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Geschrei, zum Sterben schön

Cover: African Scream Contest Vol.2

Reviews - V.A. - "African Scream Contest Vol.2"

Geschrei, zum Sterben schön

Von Anna-Bianca Krause

Das Album "African Scream Contest Vol. 2" ist ein aufregender Trip in die Vergangenheit: 70er-Jahre-Musik aus Benin und Togo, hochenergetischer Cross-Over aus Voodoorhythmen mit Funk und Afrobeat. 20 Mal wurde der Sampler "Vol. 1" von 2008 nachgepresst. Jetzt gibt es zum zehnten Geburtstag den Nachschlag.

Man hat es nicht leicht, wenn man zwei solche musikalischen Schwergewichte als Nachbarn hat, wie das beim westafrikanischen Benin der Fall ist. Im Osten Nigeria, im Westen Ghana - da muss man schon gute Produktionen vorlegen, um auf sich aufmerksam zu machen. Hört man die 14 Aufnahmen des Samplers "African Scream Contest Vol. 2", die Samy Ben Redjeb zusammengetragen hat, wird schnell klar, dass Benin eine wichtige Marke auf der Musiklandkarte ist, deren Reichtum wir hier erst noch entdecken müssen. Episode 2 enthält nur Songs aus Benin, die zwischen 1963 und 1980 aufgenommen worden sind.

Doch die Zeit war günstig damals: Benin war Anfang der 60er-Jahre gerade die französischen Kolonialherren losgeworden, und im Zuge dieser Befreiung ist anscheinend auch die Kreativität explodiert. Das Land war vorübergehend eine marxistische Republik, viele kleine Labels sind entstanden und es gab eines der wichtigsten afrikanischen Presswerke dort. Manche der Songs waren richtige Hits damals in Benin, andere sind nie veröffentlicht worden. So zum Beispiel der Afrobeat-Funk-Hybrid von Les Sympathics De Porto Novo ('Die Sympathischen aus Porto Novo', die Hauptstadt Benins) mit dem man in den Sampler einsteigt. Jahrzehntelang wurde um die Bezahlung der Musiker gestritten und erst jetzt kam der Song ans Tageslicht, weil Samy Ben Redjeb eine Testpressung in einem Radioarchiv in Cotonou gefunden hat.

Samy Ben Redjeb - der Schatzsucher

Und der Titel sagt es ja schon – es wird wieder unglaublich geschrien. Bei den Aufnahmen von The Picoby Band D'Abomey hat man das mit Surfgitarrensound und quirliger Perkussion unterlegte Screaming garantiert kilometerweit gehört. Die wilden Schreie des Sängers können mehr als mithalten mit dem Gekreische à la James Brown oder Little Richard, das im Rock 'n' Roll im Westen üblich war. Überhaupt diese Mischung: Disco, Funk, Afrobeat, Balladen, Rock - alles Mögliche haben die Bands mit Voodoorhythmen fusioniert, also den Trancerhythmen aus den Voodooritualen.

Samy Ben Redjeb ist verantwortlich dafür, dass uns das alles überhaupt zu Ohren kommt. Er macht das wunderbare Label Analog Africa und gräbt dafür in Afrika und Lateinamerika nach echten Schätzen, mit denen er uns seit über 15 Jahren beliefert und süchtig macht. Einfach ist das nie, Abenteuer erlebt er fast jedes Mal, wenn er auf Tauchgang geht. Doch dieses Mal lief alles ab wie in einem Agententhriller. Ben Redjeb wurde bei der Suche in Benin von Lokonon André unterstützt, dem Bandleader von Les Volcans de la Capitale. Aber: Der Mann ist auch ein vom KGB ausgebildeter Kopfgeldjäger und war früher bei der Polizei. Redjeb hatte eine Liste von Musikern, die er nicht finden konnte, Lokonon André hat sie alle innerhalb einer Woche aufgespürt. Schön für die inzwischen gealterten Musiker, denn sie bekommen Tantiemen. Noch schöner für die Musikaficionados, denn sonst wären die Schätze hierzulande nie veröffentlicht worden. Bis auf einige wenige Namen, wie das Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou oder Gnonnas Pedro, früher einer der Leadsänger bei Africando, sind nämlich alle No Names außerhalb Westafrikas.

Eines der Highlights auf dem Sampler ist der Song von Ignaz de Souza und seinen Melody Aces. Sie zitieren die Batmanmelodie, spielen eine Art Afroska, und über allem sitzt die Croonerstimme des Bandleaders wie ein Sahnehäubchen. Sterbensschön!

Stand: 22.06.2018, 11:00