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Pa Salieu - UK-Hype zwischen Straße und Afrobeats

Pa Salieu - "Send them to Coventry"

Pa Salieu - "Send them to Coventry"

Pa Salieu - UK-Hype zwischen Straße und Afrobeats

Von Julian Brimmers

Gefühlt im Wochentakt rufen Szenekenner und Pop-Presse im Vereinten Königreich das "Next Best Thing" aus – und mit einer den Rest der Welt beschämenden Präzision haben sie auch noch recht. In der Regel kommen die britischen Jungstars des Global Pop allerdings aus London, eventuell noch aus Manchester.

Coventry, eine mittelgroße Industriestadt mitten im Landesinnern, haben dabei die wenigsten auf dem Schirm. Der Mangel an Starpotential aus Coventry ist in England sogar sprichwörtlich: "Send them to Coventry" bedeutet im Englischen so viel wie "jemanden bewusst ignorieren", "jemanden ausschließen". "Send them to Coventry" ist ebenso der Titel des gerade erschienenen Debüt-Mixtapes des 23-jährigen MCs Pa Salieu. Um es vorwegzunehmen: An Coventry wird man in Zukunft kaum mehr vorbeikommen. 

Pa Salieu wurde in England geboren, verbrachte die ersten zehn Jahre seines Lebens aber mit seinen Großeltern in Gambia. Musik liegt in der Familie, Pas Tante tritt als Folk-Sängerin auf. Zurück in England zieht er zu seinen Eltern nach Hillside, ein notorisch raues Viertel in Coventry. Seine direkte Hood, Frontline, inspirierte Pa Salieu zu seiner gleichnamigen Hit-Single. "Frontline" erschien im Januar 2020, knappe drei Monate nachdem Pa von 20 Kugeln einer Schrotflinte am Kopf getroffen wurde. Seinen besten Freund, AP, hatte er zu diesem Zeitpunkt bereits an die Straßen der Stadt verloren. 

Den Stress und die Paranoia dieser Jahre fängt "Frontline" ein - dieser von Sirenen und einer halb gesungen, halb gerappten Hook perfekt gerahmte Song - und wird zum Internethit. Die darauffolgenden Singles zeigen Pa als musikalisch flexiblen MC und Sänger, dem von Afrobeats ("Betty"), conscious Tanzmusik ("B***K") bis hin zu Achtziger-Art-Pop samplendem UK Drill ("Bang Out") alles zu gelingen scheint.

Umso schöner, dass sein Langspiel-Debüt genau dort weitermacht. Neben den bereits bekannten Songs beschwört Pa mit "Block Boy", samt extrem Corona-unkonformem, an Sean Pauls "Like Glue" erinnerndem Video, die Dancehall-Energie seines Idols Vybz Kartel. Auf dem ebenfalls vorab veröffentlichten "My Family" flext er an der Seite von East Londons Backroad Gee die aggressive Seite seines musikalischen Spektrums. Als Abschluss liefert er zusammen mit UK-Neo-Soul-Hoffnung Mahalia den versöhnlichen Rat, seine Energie nie wieder auf dummes Zeug zu verschwenden ("Energy"). 

Auch nach mehreren Durchläufen zeigt diese zusammengewürfelte erste Werkschau kaum Abnutzungserscheinungen. Der Hype ist da, real und gerechtfertigt. Im Internet und an britischen Kiosken kann man Pa Salieu zurzeit kaum entkommen – sein Gesicht grinst von Tageszeitungen und Hipstermagazinen. Von all dem kriegt er selbst wenig mit, wie er sagt. Er liest sich nichts durch, schaut sich kaum was an und will einfach wieder ins Studio und sobald es geht auf die Bühne. Bis dahin bleiben uns 15 großartige Songs und die Hoffnung, dass die komplette Unbekümmertheit, mit der Pa Salieu Styles, Genres und Themen vermengt, ihm bis zum nächsten Release nicht abhandenkommen.

Stand: 20.11.2020, 09:00