10 Jahre M.I.A. “Kala”

M.I.A.:  "Kala"

Global Pop Classics feiern Geburtstag

10 Jahre M.I.A. “Kala”

Von Vincent Lindig

2007 erscheint “Kala” von M.I.A. und hebt Global Pop in brandneuem Outfit ins Rampenlicht. Zum 10-jährigen Jubiläum der Platte stellen wir euch das Album noch einmal vor.

M.I.A., bürgerlich Mathangi Arulpgragasam, wurde in London als Tochter eines tamilischen Freiheitskämpfers aus Sri Lanka geboren. Als Kind zieht ihre Familie dorthin zurück, sie muss jedoch bald mit ihrer Mutter wieder nach London fliehen: Krieg und politischer Terror machen ein Leben in Frieden dort unmöglich. Das multikulturelle Umfeld Londons ist die perfekte Umgebung für die junge Künstlerin mit der globalen Vision. Nach ihrem erfolgreichen Debütalbum "Arular" 2005 tourt sie auf der ganzen Welt – und sammelt weitere Einflüsse, die sie in ihrer Musik aufgehen lässt. Auf “Kala” perfektioniert sie diese Fusion verschiedener Stile endgültig und wird zum weltweit gefeierten Star.

Global Pop Classics - M.I.A. "Kala"

COSMO | 11.09.2017 | 02:37 Min.


Von tamilischen Kampfnahmen zu alltäglichem Kampf


Ihr Debütalbum "Arular" hat M.I.A. noch nach dem Spitznamen ihres Vaters in einer tamilischen Guerillaeinheit benannt. Album Nummer 2 widmet sie ihrer Mutter "Kala". Die hat die Familie im britischen Exil durchgebracht, während von dem politisch aktiven Vater weit und breit nichts zu sehen war. In Interviews äußert sich M.I.A. darüber enttäuscht und hinterfragte später selbst, warum sie ihrem Vater mit dem Titel ihres Debütalbums so viel Raum gegeben hat. "Kala" bezeichnet sie als ein "weibliches" Album, das den alltäglichen Kampf um Geld für Essen, Versorgung und Bildung von Kindern beschreibt. Für das alles war M.I.A.´s Mutter zuständig - und hat auch die rebellische Weltsicht von M.I.A. geprägt: Bunt, radikal und unberechenbar.

 M.I.A. beim Paleo Festival in Nyon, Schweiz (2014)

Grenzkontrollen und Terrorverdacht


Wegen des politischen Aktivismus ihres Vaters bekommt M.I.A. kein Visum in die USA: sie gilt als potentiell gefährlich und passe in das Profil einer Terroristin. Timbaland, der ursprünglich als Produzent des gesamten Albums vorgesehen war, muss daher passen – und schafft es nur auf einen Gastpart bei "Come Around". Den Frust über solche Ungerechtigkeit hält M.I.A. nicht zurück, sondern macht ihrem Ärger in Songs wie "Paper Planes" Luft – und singt über die repressive Grenzpolitik in einer globalisierten Welt. Sie thematisiert das Leben von Geflüchteten, rappt über Krieg und Vertreibung. Die riesige Kluft zwischen den Lebensrealitäten von Armen und Reichen wird in ihren Texten mit eindrucksvollen Bildern aufgezeigt. Und auch abseits ihrer Texte ist M.I.A. unbequem: immer wieder legt sie sich mit den Medien und der Musikindustrie an. Ihre Mission: Gerechtigkeit statt Versöhnung. Ihre Methode: Provokation.

Hochzeitsgitarren, Pistolenschüsse und Bollywood

M.I.A.´s zweites Album "Kala" wird von einem hochkarätigen Team um sie produziert: neben Global-Dance-Star Diplo ist vor allem Switch aus London für den Sound verantwortlich. Gemeinsam mit Diplo gründet er nur ein Jahr später die Erfolgskombo Major Lazer.
Switch webt mit M.I.A. einen einzigartigen Soundteppich zusammen. In den Produktionen treffen brodelnde Synthieflächen auf traditionell tamilische Klänge, sizilianische Hochzeitsgitarren auf Pistolenschüsse. In Songs wie "immy" werden kitschige Bollywood-Soundtracks mit roughen Dance Beats unterlegt – das Ergebnis ist eine unverwechselbare Handschrift, die nur von einer stammen kann: M.I.A.

Global Pop für den globalen Widerstand

Inhaltlich und musikalisch liefert „Kala“ den Soundtrack zum globalisierten Widerstand. Einflüsse aus aller Welt treffen aufeinander, politische Missstände und Forderungen werden ungefiltert verarbeitet. Die studierte Videokünstlerin M.I.A. überträgt dieses Konzept auch visuell: Grelle Farben und tribalistische Muster auf dem Cover, Musikvideos auf den Straßen von Liberia bis Indien. Szenen aus den Klubs von Kingston laufen neben düsteren Bildern in den Untergrundschuppen Londons.
Die komplexe Rechnung geht auf und macht M.I.A. berühmt: Sie wird mit „Kala“ zum globalen Popstar. Der Erfolg macht sie allerdings keineswegs handzahm, im Gegenteil. Sie hat keine Lust, zum braven Aushängeschild der Protestkultur zu werden und bleibt stattdessen kontrovers und unabhängig.

Stand: 11.09.2017, 11:00