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Rosalia "El Mar Querer"

Albumcover Rosalia El_Mae_Querer

Reviews

Rosalia "El Mar Querer"

Von Niklas Wandt

Rosalía ist eine klassisch ausgebildete Flamencosängerin aus Barcelona. Wer jetzt an rote Kleider und Pathos à la Gipsy Kings denkt, muss nach dem Hören ihres neuen Albums "El Mal Querer" seine Klischees revidieren. Ihr origineller Stilmix ist aktuell für satte fünf Latin Grammys nominiert.

Flamenco aus dem Subwoofer

Rosalía hat eine ganz klassische Flamenco-Ausbildung mit Gesang und Tanz genossen. Auf die Musik ist sie aber auf ungewöhnliche Art und Weise gestoßen. Mit 12, 13 hört sie Flamenco aus einem vorbeifahrenden tiefergelegten Auto wummern und ist so beeindruckt, dass sie ihr Leben in vorher und nachher einteilt. Die Begegnung beschreibt die Musik auf ihrem neuen Album “El Mal Querer” auch gleich ziemlich akkurat - Flamencoelemente treffen auf RnB, urbanen Pop und sperrige Elektronik.

"De Aquí No Sales" - "Von hier gibt es kein Entkommen"

So heißt einer der sperrigsten Songs auf "El Mal Querer", bei dem man sehr gut den Bruch zwischen einem Geräusch-R'n'B mit Samples bremsender Autos und Sirenen und der kargen Andeutung des typischen Flamencorhythmus der Palmas, also dem Klatschen der Handflächen, hört. Darüber Rosalías Stimme, der man die klassische Flamencoschulung anhört, sie macht diese zahlreichen Schlenker (musikwissenschaftlich nennt man die Melismen), die den arabischen Einfluss des Flamencos verraten und dem Gesang die tiefe Tragik geben. Gebettet wird die Stimme in reichlich digitalen Hall und auf halber Strecke übernimmt das Autotune, dieser etwas robotermäßige Effekt, der jeden Ton sehr deutlich voneinander absetzt (den kennt man ursprünglich von Chers "Love after love" und heute von ca. jedem Trap- und RnB-Künstler)

Die katalanische Björk

Die heftige Emotionalität und die etwas gespenstische Produktion legen den Vergleich nahe - es gibt auch personelle Verbindungen, schließlich hat die gute Rosalía die Platte zusammen mit einem Mann namens El Guincho produziert, der tatsächlich auch schon mit Björk gearbeitet hat. Gleichzeitig ist die Schwermut, die Klage um unerfüllbare oder unlebbare Liebe natürlich ein Grundthema des Flamenco und genau darum gehts auf "El Mal Querer". Schon den Titel kann man wahlweise als verkehrte oder falsche Liebe übersetzen. Ohne Frage ein Konzeptalbum - jeder Song hat auch noch einen epischen Kapitelnamen nach Stationen aus einem andalusischen Skript aus dem 14. Jahrhundert. In der sperrt ein eifersüchtiger Ehemann seine Frau in einen Turm. Die Reise geht vom "Augurio", also dem Vorzeichen, bis hin zur "Poder", der Macht, die die Liebende aus ihrem Schmerz zieht.

Das große Acapella-Finale

Die Geschichte geht natürlich nicht gut aus, aber "Voy a tatuarme en la piel tu inicial entre las mías", ich werde mir deine Initialen zwischen meine tätowieren um mich daran zu erinnern, was du mir angetan hast. Das ist schon das ganz große Besteck, vor dem Kitsch rettet sie dieser Chor monströs verfremdeter Stimmen im Hintergrund - ein fast alptraumartiger Schluss der Platte. Die macht bemerkenswerte emotionale Ups and Downs durch und nimmt immer wieder Wendungen, die man so gar nicht erwartet. Für die Sperrigkeit der Musik startet Rosalía gerade richtig durch, Majorlabel, Welttournee, Grammys. Ihr moderner Schwermut, der Mix aus Flamenco, kargem Autotune-R'n'B und düstererer Elektronik scheint in der Latinocommunity weltweit einen Nerv getroffen zu haben.

Stand: 09.11.2018, 16:02