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Jay Electronica: Ein HipHop-Wunder nach zehn Jahren

Jay Electronica - A Written Testimony

Review

Jay Electronica: Ein HipHop-Wunder nach zehn Jahren

Von Julian Brimmers

Es geschehen noch Zeichen und Wunder, selbst in Zeiten der Krise. Seit über 13 Jahren wartet die Welt auf ein Album von Jay Electronica: Rap-Mystiker, Ex-Obdachloser, Lieblingsrapper deiner Lieblings-Rap-Mogule und Poet Laureate der Magnolia Projects.

Nun ist Rap 2020 nichts so alt, wie die Avantgarde von gestern. Warum also läuft Jay Electronica eine treue Gefolgschaft all die Jahre hinterher? Die Älteren unter uns werden sich erinnern: Mittels Myspace und ein paar wenigen Songs mit so illustren Namen wie "Exhibit A" und "Exhibit C" erzeugte Jay Elec um 2007 herum einen Hype, der in Sachen Sprachgewalt, Flows und Referenzgeballer bereits vorwegnahm, was Kendrick Lamar drei Jahre später einlösen sollte. Während Jay Electronica graduell verstummte.  

Vom meisterwarteten Album zum Treppenwitz

Es gab ein Mixtape, vereinzelte Singles und einen Bieter-Krieg zwischen Puff Daddy und Jay Z um seine Dienste. Jedes sorgsam verstreute Jay-Electronica-Feature sorgte für Schnappatmung auf den einschlägigen Blogs. Nur das Album, das zwischenzeitlich unter verschiedenen Arbeitstiteln firmierte, ließ auf sich warten. Bis man sich kollektiv darauf einigte, es zu vergessen – oder nur noch als Treppenwitz zu gebrauchen, a la Dr. Dre's "Detox".

Bemerkenswert ist dabei, dass all dies dem Mythos um Jay Electronica nicht viel anhaben konnte – im Gegenteil. Und weil es kaum Musik gab, wurde das Gerede um Jays spirituelle Wanderschaften, sein kontroverses Verhältnis zu Verschwörungstheorien und zur Nation of Islam, seine Beziehungen zu Erykah Badu und Kate Rothschild immer lauter. Gerüchte und Hörensagen bestimmten fortan das Narrativ um New Orleans' besten MC seit Lil Wayne.  Bis dann vor wenigen Wochen aus dem Umfeld von Jay Z die Nachricht kam: "This is not a drill", also "dies ist keine Übung." Man habe in 40 Tagen ein Jay Electronica-Album namens "A Written Testimony" aufgenommen, die Veröffentlichung stünde unmittelbar bevor.

Ein HipHop-Wunder mit Happy End?

Und tatsächlich: "A Written Testimony" ist erschienen – und das Warten hat sich gelohnt. Wobei es darauf ankommt, worauf man genau gewartet hat. Denn: Ein Jay Electronica Soloalbum ist das jetzt nicht. Vielmehr ein Zehn-Track-Kollabo-Album mit seinem Plattenboss Jay Z, dem einflussreichsten Rapper aller Zeiten. Das weckt natürlich Erinnerungen an "Watch The Throne", das monolithische Album von Jay Z und Kanye West. Dass das Resultat nicht weniger mit dem Treffen dieser zwei ewigen Egomanen zu tun haben könnte, ist der ganz große Triumph dieser Platte. Jay Z kommt auf fast jedem Song vor, hat aber seinen Style, seine Inhalte, sogar die Art wie seine Stimme gemischt ist, komplett an Jay Electronicas Ästhetik angepasst. Über das alte Ägypten hat man Jay Z jedenfalls lange nicht mehr rappen hören (und so motiviert auch nicht).

Soundtechnisch orientiert sich das ganze Album an einer sehr aktuellen Strömung im Underground Rap der Ostküste. Die Reime sind vielsilbig, aber mit gut gesetzten Pausen; musikalisch ist vieles extra übersteuert und die Sample-Auswahl eher obskur. Die meisten Beats stammen übrigens von Jay Electronica selbst, was überraschend ist, aber sehr gut funktioniert. So absurd das klingt, aber im Plattenschrank lässt sich "A Written Testimony" eher neben neue Releases von Untergrund-Innovatoren wie Mach-Hommy, Billy Woods, Ka und der Griselda Gang einordnen, als neben die Blockbuster-Alben der Saison.

Bye Bye Meisterwerk-Komplex!

Alles in allem ergibt sich der Eindruck, dass Jay Z und sein Team hier wie eine Art Coach fungieren, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, diesem Jahrhundert-Talent endlich seinen Meisterwerk-Komplex zu nehmen und einfach mal was fertigzumachen. Somit ist "A Written Testimony" vielleicht nicht das Jay Electronica Album, auf das wir alle vor zehn Jahren gehofft hatten, aber eben ein anderes – und ein streckenweise herausragend Gutes. 

Stand: 23.03.2020, 06:00