Bertrand Belin: "Tambour Vision", Cover. Mann auf einem Sims, in die Tiefe blickend

Bertrand Belin: "Tambour Vision"

Elektronisch-melancholische Chansons gegen existentielles Schwindelgefühl

Stand: 11.05.2022, 17:24 Uhr

In Frankreich gehört Bertrand Belin schon lange zu den großen Talenten des Landes. Der Sänger, Songschreiber und Gitarrist aus der Bretagne macht seit rund 25 Jahren Musikkarriere. Jetzt hat er sein siebtes Solo-Album rausgebracht. "Tambour Vision" ist Poesie in Form von melancholischem Chanson und Synthesizern.

Von Maike de Buhr

Bertrand Belin hat ein Händchen dafür Atmosphären zu schaffen. Er schreibt düstere Geschichten und erweckt sie mit tiefer, ruhiger Stimme und einer Mischung aus Chanson Noir, Indie und Folk zum Leben. Belin bringt mit seinen 51 Jahren auch schon ein bisschen Erfahrung mit. Mit Mitte zwanzig startete der Musiker aus Quiberon seine Karriere, an der Gitarre für Bands wie Sons of Desert aus Großbritannien. Auch für sein Schreiben ist er gefragt. Belin lieferte schon Texte für Kolleginnen wie Vanessa Paradis der Oliva Ruiz und veröffentliche Bücher, wie den Roman "Littoral". Und auch im Film ist er zu Hause – als Komponist und Schauspieler.

Unaufgeregte Dynamik

Seine vielen Talente bringt Belin auf seinem Album minimalistisch und wirkungsvoll zusammen. Mit wenigen Worten singt er von innerer Zerrissenheit, der Erinnerung an Verstorbenen oder von Zweifeln. Dabei klingt er unaufgeregt und doch dynamisch. Auf seinen früheren Alben hat man Bertrand Belin noch mehr mit Gitarre gehört, akustischer, folkiger. Mittlerweile ist sein Sound elektronischer und durchzogen von Synthesizern. Die Gitarre weist nur noch mit wenigen Akkorden der Melodie den Weg. Damit bekommen die Songs einen pulsierenden Vibe und auch eine Tendenz zur Tanzbarkeit.

Der Blick ins Innere

Das Album ist in der Pandemie entstanden, dieser Isolationszeitgeist auch ein Teil davon. Bertrand Belin hat sich die letzten 25 Jahre regelmäßig in anderen Städten aufgehalten, jetzt hat er zum ersten Mal die Vorteile von einem Zuhause und einer ruhigen Stadt erlebt. Er meint: Die Zeit der Isolation hat die Sichtweise auf sich selbst verändert. Du hörst dir selbst besser zu, du entwickelst eine andere Beziehung zur Zeit. Zögern und Hinterfragen sind dabei für Bertrand Belin essentielle Werte. Das gilt nicht nur für eine Person selbst, sondern auch für die Welt um sich herum. So lassen sich immer wieder politische Kommentare in den Songs von Belin finden - zu einem Frankreich mit wachsenden sozialem Kämpfen, dem Wunsch nach Revolution oder dem steigenden Zuspruch für Marine Le Pen. „Tambour Vision“ ist Bertrand Belins Versuch, die Menschen aus einem existentiellen Schwindelgefühl zu befreien und nervenberuhigendes Ventil zu liefern.

 https://www.youtube.com/watch?v=ZyzAMEtQQ1w