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New Orleans und seine Pianisten

Eine rot-gelbe Straßenbahn in New Orleans, daneben der Schriftzug "Just Music".

Just Music

New Orleans und seine Pianisten

Vor hundert Jahren begann der musikalische Aufstieg von New Orleans. Kaum eine Stadt hat den Sound und den Rhythmus der populären Musik so geprägt wie diese Metropole: Jazz, Blues, Gospel und indirekt auch Reggae, Salsa und Rock wurden von New Orleans aus befeuert. Eine ganz besondere Rolle dabei spielten die Pianisten der Stadt. Mit Dr. John starb am 6. Juni das letzte große Original, erzählt Joachim Deicke in unserer Kolumne "Just Music".

Just Music: New Orleans

COSMO 09.06.2019 03:34 Min. COSMO

Jelly Roll Morton – Jelly Roll Blues

Jelly Roll Morton war der erste Pianist aus New Orleans, der auf Händen getragen wurden. Er hatte eine Technik entwickelt, einerseits einen kräftigen, tanzbaren Rhythmus zu spielen. Anderseits füllte er seine Takte mit einer Unzahl von Schnörkeln, Trillern und kleinen Läufen, dass nie Langeweile aufkam.

Professor Longhair – Longhair's Blues Rhumba

Professor Longhair war der Erfolgreichste, der aus Blues, Ragtime und anderen Zutaten den echten New-Orleans-Sound machte. Louisiana war noch bis ins 19. Jahrhundert französisch gewesen. Selbst heute unterhalten sich dort knapp 200.000 Männer und Frauen lieber auf Französisch – oder in einer der seltsamen Mischsprachen, die dort entstanden sind.

Harry Choates feat. Happy Fats & The Rayne-Bo Ramblers – La Veuve de la Coulee

Zum französischen kam der spanisch-kubanische Einfluss: New Orleans war der wichtigste Hafen für den Karibik-Handel, und da gab's auch einen regen musikalischen Austausch. Die gesamte Region wurde zu einem Laboratorium, in dem die verschiedensten Stile aufeinander trafen. Cajun-Culture. Oder „Creole": alles in New Orleans wird inzwischen „kreolisch" genannt.

James Booker – Down in the River

Nicht der auf Hochglanz polierte Konzertflügel, sondern das schlichte, aufrecht stehende Klavier wurde zum Markenzeichen des New-Orleans-Sound. Manchmal ein bisschen verstimmt und metallisch klingend – und immer mit Hingabe und enormer Fingerfertigkeit gespielt.

Fats Domino – You Done Me Wrong

Die Zutaten in New Orleans stimmten schon mal, aber es war die Reihe immer neuer Talente, die die Flussstadt zu einem echten Motor moderner Musik machte. Louis Armstrong, Mahalia Jackson, Louis Prima, Fats Domino, James Booker, Champion Jack Dupree: Immer wieder hatte die Halbmillionen-Stadt ihre Stars. Und immer wieder war's musikalisch interessant.

Champion Jack Dupree – Nasty Boogie

Wer in der Musikmetropole New Orleans auffallen wollte, musste sich schon etwas einfallen lassen, musste auf sein Publikum zugehen und jeden Unfug mitmachen. Und so kommt's, dass viele herausragende Musiker der Flussstadt äußerst schräge Vögel sind: Vorneweg Mac Rebennack – alias "Dr. John, the Night Tripper" – so zumindest nannte er sich auf seinem ersten Album, als er sich als Voodoo-Priester inszenierte.

Dr. John – Gris-Gris Gumbo Ya Ya

Hinter Dr. Johns Maskerade, seinen Sounds und Kostümen, steckte allerdings ein neugieriger Abenteurer, der sich tief ins musikalische Fundament seiner Stadt gearbeitet hatte. Neben der hohen Schule großer Arrangements beherrschte er auch die Grundrechenart seiner Musik: Das rollende, vorwärtstreibende Klavierspiel.

Dr. John – Tipitina (Live)

Mac Rabennack spielte mit den Rolling Stones, den Blues Brothers und Van Morrison. Er wurde zur grauen Eminenz, zum Botschafter seiner Stadt – aber auch zu einem Musiker aus einer anderen Zeit. Typen wie Dr. John waren schon immer selten. Deshalb fehlt er nun umso mehr.

Dr. John – Such a Night

Stand: 09.06.2019, 13:28