Chocolate Remix: "Pajuerana", Cover

Chocolate Remix: "Pajuerana"

Chocolate Remix - Reggaetón mit anderen Geschichten

Stand: 30.09.2021, 14:31 Uhr

Chocolate Remix aus Argentinien macht sexy Reggaetón, aber als queere Künstlerin geht es bei ihr um andere Realitäten. Jetzt veröffentlicht sie ihr zweites Album.

Von Viktor Coco

Romina Bernardo alias Chocolate Remix ist eine Pionierin. Gerade auch, weil die queere Künstlerin nicht die üblichen Boy-meets-Girl-Storys erzählt: "Ich spiele mit den binären männlichen und weiblichen Geschlechterrollen… und es geht mir darum andere Realitäten darzustellen. Zum Beispiel erzähle ich eine lesbisch-erotische Liebesgeschichte zwischen einer Trans-Frau und einer Cis-Frau….!" In einem anderen Song beschreibt sie - freundlich und frei von Klischees - den Arbeitsalltag einer Sexarbeiterin. Die Inhalte stimmen also, was im Reggaetón schließlich nicht selbstverständlich ist.

Dominikanischer Dembow gegen Abtreibungsgegner

Aber auch wer nicht so gut Spanisch versteht, kann feststellen: Flow und Musik sind ebenso Spitzenklasse. Denn Chocolate Remix rappt absolut gekonnt auf klassischem, stampfenden Reggaetón, hat aber auf ihrem zweiten Album auch ein paar poppige oder funkyge Rap-Songs. Und sie beherrscht sogar Dembow, einen derzeit ziemlich angesagter Rhythmus aus der Dominikanischen Republik. Bei "Patria que me pariu" galoppiert sie auf Portugiesisch beeindruckend über einen dieser rasenden Beats. Das Lied ist ein Cover von einem brasilianischen Stück aus den Neunzigern und es geht auch hier um die Doppelmoral von Abtreibungsgegnern.

Gaucho-Bling-Bling-Ästhetik

Auf dem Cover von der neuen EP "Pajuerana" ist die Argentinierin mit dicker Goldkette und einer Art Cowboy-Hut zu sehen, dazu mit blanker Brust in einer halb-geöffneten Lederjacke. Das Ganze in einer provokativ-hochglänzenden Gaucho-Bling-Bling-Ästhetik. Ein biographisch inspirierter, gut überlegter Look, denn Chocolate Remix spielt dabei mit ihrer eigenen Identität. Sie kommt ursprünglich aus einer ländlichen Region im Nordwesten Argentiniens und lebt jetzt in der Millionenmetropole Buenos Aires, wo sie wie viele Zuwanderer schon Diskriminierung erlebt hat. Der Albumtitel ist dabei eine bewusste Neubesetzung: "'Pajuerana' nennt man Menschen aus dem Inland. Es ist etwas abwertend gemeint, wie "Hinterwäldler". Aber wie auch andere negative Bezeichnungen, drehen wir sie einfach mit viel Stolz um. Ich komme aus der Provinz Tucumán und man hat mal versucht, mich als 'Hinterwäldlerin' zu beschimpfen. Ich fand das wunderbar. Fast poetisch!" Beleidigungen als Selbstbeschreibung: Chocolate Remix bringt eine neue Perspektive in den Reggaetón: die der queeren Musikerin abseits der Metropole. Und das mit ziemlich fetter Musik.