Live hören
Jetzt läuft: Cosmic Address von Frikstailers
Kendrick Lamar: "Mr Morale & The Big Steppers" - Mann mit Dornenkrone und Kind auf dem Arm; Frau auf Bett mit Säugling an der bedeckten Brust

Kendrick Lamar: "Mr. Morale & The Big Steppers"

Rückkehr des Rapkönigs

Stand: 13.05.2022, 14:45 Uhr

So persönlich wie nie ringt Kendrick Lamar mit seinen Dämonen und fordert mit "Mr. Morale & The Big Steppers" wieder die Grenzen des HipHop heraus.

Von Noelle O’Brien-Coker

Schon das Album-Cover von Kendrick Lamars viertem Album zeigt ein ungewöhnliches Bild: Kendrick mit seiner Langzeitpartnerin Whitney Alford und zwei Kindern. Mit seiner Familie ist der Comptoner Rapper sonst extrem diskret. Doch das Album ist eine Hommage an seine Verlobte und ein Symbol für die Bedeutung von Familie. In den Skits erscheint immer wieder eine Stimme - vermutlich Whitneys -, die Kendrick Reality Checks verpasst, ihn dazu auffordert, eine Therapie zu machen. Der Dialog gipfelt in dem großartig inszenierten Song "We Cry Together", in dem sich Kendrick und die Schauspielerin Taylour Paige als heftig streitendes Paar geben.

Neuer Vaterrolle, alte Traumata

Auf dem ersten Album, das Kendrick aus der Perspektive eines Vaters gemacht hat, beschreibt er Familien-Traumata, die es zu durchbrechen gilt, reflektiert Vater-Sohn-Beziehungen, hinterfragt tradierte Männlichkeitsbilder und hadert mit den Schattenseiten des Erfolgs. Mit schonungsloser Ehrlichkeit und einem offenen Umgang mit der eigenen Verletzlichkeit erreicht er einmal mehr die hohe Authentizität, die ihn auch so erfolgreich gemacht hat.

Der Pulitzerpreisträger und Grammygewinner beeindruckt mit einem dicht gesponnen Netz aus tiefgehenden Lyrics. Verweise in Gangkultur, die Schwarze Community, Rassismus gehen über zu Kritik an Materialismus und spirituellen Passagen. Für den genreübergreifenden Umgang mit Musik und Sounds sorgt unter anderem die Kollaboration mit dem Londoner Multimedia-Künstler und Pianisten Duval Timothy. Seine charakteristischen, manipulierten Klavier-Passagen ziehen sich vom Opener "United In Grief" aus durch verschiedene Tracks des Doppelalbums. Bezeichnend sind auch die vielen minimalistischen, kontemplativen und choralen Passagen - ein Album zwischen Boom Bap, Trap, Elektro, großer Popgeste, Kammermusik und Gospel, das die Sinnsuche als zentrales Motiv in vielen Facetten darstellt.

Kontroverse um Transfeindlichkeit

Wo es so tief ins Persönliche geht, kommt es auch zu Kontroversen: Auf "Auntie Diaries" spricht Kendrick Lamar über Trans- und Homofeindlichkeit in der eigenen Community - verwendet dabei extrem häufig das F-Wort, ein englischsprachiges Schimpfwort für Schwule, und nutzt Pronomen offenbar falsch. Dafür muss sich der Rapper Kritik gefallen lassen, auch wenn der Song selbst als Kritik an Queer-Feindlichkeit zu verstehen ist.

Es ist sicherlich einerseits ein Fortschritt, dass sich ein Rapper seiner Reichweite überhaupt mit Queer-Feindlichkeit beschäftigt. Der Perspektivwechsel ist eine seiner großen Stärken. Stellenweise stellt sich jedoch die Frage, ob es reicht, in der Anerkennung von Widersprüchen und eigenen Verfehlungen (und denen anderer) zu verharren, oder ob eine klarere Positionierung und ein Einarbeiten in bestimmte Diskurse von jemandem mit seiner Position verlangt werden kann.

Eine neue Ära

Mit "Mr. Morale & The Big Steppers" verabschiedet sich Kendrick Lamar von seinem langjährigen Label Top Dawg Entertainment (TDE) und läutet zugleich eine neue Ära mit seinem Medienunternehmen pgLang ein. Das Album erscheint als Co-Release beider Labels zusammen mit Aftermath Entertainment, dem Label von Westcoast-Mogul Dr. Dre, der ein früher Förderer Kendricks war. Kendrick hat pgLang im Jahr 2020 mit seinem High School Freund, Businesspartner und Regisseur Dave Free gegründet. Entsprechend ist Kendricks Platte auch als pgLang-Visitenkarte zu sehen mit Feature-Auftritten seines Cousins Baby Keem und Rapper Tanna Leon, die ersten beiden Künstler, die bei pgLang gesignt sind.

In Zeiten des Streamings, der Dominanz von Single-Releases und Social-Media-Inszenierungen würdigt Kendrick Lamar mit "Mr. Morale & The Big Steppers" wieder das Format des Albums als Gesamtkunstwerk. Sowohl musikalisch als auch textlich spannt er eine große Erzählung, die vom ersten bis zum letzten Track fesselt und glänzt.