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Adrian Quesada: "Boleros Psicodélicos"

Adrian Quesada: "Boleros Psicodélicos"

So elegant wie sinnlich

Stand: 13.07.2022, 09:00 Uhr

Adrian Quesada hat mit den Black Pumas Weltkarriere gemacht und mit dem Latin-Funk-Orchester Grupo Fantasma einen Grammy geholt. Mit seinem Album "Boleros Psicodélicos" offenbart der Gitarrist und Produzent den Ursprung seiner Leidenschaft für Latin Music.

Von Anna-Bianca Krause

Vor 20 Jahren stieß Adrian Quesada zufällig im Autoradio auf ein altes Lied der peruanischen Band Los Pasteles Verde und war hin und weg. Anfangs dachte er, es klinge wie ein HipHop-Beat des Wu-Tang Clan, doch dann kamen ein leidenschaftlicher Gesang und psychedelische Sounds dazu und er sagte sich: "In dieser Musik steckt so viel Drama, sie ist so crazy, als käme sie aus einer Telenovela". Am nächsten Tag rief der Musiker und Produzent bei dem Radiosender an und erfuhr, dass es der Song "Esclavo y amo" aus dem Jahr 1975 war. Er besorgte sich die Scheibe und war seitdem süchtig nach diesem Sound aus den späten 60er- und frühen 70er-Jahren, als sich romantische Latino-Balladen erstmals auf E-Gitarren, Keyboards und andere elektrische Instrumente einließen und gleichzeitig von Funk, Soul und Rock inspiriert wurden. Also hat er alles gesammelt, was er kriegen konnte.  

Back to the Roots

Doch erst die Pandemie ermöglichte es Quesada, sich so richtig damit zu befassen, denn im Normalfall ist er mit den Black Pumas ständig auf Tour. Deshalb dauerte es 20 Jahre von der Initialzündung bis zum Album "Boleros Psicodélicos", auf dem der 45-Jährige manche Songs gecovert, vor allem aber eigene Songs in diesem Style geschrieben hat. Dass die Begegnung mit dieser Musik so eine nachhaltige Wirkung auf ihn hatte, machte Quesada auch klar, wie stark seine mexikanischen Wurzeln sind.

Adrian Quesada ist in Laredo/Texas an der mexikanischen Grenze geboren und aufgewachsen - die Familie seiner Mutter kommt aus Mexiko, die seines Vaters aus den USA. Diese Bi-Kultur trug er also schon immer in sich, sprach zwei Sprachen und kannte die traditionellen Boleros und Baladas von Kind an. Kein Wunder also, dass seine Songs so nah an dem Vibe der Originale dran sind.

Die Perle

Das Herzstück des Albums ist eine großartige Ballade, in der sich die Sanftheit der Bossa Nova mit dezentem Pathos, einem hypnotischen Beat und einer Portion psychedelischen Sounds kreuzt. Dann beginnt iLe, die Ex-Sängerin der puerto-ricanischen Band Calle 13, zu singen - so elegant wie sinnlich -, Keyboard, Orgel und Gitarre tragen iLes Stimme auf Händen. "Mentiras con Carino" lässt uns durch den Raum schweben. Das Video zum Song, in dem es um Lügen in der Liebe geht, hat am Ende einen Abspann wie bei Filmen. Und diese filmische Ebene hat auch der Song. Wäre Quentin Tarantino Mexikaner, würde so ein Song garantiert in einem seiner Soundtracks laufen.

Die KomplizInnen

iLe, die Mexikanerin Girl Ultra, der US-kolumbianische Avantgarde-Star Gabriel Garzón-Montano, die Sängerin Gaby Moreno aus Guatemala, die Argentinierin Natalia Clavier, der Mexican-American Rudy de Anda … so gut wie alle Gast-Sänger:innen auf dem Album haben Roots in Lateinamerika. Nur für den einzigen Instrumentaltrack, das wunderbare "Hielo Seco" hat sich Adrian Quesada den Gitarren-Querdenker Marc Ribot dazu geholt und Beastie-Boy-Mann Money Mark. Quesada hat die singenden Artists in die Entwicklung der Songs einbezogen, hat nicht nur von seinen eigenen, sondern auch von deren Roots und ihrem Wissen um diese Musik einer vergangenen Epoche profitiert. Am Ende war er nicht sicher, ob die Leute mögen würden, was er mit "Boleros Psicodélicos" produziert hatte. Die einzig richtige Antwort lautet: Aber ja doch, Señor Quesada!