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Animal Music - Sound and Song in the Animal World

Animal Music

Reviews: Animal Music - Sound and Song in the Animal World

Animal Music - Sound and Song in the Animal World

Tiergesänge kennt jeder: vor dem Fenster zwitschernde Vögel, im Tümpel quakende Ochsenfrösche und natürlich der unkaputtbare Buckelwalgesang. Tiere kommunizieren, soviel ist klar. Was genau da vor sich geht, dafür haben Schamanen, Wissenschaftler und Klangkünstler ganz unterschiedliche Erklärungen.

Auf den siebzehn Aufnahmen der CD zu “Animal Music” gibt es tatsächlich auch eine Aufnahme von Walen. Das sind aber sogenannte Pilotenwale, die hören sich ganz anders an als die schon tausendmal gehörten Buckelwale. Aufgenommen wurden sie am Vesterfjord in Nordnorwegen. Von der Arktis bis zur Antarktis, von China bis Mittel- und Südamerika reichen die Aufnahmen auf der CD. Viele Tiergesänge klingen merkwürdig musikalisch, vor allem elektronische Assoziationen hat man. Unsere angesprochenen Pilotenwale klingen wie zirpende und gluckernde Synthesizergeräusche. Der Raumklang der Aufnahme ist eindrucksvoll, es klingt, als wäre man dabei, alles hallt von den Fjordwänden zurück. Gleichzeitig ist es natürlich auch ein entkörpertes Erlebnis - man hört eben, im Gegensatz zu den Anwesend, nur die Tonspur zur Gesamterfahrung.

Tiergeräusche - Musik, Kunst, Sprache?

Fokus des Buchs sind die Klänge und Gesänge der Tiere. Auf etwa hundert Seiten finden sich Essays zu ganz unterschiedlichen Aspekten der “Animal Music””. Im Kern geht es um die Frage, ob Tiere ihre Stimmen zu mehr einsetzen als nur Kommunikation, also quasi ob es Gesang, ob es Kunst ist - eine Frage, die auch für den Menschen eine ziemlich große Tragweite hat, für unser Verständnis unser selbst, unserer Spezies, unserem Verhältnis zur Tierwelt. Auch kann man damit versuchen, eine der mysteriösesten Fragen der Menschheit zu ergründen: woher kommt die Musik, wie entstand sie?

Vorsichtig optimistische Antworten auf Grundsatzfragen

Anthropologen, Zoologen, Neurowissenschaftler und auch Schamanen aus dem Amazonasgebiet in Brasilien, Peru und Venezuela kommen im Buch zur Sprache. Ohne zu viel zu spoilern: alle diese Perspektiven bestätigen es, Tiere machen Musik! Das Buch deckt wirklich umfassend den aktuellen Wissensstand zum Thema ab: es geht los mit dem “Wie” der Tierkommunikation, um technische, physische Aspekte der Klangerzeugung.

Offengelassen werden muss aber auch hier die Gretchenfrage: können Mensch und Tier lernen, quasi sprachlich miteinander zu kommunizieren? Manche Klangkünstler versuchen sich sogar an Kompositionen speziell für Tiere. Die Frage kommt auch dementsprechend gegen Schluss des Buches.

Das Verhältnis von Mensch und Tier

In der Wissenschaft kann man generell nie den ausblenden, der fragt, dessen Perspektiven, Prägungen. Auch das, was wir auf der CD zu “Animal Music” zu hören bekommen, ist schon bestimmt von technischen Gegebenheiten, welches Mikrofon, welche Tageszeit, Position im Raum. Manches, wie den Klang eines Schwarms von Ameisen oder auch Schwebefliegen, könnte man in freier Wildbahn niemals mit dem Ohr erfassen, erst durch vielfache Verstärkung wurden die hier hörbar gemacht. Manche Aufnahmen, die wieder sehr natürlich rüberkommen, sind sorgfältig zusammengeschnitten. Zum Beispiel das Stück “Tikal Dawn” von Andreas Bick. Er hatte 2008 das Glück, zum Anbruch der Dämmerung mitten auf dem zentralen Platz der alten Mayastadt Tikal zu stehen, noch ohne Besucher. Man meint, den Dschungel regelmäßig ein bisschen walzend atmen zu hören. Obendrüber schichten sich dramatisch die Gesänge von Papageien, Truthähnen und Brüllaffen - durch ein paar Schnitte werden die Dschungelstimmen zu etwas, was fast wie ein elektroakustisches Stück klingt.

Der Schauer des Lebendigen

Solche Aufnahmen flößen einem ein bisschen Demut ein angesichts der wuselnden Belebtheit des Dschungels. Gerade über Kopfhörer mit geschlossenen Augen entführt es einen für ein paar Minuten an einen ziemlich unzugänglichen Ort, an dem vieles noch unerforscht ist. Die CD-Beilage ist die wirklich optimale Ergänzung zum Essayband “Animal Music”. Die Beiträge aus Geisteswissenschaft und Zoologie sind schon auch für Laien leicht verständlich aufbereitet, aber es ist einfach perfekt, bei so viel Theorie den Tiergesängen an teils wirklich entlegenen Orten dann auch wirklich lauschen zu können.

Tiergeräusche und -gesänge vom Nord- bis Südpol, ihre Bedeutung und der Mensch im Verhältnis dazu - das Set aus Buch und CD “Animal Music - Sound and Song in the Animal World” ist über Strange Attractor erschienen. Eine super Einführung ins Thema!

Stand: 14.12.2018, 14:17