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Stromae: "Multitude" - Der Sänger im schwarzen Talar in fünfacher Ausführung im Kreis stehend, Blick gen Himmel

Stromae: "Multitude"

Das Wunderkind ist zurück

Stand: 06.03.2022, 00:00 Uhr

Stromae verbindet Chanson-Melancholie und Dance-Euphorie. Auf seinem ersten Studio-Album seit neun Jahren beschreibt der Superstar seinen Weg aus einer Schaffenskrise - mit vielfältigen Einflüssen aus China, Brasilien oder Rumänien.

Von Adrian Nowak

Er war ausgelaugt. Bei seiner Afrikatour 2015 bekam Stromae Angstzustände, ausgelöst durch Malariamedikamente. Der belgische Superstar brach die Tour ab, und litt auch später noch unter Panikattacken. Ein vorläufiger Tiefpunkt eines ansonsten sagenhaften Aufstiegs.

Stromae: "Multitude"

COSMO Album der Woche 06.03.2022 02:39 Min. Verfügbar bis 06.03.2023 COSMO


Vom Rap -Maestro zum EDM-Poeten

Stromae wurde 1985 als Paul Van Haver in Etterbeek bei Brüssel geboren. Sein Künstlername heißt "Maestro" auf Verlan, einer französischen Slangsprache, in der man die Silben der Wörter verdreht. Als Teenager lernt er Schlagzeugspielen und nimmt erste Stücke als Rapper auf. Kurz darauf entdeckt Stromae, was ihn später weltberühmt machen sollte. Über elektronischen Beats zum Feiern nimmt er tiefsinnige Texte auf. 2009 folgt schließlich sein großer Durchbruch mit dem Riesenhit "Alors on Danse". Der Song über die Flucht aus dem tristen Alltag verbindet einen düster-sarkastischen Text mit fröhlichem Dance-Beat und spricht so Millionen Menschen aus den Herzen. In den Songs von Stromae trifft Chanson-Poesie auf fette Beats und Ohrwurmmelodien.

Weg aus der Dunkelheit

Die beiden Alben "Cheese" und "Racine Carrée" machen Stromae zum Superstar, der Rummel wird ihm aber irgendwann zu viel. Nach dem Zusammenbruch in Afrika zieht sich Stromae zurück und zweifelt sogar daran, ob er jemals wieder Musik machen wird.
Doch er findet einen Weg aus dem Burnout. In seiner siebenjährigen Auszeit von der Bühne heiratet er und wird Vater, arbeitet an seinem Modelabel Mosaert und dreht Videoclips für Dua Lipa oder Billie Eilish. Und er wird fast ein wenig bürgerlich:  Anstatt bis in den frühen Morgen im Studio an Tracks zu arbeite, fängt er nun um 9 Uhr an und macht um 17 Uhr Feierabend.

Schatten und Licht

Die dunklen Zeiten und den Weg daraus thematisiert Stromae in den Songs auf seinem neuen Album "Multitude".  In der Single "L'enfer" ("Die Hölle") erzählt Stromae von Depressionen und Selbstmordgedanken, aber verbreitet eine Botschaft der Zuversicht: Mit diesen Sorgen seid ihr nicht allein, ihr könnt dagegen ankämpfen. Auch im ersten Stück "Invaincu" ("Ungeschlagen2) ringt er mit seinen Dämonen. Wie ein Battlerapper kämpft er mit Reimen gegen seine Depressionen und steht am Ende als Sieger da.

Auf "Santé" beweist Stromae, wie feinfühlig er Geschichten erzählen kann. "Santé" heißt "Zum Wohl", und so prostet Stromae den Menschen zu, die Nachtschichten machen oder arbeiten, während andere feiern. Er lobt die Leistung der Servicekräfte in der Gastronomie, der Reinigungskräfte, der Bäcker:innen oder Pilot:innen – eine Hymne für die Held:innen des Alltags.

Und ganz zum Schluss besingt Stromae noch die Ambivalenz des Lebens in "Mauvaise journée" / "Bonne journée" ("Schlechter Tag" / "Guter Tag").  An einem schlechten Tag ist er 35 und fühlt sich alt, an einem guten Tag ist er 35 und fühlt sich wie zwanzig. Persönlicher wird er dann in "Que De Bonheur" ("Nichts als Freude"), einem Song über sein Kind. Er erzählt dort, wie sehr er seinen Sohn liebt, verschweigt aber nicht, dass diese Liebe mit zu vielen schmutzigen Windeln und zu wenig Zeit für Sex mit seiner Ehefrau einhergeht. Stromae verarbeitet auf "Multitude2 die Dualitäten des Lebens - Licht und Schatten, Höhen und Tiefen.

Mit Stromae um die Welt

So vielschichtig die Themen und Emotionen auf "Multitude" sind, so vielfältig sind auch die globalen Sounds, die Stromae auf seinem Album präsentiert. "Fils de joie" überrascht mit einem verspielten Cembalo-Intro, "Bonne Journée" klingt wie Trap, garniert mit einer westafrikanischen Kora. Auf „Santé“ verleiht er einem Cumbia Rhythmus aus Kolumbien einen triolischen Twist, was für die geradlinige Cumbia ziemlich ungewöhnlich ist. "Invaincu2 samplet einen bulgarischen Chor, "Mon Amour" arbeitet mit Baile Funk aus Brasilien. Und auch das ist typisch für Stromae: Bei aller Melancholie knallen die Beats richtig! Auf "Multitude" zeigt Stromae, dass Pop und Poesie ein fantastisches Paar sind. Seine globalen EDM-Chansons sind Musik für den Kopf und das Tanzbein, regen zum Nachdenken an und wirken wie Sonnenstrahlen an einem kalten Wintertag.