Ozuna: "ENOC" - Viel Drama und mangelnder Aktivismus

Ozuna - ENOC Cover

Ozuna: "ENOC"

Ozuna: "ENOC" - Viel Drama und mangelnder Aktivismus

Von Lukasz Tomaszewski

Der puerto-ricanische Reggaetón-Sänger OZUNA erweitert auf seinem vierten Album "ENOC" seinen Romantico-Style. Trotz Corona macht er es zu einem Gipfeltreffen der gerade angesagtesten Urbano-Künstler*innen aus Lateinamerika.

"ENOC" ist das Kürzel für Ozunas Alias "El Negrito de Ojos Claros", übersetzt: "Der Schwarze mit hellen Augen". Der 28-jährige Urbano- Künstler wird darauf seinem Ruf als Schmuse-Reggaetónero gerecht. Das weite Feld der heterosexuellen Liebesbeziehung wird in den 20 Stücken von A-Z durchdekliniert.

Die Single "Caramelo" zusammen mit der kolumbianischen Sängerin Karol G verrät Ozunas Erfolgsformel: ein zurückhaltender, aber tanzbarer Reggaetón-Beat. Dazu detaillierte Beschreibungen der sexuellen Anziehungskraft der Partnerin und schmachtende Liebesschwüre. Das Duett ist in eine eingängige Pop-Melodie gegossen. Im Refrain heißt es: "Dein Mund schmeckt nach Bonbons, ich muss ihn probieren". Für Menschen, die mit dem direkten Wording des karibischen Pop-Songwritings nicht vertraut sind, wirkt das erst einmal ziemlich befremdlich.

Reggaetón Romantico

Doch genau dieser Twist hin zu eingängigen Pop-Melodien und soften Lyrics verhalf dem Reggaetón vor wenigen Jahren zu seiner Wiedergeburt. Und ebnete den Weg zu den US-amerikanischen Charts. Ozuna ist eine Ohrwurm produzierende Maschine und neben dem Kolumbianer Maluma der große Romantiker des Reggatón. Er versucht erst gar nicht, den Gangster-Rapper raushängen zu lassen und füllt damit gekonnt eine Lücke im Urbano-Kosmos.

Seinen Kritikern kommt er gleich im Opener zuvor: "Enemigos Ocultos", zusammen mit den Reggaetón-Veteranen Wisin und Mike Towers, ist eine Kampfansage an alle Hater. Die Botschaft: Ihr seid zwar Bad Boys, aber habt es nicht drauf. Auch ich kann über einen düsteren Beat spitten und kriege sogar ordentlich Support! Als Beweis stehen seine Featuregäste, die größten Namen des Reggatón: Daddy Yankee, J Balvin, Nicky Jam, Zion & Lennox, Karol G. Dieser Glanz wiegt schwerer als Street-Credibility.

Auf zu neuen Ufern

Ozuna traut sich auf "ENOC" auch Neues auszuprobieren. Am besten gelingt ihm das mit dem Song "Del Mar". Als Featuregäste sind die australische Sängerin Sia und US-Rapperin Doja Cat dabei. Die westafrikanischen Gitarren-Arpeggios und der roughe Dancehall-artige Rapflow von Doja-Cat sind auf jeden Fall eine erfrischende Abwechslung.

Wohlfühlblase zum Wegträumen

Mit Bad Bunny, Ilé und Residente gibt es gerade viele Puertoricaner, die sich in ihren Texten hinter die Black-Live-Matter-Bewegung und LGTBQ+- Community stellen, soziale Probleme insgesamt ansprechen. Davon ist bei Ozuna leider keine Spur zu erkennen. Vielmehr überhäuft er uns im Krisenjahr 2020 mit Geschichten vom Fremdgehen, Eifersucht und sexuellem Begehren.

Ozuna sagt selbst über "ENOC": In Zeiten der globalen Pandemie sei Musik die beste Flucht und Befreiung aus der mentalen Krise. Das wird allerdings bei ihm zu einer unreflektierten und zeitlosen Wohlfühlblase zum Wegträumen. Das ist aber auch der größte Kritikpunkt. Wenn man bedenkt, dass sein letztes Album erst ein Jahr zurückliegt, muss man diesen Output auch würdigen.

Stand: 10.09.2020, 15:47