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Lianne La Havas: Ein Album wie eine intime Portrait-Aufnahme

Lianne La Havas:  "Lianne La Havas"

Lianne La Havas: "Lianne La Havas"

Lianne La Havas: Ein Album wie eine intime Portrait-Aufnahme

Von Vincent Lindig

Sie war eins der letzten Talente, das Musiklegende Prince vor seinem Tod entdeckte und förderte – die britische Sängerin Lianne La Havas mit Roots in Griechenland und Jamaika. Sie wurde für ihr letztes Album "Blood" bereits für einem Grammy nominiert, spielte Shows mit Alicia Keys. Nun gibt es nach fünf Jahren endlich musikalischen Nachschub – ihr neues Album klingt nach Weltklasse.

Lianne La Havas hat eine herausragende Stimme: Rauchig und klar zugleich, verletzlich und sinnlich. Schon auf vergangenen Releases stand diese Qualität weit im Vordergrund, La Havas´ Performance wurde von Kritikern hoch gelobt. Jetzt hat sie sich scheinbar noch stärker auf diese Stärke besonnen. Ihre Stimme spielt auf dem neuen Album die absolute Hauptrolle. Die Produktionen sind reduziert und analog, die Instrumente wurden fast schon zurückhaltend von einer echten Band eingespielt. Man hat das Gefühl: Jetzt kreist wirklich alles um die Nuancen ihrer Stimme, das schafft Raum für die persönlichen Geschichten hinter den Zeilen. Selbstzweifel, die Suche nach den eigenen Stärken, Sexualität und innere Ruhe: Lianne La Havas zeichnet ein sehr intimes Bild ihrer Selbst, wenn sie in Songs wie "Paper Thin" von einer verzweifelten Liebe singt oder in "Read my mind" sexuelles Verlangen und absolute Verliebtheit besingt.

Alles selbst in die Hand genommen

Auf den letzten Alben hat La Havas noch mit verschiedenen Produzenten zusammen gearbeitet und geschrieben – auf der neuen Platte hatte sie alle Fäden selbst in der Hand. Produktion, Texte, sogar Videos: Alles hat sie vom ersten bis zum letzten Schritt geplant und durchgeführt. Für die 30-jährige aus London trotz ihrer großen Erfahrung im Geschäft ein großer Schritt – und vielleicht ein Befreiungsschlag.
"Ich hätte schon immer selbst die Kontrolle haben sollen", erzählt sie. "Aber vielleicht war ich einfach noch nicht bereit. Jetzt bin ich erwachsen geworden. Und ich wollte etwas schaffen, auf das ich stolz sein kann und sagen kann, dass es mich hundertprozentig repräsentiert. Am Ende des Tages bin ich die einzige Person, die ich habe – und deshalb muss ich mich auf eine Weise darstellen, die mich stolz macht". Das Ergebnis spricht für sich: das neue Album klingt einfach authentischer, echter, näher dran als die Vorgänger.

Viele Stile, trotzdem wie aus einem Guss

Die Musik von Lianne La Havas wird oft als Singer-Songwriter oder Soul beschrieben – letzteres aufgrund ihrer Hautfarbe, wie sie vermutet. So einfach lässt sich das aber nicht in eine Schublade einordnen, die Bandbreite auf dem neuen Album ist sehr groß. Vielleicht hat das etwas mit Lianne La Havas Familiengeschichte zu tun: Ihre Mutter stammt aus Jamaika, ihr Vater aus Griechenland. Der Vater spielt selbst Akkordeon, über ihre Mutter lernte sie karibische Sounds kennen. So bedient sie sich auch auf ihrem eigenen Album frei und angstlos aus verschiedenen Stilen: Indie-Rock Einflüsse wie beim Coldplay-Cover "Weird Fishes", Sounds aus Nineties R´n´B und der goldenen Motown-Ära treffen auf Bossa Nova aus Brasilien wie bei "Seven Times" oder reduzierte Folk-Elemente: Alles das wird durch den souligen Kern der Platte geleitet und klingt dadurch trotz der großen Stilvielfalt wie aus einem Guss.

Stand: 16.07.2020, 16:00