ohne Missy Elliotts Videos kaum vorstellbar.

Stand: 13.02.2018, 11:56