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Ursprünge des Afrofuturismus

Flucht ins All

Ursprünge des Afrofuturismus

Von Christian Werthschulte

Alles begann in den unendlichen Weiten des Weltraums – an Bord des Raumschiff Enterprise. Sun Ra proklamierte "Space is the place", und George Clinton stieg ins Mothership.

Eine Frau mit dunklen Haaren und dunkler Haut in einem roten Outfit

Nichelle Nichols als Lieutenant Uhura

Es begann mit einem Kuss - Was ist Afrofuturismus?

COSMO | 12.02.2018 | 01:55 Min.

Es war ein Kuss, der den Afrofuturismus bekannt gemacht hat: Am 22. November 1968 küsste James T. Kirk, Captain des Raumschiff Enterprise, zur besten Sendezeit die aus Afrika stammende Kommunikationsoffizierin Leutnant Uhura. Die Szene gilt als der erste Kuss zwischen einem Weißen und einer Schwarzen in einer TV-Serie – und er konnte nur im Weltraum stattfinden. Während die USA von der Bürgerrechtsbewegung erschüttert wurden, konnte Star Trek eine Zukunft zeichnen, in der schwarze Menschen gleichberechtigt und selbstbestimmt sind. Selbst Martin Luther King war deshalb Star-Trek-Fan, wie sich Uhura-Darstellerin Nichelle Nichols erinnert: "Ich und meine Familie sind ihre größten Fans, Mrs Nichols, sagte er. Star Trek ist die einzige Serie, für die unsere Kindern länger wachbleiben dürfen."

Mutation am Synthesizer

Martin Luther King sah Star Trek als Utopie: Die Serie zeigte, dass Afro-Amerikaner alles erreichen können. In Chicago machte sich zur gleichen Zeit ein anderer Afro-Amerikaner daran, diese Utopie zu verwirklichen. Aber seine Mittel waren der Jazz und ein Synthesizer.

Sun Ra in den 70er Jahren

Sun Ra in den 70er Jahren

Wenn Herman Poole Blount seinen Moog-Synthesizer spielte, verwandelte er sich in die Kunstfigur Sun Ra, die vom Planeten Saturn auf die Erde gekommen ist. "Sun Ra besitzt eine ausgearbeitete Mythologie der Zukunft. Sie bezieht sich auf den Weltraum, auf elektronische Synthesizer, auf Ägyptologie, auf Gemeinschaftlichkeit und eine queere Form des Zölibats", erzählt der Kulturwissenschaftler Kodwo Eshun. Für ihn ist Sun Ra der Urvater des Afrofuturismus. Weil Sun Ras Vorfahren als Sklaven verschleppt wurden, begriff er sich als Alien in den USA. Sein einziger Fluchtweg war der Weltraum.

Die Mothership Connection

Sun Ras Musik war zu verschroben für ein Massenpublikum, aber unter seinen Fans in Philadelphia, wo Sun Ra gewohnt hat, sind viele Musiker zu den öffentlichen Proben des Sun Ra Arkestras gegangen. Und Sun Ra hatte auch einen direkten Einfluss auf einen der wichtigsten afro-amerikanischen Musiker des 20.Jahrhundert: George Clinton. Clinton hat sich ein Raumschiff auf die Bühne gestellt. Er glaubte, dass schwarze Menschen außerirdischen Ursprungs waren, weil er sich selbst in den USA so entfremdet gefühlt hat. Dieses Gefühl haben viele der Seinen geteilt. Seine Band Parliament hat die Technoszene beeinflusst und war Vorbild für viele HipHop-Produzenten. Und so ist der Afrofuturismus in der Popmusik immer weiter mutiert.

Stand: 13.02.2018, 14:56