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Der Sound Guadeloupes

Cover: African Scream Contest Vol.2

Reviews - V.A. - "Disques Debs International Vol. One"

Der Sound Guadeloupes

Von Anna-Bianca Krause

Mit "Disques Debs International Vol.One" tauchen wir tief ein in die Geschichte der Musik von Guadeloupe, die eng verknüpft ist mit dem Leben des Musikers und Produzenten Henri Debs. Der Sampler schließt nicht nur eine Wissenslücke, sondern ist auch der perfekte Soundtrack für den Sommer.

Viele Regionen der Welt sind inzwischen musikalisch erkundet worden - von der Sahelzone bis zu den Färöer Inseln. Doch immer noch gibt es weiße Flecken auf der Musiklandkarte, die wir nicht kennen: weder die Bands, noch Songs - nichts! Guadeloupe ist so ein Fall. Die Inselgruppe gehört als Überseedépartment von Frankreich nicht nur zu den Kleinen Antillen in der Karibik, sondern auch zur EU. Umso seltsamer, dass wir hierzulande so gar keine Ahnung haben vom Sound Guadeloupes. Die Compilation "Disques Debs International Vol. One" ist ein erster Schritt gegen diese Ahnungslosigkeit - und sie macht Lust auf mehr.

Melting-Pot der Einflüsse

Die Rhythmen kubanisch, gesungen wird auf Kreol, ein Super-Uptempo-Calypso mit Latinfeeling, eine karibische Bluesballade, Rumba mit afrikanischen Rhythmen und einem Text, in dem sich Lingala und Kreol mischen. Die Liste wäre lang, wenn man alles aufzählen wollte, was man in den 21 Songs des Samplers zu hören bekommt. Diese Mischung war typisch für die Musik aus Guadeloupe der 50iger- und 60iger- bis hinein in die 70iger-Jahre. Kuba, Trinidad, Haiti, Puerto Rico - das sind zwar keine direkten Nachbarn, aber doch nicht zu weit weg und immer gab es einen musikalischen Flow zwischen den Inseln in der Karibik und den Musikern von anderswo, die auch in Guadeloupe auf Tour waren. Dazu kommt der französische Einfluss, denn Guadeloupe gehört immer noch zu Frankreich. Die Musiker mischten alle Einflüsse mit der ansässigen Folklore, zum Beispiel mit Biguine, einer Art Antillen-Rumba oder mit Gwo Ka.

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Gwo Ka heißt übersetzt 'große Trommel'. Es ist ein traditioneller Musikstil, nicht nur ein Rhythmus, der in der Kolonialzeit entstanden ist. Den aus Westafrika nach Guadeloupe verschleppten Sklaven wurden ihre Tänze und Rhythmen und damit auch die Trommeln verboten und so entwickelten sie eine frühe Form von Body- und Mouth-Perkussion. Händeklatschen, Fußstampfen. Und auch andere Sounds imitierten sie, in dem sie durch die gefalteten Hände bliesen. Ab den 60iger-Jahren integrierten die Musiker auf Guadeloupe Gwo Ka in ihre Musik, anfangs in seiner ursprünglichen Form, später wieder mit Trommeln.

Henri Debs: Eine Ikone der Inselgruppe

Dass man Aufnahmen davon hören kann, dafür ist Henri Debs verantwortlich. Debs ist ein Monument der Musik auf Guadeloupe, weil er von den 50iger bis in die 90iger-Jahre ununterbrochen als Produzent dort arbeitete. Er war als Talentscout & Entdecker, aber selbst auch Musiker, hat Saxophon, Flöte, Gitarre und einige andere Instrumente gespielt und hunderte von Songs geschrieben. Später war er einer der größten Zouk-Produzenten weltweit. Debs, der libanesische Wurzeln hatte und im Bekleidungsgeschäft seiner Eltern in Pointe-à-Pitre, der größten und wichtigsten Stadt auf Guadeloupe angefangen hat, machte sich schon in jungen Jahren mit einem Marktstand selbstständig. Aber sein Interesse galt vor allem der Musik. Im Hinterhof seines eigenen Klamottenladens, begann er seine ersten Aufnahmen zu machen und die ersten Platten zu produzieren. Der Rest ist heute Geschichte.

Debs hat mehr als 300 Singles und 200 LPs mit kreolischer Musik gemacht - nicht nur aus Guadeloupe, sondern auch aus Martinique. Und auch wenn Bands aus Haiti oder dem Kongo auf Tour waren, nutze er die Chance, um diese aufzunehmen und auf seinem Label Disques Debs herauszubringen. Waren die Orchester zu groß, nutzte er nach der Abendvorstellung das in der Nähe liegende Kino Renaissance, um mitzuschneiden. Debs nahm ein Tonband und ein paar Mikrofone mit und stellte die Bands auf die Saalbühne. Alles wurde dann in einem Rutsch aufgenommen. Debs hat Biguine, Tango, ChaChaCha, Bolero, Zouk, Reggae, guadeloupische Folklore und vieles mehr produziert. Besondere Verdienste hat er sich erworben, da er die meisten Aufnahmen mit kreolisch singenden Vokalisten gemacht hat, ein in den 60iger-Jahren politischer Akt. Als der Musiker und Produzent 2013 starb, gab es ein nationales Begräbnis. Pointe-à-Pitre war blockiert von den Menschenmassen, die ihm das letzte Geleit geben wollten.

Dass Emile Omar von Radio Nova und Hugo Mendez vom Sofrito-Label diesen Schatz nun gehoben haben, dafür muss man ihnen mehr als dankbar sein. Selten gibt es eine Compilation wie diese, auf der praktisch keine Nieten zu finden sind und die Highlights sich nur so aneinander reihen. "Disques Debs International Vol.One – An Island Story: Biguine, Afro Latin & Musiques Antillaise 1960 – 1972" - das ist eine Ansammlung von frühen Formen von Global Pop, die Aufnahmen sind aus der ersten Dekade des Labels und man darf sich schon jetzt auf die Nachfolger freuen.

Stand: 05.07.2018, 13:46