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Dave – Gesellschaftskritik zum Mitrappen

Dave: "We're All Alone In This Together"

Dave: "We're All Alone In This Together"

Dave – Gesellschaftskritik zum Mitrappen

Von Natalie Klinger

Mit seinen politischen Texten und vieldeutigen Versen überzeugt Dave Musikindustrie und Kritiker*innen gleichermaßen: Der Londoner Rapper veröffentlicht den Nachfolger seines Mercury-Prize-gekrönten Debüts.

"Stell dir eine Welt vor, in der die Vielen den Preis für die Wenigen zahlen", rappt Dave. "Imagine a world where the many pay a price for the few" – er zitiert hier den Wahl-Slogan des ehemaligen Labour-Vorsitzenden Jeremy Corbyn, den er 2017 offen unterstützt hatte. Corbyn war nicht erfolgreich, Dave ist erfolgreicher denn je. Auch seine hochkarätigen Gäste wie Rap-Ikone Stormzy, Pop-Pionier James Blake oder Oscar-Preisträger Daniel Kaluuya belegen das.

Rap für die Masse

Dave schreibt Rap für die Vielen, nicht die Wenigen. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenoss*innen, bei denen Außenstehende ohne Slang-Wörterbuch kaum Verse deuten können, rappt der 23-Jährige aus dem Südlondoner Stadtteil Streatham Verse für die breite Masse. So schafft er etwa mit Verweisen auf Popkultur – von Harry Potter bis zu Game of Thrones – Wiedererkennungswert. Auf "Twenty To One" vergleicht er klasse Frauen mit guten Pokémon: "A good girl like Pokémon, easy to see, but hard to catch." Es sei einfach, sie zu entdecken, aber nicht einfach, sie zu kriegen.

Bei den Lieblingsthemen des Rap, wie Frauen und teuren Uhren, sind diese Verweise im besten Fall unterhaltsam. Anderswo bieten sie einen niedrigschwelligen Einstieg zu Daves messerscharfer Gesellschaftskritik. Auch wenn die Tage, in denen der Rapper aktiv eine Partei unterstützt, vorbei sein mögen, ist er politischer denn je. Immer wieder ruft er etwa die Tragödie des Grenfell-Tower-Feuers in Erinnerung, kritisiert die Medien für ihren unangemessenen Umgang mit Meghan Markle oder bezeichnet den amtierenden Premierminister Boris Johnson offen als Rassisten.

Das Private ist politisch

"We’re All Alone In This Together" steht in dieser Tradition. Dave bildet viele der Debatten ab, die den Diskurs in Großbritannien gerade bestimmen, und die ihn selbst betreffen. Auf "Heart Attack" setzt Dave den Anstieg der Messerstechereien in London mit steigender Armut in Verbindung. Einer seiner beiden Brüder sitzt derzeit eine lebenslange Haftstrafe für die Beteiligung an solch einem Mord ab.

Auf der Rapballade "Three Rivers" rechnet der Sohn nigerianischer Geflüchteter mit der Einwanderungspolitik der britischen Regierung ab. Über die melancholische Melodie, eigens auf dem Klavier komponiert, spannt er einen weiten Bogen von den Jugoslawienkriegen über aktuelle Konflikte im Mittleren Osten und Nordafrika bis zum Windrush-Skandal. 2018 hatte das Innenministerium Briten karibischer Abstammung unrechtmäßig abgeschoben – nachdem ihre Familien nach dem Zweiten Weltkrieg aus den ehemaligen Kolonien nach Großbritannien geholt worden waren, um das Land wieder aufzubauen. "Stell dir vor, der Staat, in dem du deine Kinder großziehst, sagt dir plötzlich, du darfst hier nicht bleiben", rappt Dave. "Menschen, die kaputt gemacht wurden von einem Land, das sie repariert haben."

Als Dave vier Monate alt war, wurde sein Vater nach Nigeria abgeschoben, obwohl sein Opa und sein Bruder dort kurz zuvor ermordet worden waren. Dass Dave es gelingt, das Universelle an seinen persönlichen Erfahrungen herauszukehren, ist die Stärke dieses Albums. Sein Talent, sie in vieldeutigen, gleichzeitig aber auch einprägsamen Versen zu verpacken, einmalig.

Stand: 04.08.2021, 18:00