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Cover des Albums "Capricorn Sun" von TSHA: Junge Frau sitzt auf einem Sofa; links und rechts von ihr steht je ein Bock

TSHA: "Capricorn Sun" - House-Partys, Mali und Melancholie

Stand: 16.10.2022, 00:01 Uhr

Bonobo ist schon länger Fan. Produzentin TSHA aus London gilt als große Hoffnung im britischen Electro-Kosmos. Für ihr Debütalbum "Capricorn Sun" hat sich die Newcomerin Zeit gelassen - und ließ sich von malischen sowie karibischen Sounds inspirieren.

Von Philipp Kressmann

TSHA: "Capricorn Sun"

COSMO 17.10.2022 02:52 Min. Verfügbar bis 17.10.2023 COSMO


TSHA, bürgerlich Teisha Matthews, wird ihrem Bruder für immer dankbar sein. Als sie noch ein Kind war, arbeitete der nämlich als DJ und hat seiner kleinen Schwester den Zauber britischer Clubmusik nähergebracht. Jungle, House und Garage haben TSHA früh geprägt. Ihre erste EP von 2019 war ein Eisbrecher. Im selben Jahr brachte TSHAs musikalisches Vorbild Bonobo einen Track von ihr in einem seiner DJ-Mixe unter. Ein Ritterschlag für die Künstlerin, die wenig später von der BBC porträtiert wurde und zuletzt auch Shows mit Electro-Größen wie Flume und Disclosure spielte. Auch der südafrikanische House-DJ Black Coffee hat TSHA vor kurzem für eine DJ-Veranstaltung gebucht. In ihren DJ-Sets gibt es Old-School-Momente, aber auch moderne Tracks. Dieser Spannungsaufbau färbt auch auf ihre eigenen Produktionen ab. Das Debütalbum "Capricorn Sun" schielt aber nicht nur auf den Dancefloor. Insgesamt dominiert eine eklektische Klangästhetik: Manche Stücke klingen nach vollen und verschwitzten Clubs in London zur Primetime, andere Tracks geben sich hingegen verträumt und introvertiert. Gerade das macht die Platte so spannend.

Ein Steinbock hinter dem DJ-Pult

Vielschichtigkeit ist das Konzept von "Capricorn Sun". Mit dem Titel spielt TSHA auf ihr Sternzeichen an. Sie ist Steinbock ("capricorn") und mag die Grundidee, dass jede Persönlichkeit unterschiedliche Seiten in sich trägt. TSHA setzt diesen Gedanken auf ihrem Debüt musikalisch um, indem sie gezielt verschiedene Stimmungen kreiert. Nicht selten gibt es satte und tanzbare Breakbeats. "Dancing In The Shadows" ist Acid-House mit Synthie-Pop-Elementen und einer der Tracks, in denen die britische Sängerin Clementine Douglas einen Auftritt hat. Deren Stimme hört man auch im persönlichsten Stück des Albums, "Anxious Mind". TSHA verarbeitet hier psychische Probleme und Angstzustände, mit denen sie in den vergangenen Jahren zu kämpfen hatte. Den Song hat die Musikerin in einer schwierigen Lebensphase produziert - er durfte nicht fehlen, denn auch dieses Thema sollte auf dieser Platte Platz finden. Und dann wäre da noch das melancholische "Giving Up" mit Garage-Beats und gepitchten Vocals, das die Musikerin mit ihrem Verlobten, dem Musiker Mafro, aufgenommen hat. "Time" ist hingegen ein fast meditativer Downtempo-Track in klassischer Bonobo-Manier.

Inspirationen aus der Kulturgeschichte Malis

Zu den Highlights des Albums gehört der organische Afro-House-Track "Water", für den TSHA die malische Musiklegende Oumou Sangaré gesamplet hat. Der Track zelebriert die markante Stimme der feministischen Aktivistin und Grammy-Preisträgerin. Auf die Freigabe des Samples musste TSHA allerdings länger warten. In der Zwischenzeit beschäftigte sie sich tiefergehend mit der Musikkultur Malis. Sie entdeckte die westafrikanische Stegharfe Kora und erforschte die Griot-Traditionen des Landes. Griots sind umherziehende Dichter, Erzähler und Sänger, die historisches Wissen über lokale Ereignisse übermitteln und auch bei Festen, Hochzeiten und Beerdigungen auftreten. Von dieser emotionalen und mündlichen Geschichtsschreibung war TSHA schwer beeindruckt. Und so ist die finale Version von "Water" eine euphorische Hommage an diese westafrikanische Gesangskultur geworden, die man sich wie ein lebendiges Archiv vorstellen kann. Das Ergebnis von zwei Jahren Arbeit und Erforschung.

Ein elektronischer roter Faden

Was die Tracks von "Capricorn Sun" eint, ist der elektro-akustische Ansatz. TSHA verknüpft elektronische Sounds oft mit Samples von echten Live-Instrumenten wie zum Beispiel der afrikanischen Kalimba, einer Gitarre oder auch einer karibischen Steel Drum, dem wohl bekanntesten Instrument der Region, das wie TSHAs Partner aus Trinidad und Tobago kommt. Solche karibischen Klangflächen hört man auf dem Album oft raus: In "Power" trifft die Steel Drum sogar auf ein Sample des UK-Funkprojekts Direct Drive aus den Achtziger Jahren.

Breakbeats und Family Ties

TSHAs Mutter hat ihr ältere Musik aus Jamaika nähergebracht. Auch diese Rhythmen haben die TSHA inspiriert, die sich auch für Dancehall interessiert. Familiäre Beziehungen und Freundschaft sind auf dem Album ebenso ein Thema: "Sister" hat TSHA etwa mitten im Lockdown geschrieben, als sie erfuhr, dass sie eine ältere Halbschwester hat. In dieser einsamen und unsicheren Zeit wurde sie zudem von einer engen Freundin mit Sprachnachrichten aufgemuntert, von denen TSHA eine kurze Aufnahme in das Klavier-Intro des Albums eingebettet hat. Auch solche Details machen "Capricorn Sun" zu einem intimen Album, das mit traditionellen wie modernen Elementen spielt und so mühelos unterschiedliche Sound-Welten zusammenführt. Kann man von einem Debütalbum eigentlich noch mehr erwarten?