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Brasiliens Musik in der Diktatur

Ein Sänger sitzt mit einer Gitarre auf der Bühne.

Just Music

Brasiliens Musik in der Diktatur

Von Joachim Deicke

Brasiliens neuer Präsident Jair Bolsonaro will das Kultusministerium des Landes auflösen und unter denen aufräumen, die er für Kommunisten, Provokateure und Abweichler hält. In den Zeiten der brasilianischen Militärdiktatur hat man so etwas schon einmal versucht.

Brasiliens Musik in der Diktatur

COSMO 16.02.2019 03:51 Min. COSMO

Stan Getz & Charlie Byrd - Desfinado

Als Brasiliens Generäle 1964 die Macht an sich rissen, war gerade eine erste Welle brasilianischer Musik um den Globus geschwappt. Und niemand kann es den Superstars des Bossa Nova verübeln, dass sie es nach erfolgreichen Tourneen vorzogen, erstmal nicht in die Heimat zurückzukehren. Joao und Astrud Gilberto, Walter Wanderley, Sergio Mendes und andere fanden in den USA Zuflucht.

Sergio Mendes & Brasil '66 - Agua De Bebér

Einige Stars blieben in der Heimat und wurden allein von ihrer Popularität geschützt. Viele waren unpolitisch und guckten weg, wie die Generäle ihrem Land den Sozialismus austreiben wollten. Einige sympathisierten sogar mit der "Brasilien zuerst!"-Politik und der Rückbesinnung auf nationale Werte. Brasiliens Jugend jedoch träumte von Dylan, Hendrix, Stones und Beatles, von E-Gitarren und ausgeflippten Klangexperimenten und von einer neuen, wilden, brasilianischen Rockmusik.

Mutantes - A Minha Menina

So richtig subversiv war es eigentlich nicht, was Bands wie "Os Mutantes" ab 1967 anrührten. Aber diese Musik vereinte sie mit einer Protestwelle, die damals um den ganzen Planeten ging. Es ging um den Vietnamkrieg, um Bürgerrechte, Liebe, Drogen und um Freiheit. Darin sahen Brasiliens Generäle durchaus eine Bedrohung.

Gal Costa & Caetano Veloso - Baby

"Tropicália: ou Panis et Circencis" hieß im Sommer 1968 das Album, das zum Initialzünder einer neuen, brasilianischen Musik wurde: "Tropicalia" hieß auch die Bewegung, die vor allem von Caetano Veloso und Gilberto Gil angeführt wurde – zwei Musiker, die eigentlich keiner politischen Agenda folgten. Aber ihr aufgekratzter Pop wurde damals zu Politik.

Gilberto Gil - Bat Macumba

Der Militärjunta waren die "Tropicalistas" ein Dorn im Auge, weil ihre Musik nach Rebellion und Freiheit klang. Die Linke witterte Verrat, denn dieser neue brasilianische Pop bediente sich beim Klassenfeind. Und vor allem Gaetano Veloso hatte einen diebischen Spaß daran, beide Seiten immer wieder zu provozieren.

Caetano Veloso, Os Mutantes - Ambiente De Festival 1968

Im Februar 1969 wurden Veloso und Gil verhaftet. Zwei Monate verbrachten sie hinter Gittern, ohne Anklage, ohne Begründung. Gefoltert wurden sie nicht. Offenbar wollte man ihnen – und etlichen anderen Künstlern, Journalisten und Systemkritikern – Angst einjagen. Am Ende jedenfalls waren sie froh, als man sie nach London abschob.

Caetano Veloso - London, London

Heute ist Caetano Veloso 76 Jahre alt: ein Held, eine graue Eminenz, eine moralische Instanz seiner Heimat. Die Schreie, die er nachts im Gefängnis hörte, hat er nie vergessen, so schrieb er jetzt in einem bewegenden Appell. Jair Bolsonaro ist Brasiliens neuer Präsident, einer, der die Jahre der Militärdiktatur für Brasiliens beste Zeit hält. Einer, der wieder Jagd auf Linke machen will. Dieses Mal wird Caetano Veloso nicht ins Exil gehen, schrieb er. Zusammen mit Daniela Mercury hat er gerade einen Song gegen die neue dunkle Zeit aufgenommen, die mit Bolsonaro heraufzieht.

Daniela Mercury & Caetano Veloso - Prohibido el Carnaval



Stand: 16.02.2019, 13:40