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Neues Album von Ezra Collective bietet Jazz für den Dancefloor

Ezra Collective

Ezra Collective- "You Can’t Steal My Joy"

Neues Album von Ezra Collective bietet Jazz für den Dancefloor

Von Julian Brimmers

In Sachen Jazz kommt heute niemand mehr an den Hotspots im Londoner Osten und südlich der Themse vorbei. Ein perfektes Beispiel für die nächste Entwicklungsstufe des Sounds bieten Ezra Collective auf ihrem neuen Album "You Can’t Steal My Joy", das soeben erschienen ist. 

Ezra Collective ist ein junges Londoner Quintet um das Brüderpaar TJ (Bass) und Femi Koleoso (Drums). Mit ihrer technisch versierten Mischung aus Jazz, Afrobeats, Hip-Hop und diversen UK Club-Anleihen, stehen Ezra Collective exemplarisch für eine neue Generation an Instrumentalisten, die an Szene-typischen Ballast wie Nostalgie oder Genregrenzen keinen Gedanken verschwenden. Dabei stehen sie Seite an Seite mit Namen wie Shabaka Hutchings (Sons of Kemet und The Comet is Coming), Nubya Garcia, Moses Boyd oder Emma-Jean Thackray. Auch außerhalb von Großbritannien findet die neue Welle des UK-Jazz Gehör – erst kürzlich spielten mit Nubya Garcia als auch The Comet is Coming zwei Aushängeschilder der Szene am selben Tag in Köln.  

Spielfreude und Optimismus

Nach zwei gefeierten EPs legen Ezra Collective mit “You Can’t Steal My Joy” nun ihr Debüt-Album vor – und, um es vorwegzunehmen, werden allen Vorschusslorbeeren gerecht. Ihre größte Stärke ist hierbei der titelgebende, extreme Optimismus, gepaart mit einer unüberhörbaren Spielfreude und Mut zum Experiment. Das Kollektiv besitzt nicht nur ein natürliches Gespür für zeitgenössische Styles, sondern verortet sich selbstverständlich innerhalb der Jazz-Tradition.

So eröffnen sie ihr Album mit eine Version von Sun Ras „Space is the Place", die schon lange zum Inventar ihrer Live-Shows gehört. Das Geschichtsbewusstsein der Band lässt sich hier sehr schön raushören – zumal „Space is the Place“ bei Ezra Collective eher nach D’Angelo’schem Neo-Soul als nach intergalaktischem Eskapismus klingt. Innovation, aber ohne inszenierten Vatermord. Gleichzeitig wird mit Feature-Gästen wie der R&B-Hoffnung Jorja Smith, MC Loyle Carner und den Afrobeat-Kollegen von Kokoroko spielerisch an den Zeitgeist angedockt. 

Jazz für den Dancefloor

Diese Idee, Jazz vor allem als kontemporäre Club- und Tanzmusik zu begreifen, hat vor allem in England eine lange Tradition. Wenn man will, kann man eine direkte Linie ziehen zur Acid Jazz-Ära und Gilles Peterson’s Dingwalls Parties, bei denen Jazz ganz organisch neben aktueller Clubmusik gespielt wurde. Aber: auch das ist eben keine nostalgische, sondern eine hochaktuelle Entwicklung in London. Puristen werden die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, denn wenn Bands wie Ezra Collective im (mittlerweile geschlossenen) Total Refreshment Center oder bei den wöchentlichen Steam Down Sessions in Deptford auftreten, werden die Grenzen zwischen Konzert und Rave aufgehoben. Und das zieht dann auch ein auffällig junges, extrem diverses Publikum an, von dem alteingesessene Jazz-Institutionen weltweit nur träumen können. 

Stand: 29.04.2019, 09:00