Pussy-Riot-Mitglied, Maria Aljochina, auf der Bühne

Global Pop News 11.05.2022

Pussy-Riot-Aktivistin Maria Aljochina flieht aus Russland

Stand: 11.05.2022, 13:14 Uhr

Unterstützer-Netzwerk organisiert die Flucht | Ukraine dominiert erstes ESC- Halbfinale | Clubszene in UK diskutiert Inklusion | Neuer Song von Shygirl | Unsere News aus der Welt des Global Pop.

Von Lukaz Tomazsewski & Anna Kravcikova

Pussy-Riot-Aktivistin Maria Aljochina flieht aus Russland

Maria Aljochina saß wegen eines Instagram-Posts in russischem Hausarrest. Sie hatte Anfang des Jahres zu Pro Nawalny Demos aufgerufen. Jetzt gelang der Putin-Kritikerin die Flucht. Und die Geschichte dazu ist spektakulär. Denn sie wurde von der russischen Polizei im Hausarrest überwacht, durfte die Wohnung Nachts nicht verlassen. In eine grüne Uniform eines Essenslieferanten verkleidet, mit vermummtem Gesicht floh sie, an ihren Bewachern vorbei.
Ein Bekannter fuhr sie und ihre Lebensgefährtin an die belarussische Grenze. Die beiden haben sich eine Woche lang im Land aufgehalten. EU-Einreisepapiere von anderen Helfern übergeben bekommen. Und dann haben sie es nach drei Versuchen tatsächlich geschafft die Grenze zu Litauen zu überqueren. Das alles erzählte Maria Aljochina jetzt der New York Times. Die Zeitung postete auch Selfies von der verkleideten Sängerin.

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Lage in Russland unerträglich

Entscheidend ist die Ankündigung der Behörden gewesen, ihren Hausarrest in einen mehrwöchigen Aufenthalt in einer Strafkolonie umzuwandeln. Außerdem ausschlaggebend war das zunehmend härtere Vorgehen von Diktator Wladimir Putin im Umgang mit jeglicher Kritik am Ukrainekrieg. Die Invasion, sagte Aljochina der New York Times, habe alles verändert, nicht nur für sie, sondern für ihr Land. „Ich glaube nicht, dass Russland noch ein Existenzrecht hat, Schon vorher gab es Fragen dazu, was das Land eint, durch welche Werte es verbunden ist und wohin es sich bewegt. Aber jetzt denke ich, dass das keine Frage mehr ist. „

Flucht oder Promo-Move?

Maria Aljochina sagt, dass sie hoffe irgendwann wieder nach Russland zurückkehren zu können. Jetzt ist sie erst Mal in der EU. Und sie will schon morgen in Berlin spielen. Das berichten die Veranstalter des Funkhauses Berlin. Angeblich will Maria Aljochina mit einem isländischen Pass nach Berlin reisen. Gemeinsam mit ihrem Pussy Riot-Kollektiv wollen sie eine Friedens-Tournee durch Europa abhalten. Die gesamten Einnahmen werden an minderjährige ukrainische Geflüchtete gespendet.
Kritiker sprechen von einem Promo-Move. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass jemand sein ganzen Hab und Gut zurücklässt, und unter großem Risiko flieht, gar die Rückkehr aufs Spiel setzt, um eine Konzert-Tournee umzusetzen.

Ukraine dominiert erstes ESC- Halbfinale in Turin

Gestern Abend gab´s das erste Halbfinale des Eurovision Song Contest in Turin zu sehen. Zehn der siebzehn Kandidaten haben sich für das Finale am Samstag qualifiziert.  Wie zu erwarten hat sich auch die ukrainische Band Kalush Orchestra qualifiziert. Das Kalush Ochestra um den Rapper Oleh Psiuk aus der West-Ukraine gilt jetzt schon als Favorit. Die Band war gestern Abend Botschafter, Hoffnungsträger und Stimme ihres Landes. Der Song "Stefania" fusioniert Folk-Sounds mit Hip-Hop. Eine Hommage an die "Mama". Wobei Rapper Oleh Psiuk vorab sagte, dass die Ukrainer gerade ihr Land als Mutter sehen, die ihnen Schutz biete.

Eigentlich gilt ja beim ESC das Gebot der politischen Neutralität. Trotzdem war die Veranstaltung wohl nie so politisch. Die ursprüngliche ukrainische Kandidatin Alina Pash war im Vorfeld wieder zurückgezogen worden, weil sie 2015 auf die Krim gereist war. Außerdem sind Russland und Belarus wegen des Angriffskriegs gegen die Ukraine nicht dabei. Die Bühne in Turin wurde blau-gelb angestrahlt und auch alle anderen Wettbewerber haben in ihren Sitzecken neben der eigenen Flagge immer eine ukrainische Flagge gewedelt. Auch wenn der ESC sagt: Politische Botschaften hat es nicht gegeben - eine Symbolik war klar erkennbar.

Weitergekommen sind auch Schweiz, Armenien, Island, Litauen, Portugal, Norwegen, Griechenland, Moldau und die Niederlande.

Auch Zdob si Zdub aus Moldau lieferten eine witzige Show ab.  Sie fusionieren in ihrem Song "Trenuleţul", auf Deutsch "Zug", Folk-Instrumente wie Geige und Akkordeon mit Einem Disco-Hiphopbeat und Partystimmung. Außerdem zwei starke Frauenstimmen: Die Litauerin Monika Liu mit ihrer burlesque- anmutenden Elektropop-Nummer Sentimentai. Und Portugal. Vertreten durch die junge Sängerin Maro mit "Saudade Saudade". Auf Englisch und Portugiesisch besingt sie die weltbekannten Melancholie ihrer Landsleute. Zeitgemäß produziert und sehr einfühlsam. Morgen Abend läuft dann das zweite Halbfinale. Deutschland zählt wie Frankreich, UK, Spanien und Italien zu den Big Five-Ländern des ESC und ist automatisch am Samstag beim Finale dabei. 

Clubszene in UK diskutiert Inklusion durch Preispolitik

Musikclubs sollten ja eigentlich Freiräume sein, in denen sich alle wohlfühlen. Unabhängig davon welches Geschlecht oder Sexualität sie haben. Darum wird gerade in UK heftig darüber gestritten wie Dancefloor inklusiver werden können. Einfach inklusive Musik ist eine Lösung. Jetzt gibt es Veranstalter, die das über die Preispolitik lösen wollen.
Vorreiter ist die "PXSSY Palace" Partyreihe in London. Das Konzept hat große Wellen geschlagen, als die Boulevardpresse titelte, es gäbe eine „Männersteuer“. Demnach sollen weiße heterosexuelle Männer bis zu 6 mal mehr Eintritt zahlen als Gruppen, die von Diskriminierung betroffen sind. Grund dafür ist, dass mit dem Erfolg der Party immer mehr Männer kamen, die teilweise Gäste sexuell belästigt oder bespuckt haben. Ab sofort zahlen dort queere Frauen, Trans und non-binäre BIPOC Personen 16,80 Pfund. Heterosexuelle Männer werden mit 112 Pfund zur Kassen gebeten.

Radikale Methode um Machos draußen zu halten

Die Veranstalterin sieht es eher wie das Prinzip von einem Studenten- oder Familienrabatt – nur für marginalisierte Gruppen. Schaut man sich die Zahlen an, sind diese Gruppen was das Einkommen angeht schlechter gestellt als weiße hetero-Männer, heißt es. Bei "PXSSY Palace" gibt es außerdem ein queeres Security-Team, ein Team, was speziell gegen sexuelle Belästigung eingesetzt wird, und eine Taxi-Spendensammlung, um Schwarze Trans Menschen und Menschen mit Behinderung sicher nach Hause zu bringen. Das "Headroom Festival" in Wales hat jetzt entschieden, dass maximal 40 Prozent der Tickets überhaupt an heterosexuelle Männer verkauft werden. Andere sexuelle Gruppen werden nicht in Kontingente eingeteilt. Bisher war das Festivalpublikum zu 80 Prozent männlich. Auf diese Testosteron-Sättigung hatten die Veranstalter scheinbar keine Lust mehr. Die Frage bei beiden Konzepten ist nur wie das wahrheitsgemäß kontrolliert werden soll. Schließlich kann die unerwünschte Gruppe von hetero-Männern ja auch eine andere Identität an der Tür vorgeben.

Neuer Song von Shygirl

Die Künstlerin aus London ist bekannt für ihren experimentellen Pop, zuletzt in ihrer Kollaboration mit FKA Twigs auf dem Song "Papi Bones". Jetzt hat sie mit "Firefly" die erste Single ihres Debütalbums releast ­– ein experimenteller Uptempo-Popsong. Im gleichen Zug hat sie auch ihr Debütalbum angekündigt, welches am 30. September erscheinen soll. Zwölf Tracks werden auf dem Album namens "Nymph" zu hören sein und die Liste der Features und Produzenten kann sich sehen lassen: Von Mura Masa über Sega Bodega, Karma Kid und Cosha bis hin zu Arca sind viele interessante Künstler und Produzent*innen dabei. Außerdem hat sie einige Festivalauftritte in Europa angekündigt. In Deutschland ist sie im Juni auf dem Melt! Festival zu sehen.