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Screenshot: "Summer of Soul"

Questlove gibt Regiedebüt

Doku: Summer of Soul (Or, When the Revolution Could Not Be Televised)

Stand: 19.08.2021, 10:00 Uhr

Woodstock und den Summer of Love kennt irgendwie jeder. Waren diese drei Tage von Woodstock doch der Höhepunkt der alternativen weißen Gegenkultur der 60er Jahre war. Aber haben sie schon mal vom "Harlem Cultural Festival“ gehört?

Von Falk Schacht

Es fand im selben Jahr über sechs Wochen hinweg statt. Es kamen über 300.000 Menschen zusammen, um die bedeutendsten schwarzen Musiker aus Soul, Funk, Jazz, Gospel, RnB und Blues zu sehen, und trotzdem hat man die letzten 50 Jahre nichts über dieses Festival gehört. Warum nicht?

Auf diese Frage eine Antwort zu finden, das war der Ansporn für die Roots-Drummer-Legende Questlove, der hiermit sein Regiedebüt gibt. Aus den fast 40 Stunden Archivmaterial des Festivals hat er eine zweistündige Dokumentation geschaffen, die so intensiv an den Schnittstellen zwischen politischer Beobachtung und Popkultur funktioniert, dass es einerseits große Freude macht, sie zu sehen, während einem gleichzeitig ein Kloß im Hals entsteht, wenn man die Umstände der Zeit vorgeführt bekommt.

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Die Freude entsteht, wenn man den fantastischen Künstlern wie Nina Simone, Stevie Wonder, Gladys Knight & The Pips, Mahalia Jackson, Mongo Santamaria oder Sly and the Family Stone u.v.m. zuschaut, wie sie in der Blütezeit ihrer Karrieren beeindruckende Performances abliefern.

So springt einen die extreme Kraft, aber auch der Schmerz und die Verwundbarkeit der Perfomance von Mahalia Jackson geradezu aus dem Monitor an, wenn sie das Lieblingslied von Martin Luther King "Precious Lord, Take My Hand" singt. Wurde er doch nur ein Jahr zuvor ermordet, was ein schrecklicher Rückschlag für die Bürgerrechtsbewegung damals war.

Später lässt Questlove in der Doku seine HipHop Herkunft aufblitzen durch die Auswahl des Sly and the Family Stones Song "Sing a Simple Song", dessen Drumbreak wurde in den letzten 40 Jahren Hundertfach gesamplet. Und in der Doku nutzt er die Chance, die Geschichte des weißen Drummers zu erzählen, der auf diesem schwarzen Festival auftritt, was vom Publikum kritisch beäugt wird. Was am Ende aber deutlich macht, dass die Kraft der Band genau aus dessen diverser Besetzung gezogen wird. So spielt auch eine Trompeterin und eine Keyboarderin mit, und setzt damit auch ein Zeichen für eine Zukunftsperspektive für eine gleichberechtigtere Gesellschaft.

Und das ist die enorme Stärke dieser sehr dicht produzierten Dokumentation. Questlove bettet die Festival-Aufnahmen in den politischen Kontext der späten 60er-Jahre ein.

Und das ist die lehrreiche, aber auch wirklich schmerzhafte Seite des Films. Den Ende der 60er Jahre ist der Höhepunkt der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Der Kampf um Freiheit von Rosa Parks bis Black Panther und Malcolm X. So performt Nina Simone den Last Poets Song "Are you ready black People?", in dem die Frage gestellt wird, ob man bereit ist, alles zu tun, um sich nicht mehr unterdrücken zu lassen. Das gesamte Publikum antwortet ihr mit "Yeah".

Es ist ein schwarzes Selbstbewusstsein, das hier zelebriert wird, unterstrichen durch Zeitzeugen-Interviews und Fotos von Unruhen, die eine Linie erkennen lassen, die bis heute zur Black Lives Matter Bewegung reicht. Wenn z.B. deutlich wird, dass das Vertrauen in die Polizei so niedrig war, das man die Security des Festivals von den Black Panthers übernehmen lies. Dadurch wird deutlich, dass sich in 50 Jahren nicht so viel getan hat.

Final findet auch Regisseur Questlove die Antwort auf die Frage, warum wir das "Black Woodstock" nicht kennen? Im Untertitel "When the Revolution could not be Televised" wird das bereits angedeutet. Dieses Zitat ist angelegt an den Klassiker von Gil Scott Heron. Und "The revolution will not be televised" bedeutet in diesem Falle, wenn kulturelle Ereignisse nicht gezeigt werden, dann ist es so, als hätten sie nie statt gefunden.

Die schmerzhafte Analyse von Questlove ist, dass "schwarze Geschichte immer wieder ausgelöscht wird". Weil die bisherigen Geschichtsbücher der Popkultur nicht von Schwarzen sondern von Weißen geschrieben wurden. Das ermutigende und hoffnungsstiftende an Projekten und Dokumentationen wie "Summer of Soul" ist aber,  dass sich diese Verhältnisse endlich bewegen und verändern.