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TootArd - "Migrant Birds"

TootArd - "Migrant Birds"

TootArd - "Migrant Birds"

TootArd - "Migrant Birds"

Von Anna-Bianca Krause

TootArd, ein Trio um zwei Brüder von den Golanhöhen, feiert auf "Migrant Birds", ihrem dritten Album die große Ära der arabischen Discomusik. Der Sound, zu dem man in den frühen 80ern in Kairo, Damaskus oder Beirut getanzt hat, ist auch heute noch partytauglich.

Ohne Pass und Passierschein

"Migrant Birds", der Albumtitel ist wie ein Bild aus dem realen Leben, wenn man auf den Golanhöhen lebt. Dieser Landstrich im Nahen Osten wird seit dem Sechstagekrieg in den 60er-Jahren sowohl Syrien als auch von Israel beansprucht. Die Brüder Hasan und Rami Nakhleh, die zusammen TootArd sind, haben, wie alle dort lebenden Menschen, weder einen syrischen noch einen israelischen Pass. Sie sind staatenlos und können nur mit einem von der Armee ausgestellten Passierschein aus- und einreisen. Die Golanhöhen sind auch ein Naturschutzgebiet, es gibt dort sehr viele Vögel und nur die Vögel können das Gebiet einfach so ohne Passierschein verlassen oder betreten.

Der Sound der Kindheit

Doch die Musik von TootArd klingt nicht nach Naturschutzgebiet, sondern nach Dancefloor, genauer nach Orient-Disco. TootArd orgen in den neuen Songs auf Synthesizertasten herum und lassen die E-Gitarre zappeln. Moroder meets Kraftwerk meets Orient. Auf den beiden Vorgängeralben waren die Brüder noch Richtung Reggae und Desert Blues unterwegs gewesen, auf Album Nummer 3 erfanden sie sich jetzt neu und machen Orient-Disco. Schuld ist die Musikerfamilie, aus der sie kommen und in der sie schon als Kinder mit ihren Eltern klassische arabische Musik spielten. Zuhause standen nicht nur Oud, Geige, Gitarre und Perkussionsinstrumente herum, sondern auch ein Yamaha Synthesizer in der Orient-Ausführung - mit dem man auch die typischen Viertelnoten der Musik des Nahen Ostens spielen kann. 

Darauf spielte Hasan, der Keyboarder, Sänger und Gitarrist von TootArd schon damals. Im Vorfeld des neuen Albums erinnerte er sich daran und besorgte sich wieder so einen PSR-62. Deshalb ist das neue Album jetzt auch eine Hommage an die große Ära der arabischen Discomusik, an den Sound, zu dem man in den frühen Achtzigern in Kairo, Damaskus oder Beirut getanzt hat. Leute wie Magdi al-Husseini oder Ihsan Al-Munzer, Namen, die uns hier völlig unbekannt sind, waren Pioniere des Genre. Dass Musik aus dem Nahen Osten auch in Deutschland veröffentlicht wurde, das fing erst in den 80igern so langsam an.

Melancholie-Groove

Thematisch geht es natürlich um den unhaltbaren Zustand staatenlos zu sein und in dieser ganz speziellen Situation auf den Golanhöhen zu leben, das zeigt sich an Songtiteln wie "Trouble Watan" – Watan ist das arabische Wort für Heimatland. Oder im Track "Wanderlust" - das ist eine Umschreibung für Fernweh - singt Hasan Nakhleh: "Ich werde meinen Weg zurück nach Hause nie mehr finden" und meint ganz konkret, dass er bereits in die Schweiz gezogen ist und dort darauf wartet endlich und zum ersten Mal in seinem Leben einen Pass in die Hände zu bekommen. Die E-Gitarre, die seinen Gesang umgibt klingt nach Nile Rodgers. Immer wieder erzählen TootArd von ihrem Leben und stellen Fragen nach der eigenen Identität. Sicher liegt es auch daran, dass ihre Musik so verwirrend vielseitig ist – sie mischen Pop, Disco, orientalische Melodien, Ska, Psychedlic Rock und viel mehr. Trotz der zugrundeliegenden Problematik, lassen TootArd die Melancholie grooven.

Stand: 12.06.2020, 13:29