Live hören
Jetzt läuft: I'm so tired von Lauv & Troye Sivan

Wüstenrock unter Sternen

Tinariwen: "Amadjar"

Review: Tinariwen - "Amadjar"

Wüstenrock unter Sternen

Von Johannes Paetzold

Tinariwen sind das Flaggschiff der Tuaregmusik aus dem Sahara Grenzgebiet Westafrikas. Sie waren die ersten, die vor gut 17 Jahren diesen Sound in die Welt hinaustrugen, die ersten auch, die ihren Bluesrock mit elektrischen Gitarren unterlegten. Zwei Jahre sind seit dem letzten Album vergangen. Für Amadjar sind die Musiker in die Wüste gezogen und haben ihr Album unter freiem Himmel aufgenommen. Auch diesmal unterstützt eine Liste erlesener westlicher Rockmusiker den Wüstenblues von Tinariwen.

Aufnahmestudio Wüste

Amadjar ist bereits das neunte Album von Tinariwen. Immer waren die Songs von Tinariwen geprägt von Blues, von Balladen und vom rauen Sound ihres Bluesrock. Aber immer gab es auch einen Filter zwischen der Essenz dieser Musik und dem Ergebnis auf Tonträgern. Dabei entstand der wahre Sound der Gruppe doch erst "draußen", unter dem freiem Himmel - bei Feiern wie Hochzeiten, Taufen und anderen Festen. Und am Feuer vor dem Zelt, am Rande der Wüste, der Heimat der Tuareg. Auf Amadjar wird der Filter so klein wie möglich gehalten. Das französische Produktionsteam kam mit einem mobilen Studio im Kleinbus nach Mauretanien. In der Nähe von Nouakchott, der Hauptstadt, wurden die Lieder von den sechs Musikern aufgenommen.

Rückbesinnung

Nouakchott wurde bewusst von den Musikern ausgewählt, weil sie dort auf die mauretanische Sängerin Moura Mint Seymali trafen, die in mehreren Songs neben Gründungsmitglied Ibrahim Ag Alhabib auf dem Album zu hören ist. In der vertrauten Umgebung der Wüste entfalteten sich die Musiker freier denn je. Sänger und Gitarrist Abdallah Ag Alhousseyni brachte Songs mit, die er sonst nie auf der Bühne singt und Bassist Eyadou Ag Leche ist diesmal vor allem an der akustischen Gitarre zu hören. Auf Amadjar singen Tinariwen zuerst für sich selbst und erzählen frei von ihrem Leben. Die ersten Hörer des Albums sind die Skorpione, deren Spuren im Wüstensand man auf dem Photos im Booklet sieht.

Gäste und Blues Rebellen

Auf Amadjar sind - nicht zum ersten Mal bei Tinariwen - westliche Musiker zu Gast. Waren es früher Musiker von TV on the Radio oder der Chicago Rockband Wilco, ist diesmal die Auswahl noch punktgenauer auf den Wüstenblues von Tinariwen abgestimmt. Der Alternative Folkmusiker Cass McCombs mag den ungeschliffenen Klang in seiner Musik, die Lo Fi Attitüde der Tuareg entspricht auch seiner Musik. Stephen O Malley von der Drone Doom Band Sunn O))) kommt aus dem experimentellen Metal. Micah Nelson kennt als Gitarrist aus Neil Youngs Band und Sohn von Country-Legende Willie Nelson den Travelling Blues. Der wichtigste entscheidende Gast auf Amadjar ist aber Warren Ellis. Mit Ellis an der Seite hat bereits das Werk von Nick Cave noch einmal eine ganz neue Richtung nach den Bad Seeds aufgenommen. Ellis spielt Violine und ist ein Wizzard beim Einsatz elektronischer Klänge und Effekte. Warren Ellis ist bekannt als exzentrisch, verrückt aber vor allem als besessen von Sounds und Klängen. Er wirkt auf mehr als der Hälfte aller Tracks auf Amadjar mit. Als Australier ist Ellis mit dem Lebensgefühl der Wüste und den Outbacks vertraut. Er ist ein Tüftler, der sich nie nach vorne drängt, aber der den Songs von Tinariwen über ihren bedrohten Lebensraum, über Lebensreisen im direkten und metaphorischen Sinne, den perfekten Klangkörper verleiht.

The Blues

Die Songs von Amadjar wurden in Paris später für das Album noch einmal abgeschliffen. Im Studio saß da auch ein anderes Schwergewicht des Blues und Bluesrock, Joshua Vance Smith, Kumpel von Jack White von den White Stripes. Amadjar entstand also aus einer Vielzahl der Querdenker der Blues-Szene. Dadurch bekommt Amadjar einen pan-atlantischen Rebell Blues Sound, der rough ist und trotzdem eingängig. Wer den Blues mag, egal ob aus den Südstaaten der USA oder den eines Ali Farke Toure aus Mali, egal, ob er bei der Tuareg Sprache Tamaschek nichts versteht, der geht bei diesem Album in die Knie. Amadjar berührt die Essenz des Blues´.

Stand: 05.09.2019, 12:21