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Mysha zelebriert auf "Nevaeh" die schwarze Diva

Mhysa - "Nevaeh"

Review

Mysha zelebriert auf "Nevaeh" die schwarze Diva

Von Christian Werthschulte

Die US-Amerikanerin Mhysha veröffentlicht mit "Nevaeh" ist ein dichtes, intellektuelles Album - ohne dabei verkopft zu sein.

Vielleicht ist R&B das zwiespältigste aller Global-Pop-Genres - zumindest, wenn man es unter feministischen Gesichtspunkten betrachtet. Einerseits feiert es Frauen und ihre Weiblichkeit, andererseits verbreitet es oft einengende Stereotype darüber, wie Frauen sein sollen: schlank, sexy und auf der Suche nach einem Mann. Anders bei Mhysa aus Philadelphia: sie macht R'n'B mit explizit feministischem Anspruch und ihr neues Album "Nevaeh" zelebriert die schwarze Diva.
"I just wanna come before the world ends", singt Mhysa in “Before the world ends” und feiert so eine eine explizite, weibliche Sexualität ohne heteronormativen Überbau: ohne Heiraten, Honeymoon oder gemeinsamen Häuserkauf. Dazu passt auch, dass Mhysa von sich selbst als "they" spricht, auf Deutsch "sie-er": Sie verzichtet auf eine fixierte Geschlechtsidentität.

Eine Künstlerin, deren Sprache Musik ist  

Mhysa kommt aus den USA und ist ebenso in der Kunstszene wie in der Musikszene zu Hause. Sie lebt an der Ostküste, in Philadelphia, und hat Kunst studiert. Sie schreibt Theorietexte, ist Teil eines afro-futuristischen Performance-Duos names Scraaatch, das Soundcollagen produziert. Als Mhysa nähert sie sich dem R'n'B der 90er an – musikalisch wie visuell. In ihrem aktuellen Video "Brand Nu" dekonstruiert Mhysa R&B-Klischees, etwa wenn sie im Bett liegt, aber dann einen Hosenanzug mit afrikanischem Muster trägt, ein paar Fettröllchen zeigt und eine Frau anschmachtet.

Dekonstruktion afro-amerikanischer Popgeschichte

Ihre Musik veröffentlicht Mhysa mittlerweile beim britischen Label Hyperdub, das dafür bekannt ist, Musik zu veröffentlichen, die afro-amerikanische Popgeschichte dekonstruiert und zu etwas Neuem zusammensetzt. Das macht Mhysa auch, etwa in ihrer Coverversion von "If I ruled the world" von Nas und Lauryn Hill. Mhysa reduziert den Refrain des Songs. Anstatt. Anstatt HipHop-Beats hört man nur einen Schellenkranz - so wie im Spiritual Jazz der 70er. Diese Methode verwendet sie oft auf ihrem Album: R'n'B-Vocals über minimalistischen Anspielungen auf afro-amerikanische Popgeschichte. Mal sind das zischelnde Trap-HiHats, mal geloopte Vocalsamples wie im Footwork.

Ein intimes Werk

"Nevaeh" ist ein dichtes, intellektuelles Album - ohne dabei verkopft zu sein. In ihren minimalistischen Stücken wird Mhysa schnell persönlich, fast schon intim. Und darin steckt eine emanzipatorische Message. R'n'B-Sängerinnen werden ja meistens mit total viel Studiotechnik zu übernatürlichen Figuren aufgeblasen. Mhysa verzichtet darauf, trotzdem ist ihre Musik emotional mitreißend. Dahinter steckt Empowerment: Jede Frau kann eine R'n'B-Queen sein.

Stand: 05.03.2020, 06:00