Lucas Santtana: "O Paraíso" - Zeichnung von Pflanzen auf weißem Hintergrund

Lucas Santtana: "O Paraíso"

Sound der Biosphäre

Stand: 08.01.2023, 00:05 Uhr

Der brasilianischen Singer-Songwriter Lucas Santtana ist ein Erbe der sozialpolitischen Tropicália-Bewegung. Auf seinem achten Album "O Paraíso" trifft seine weiche Stimme auf Jazz, Elektronik und Bossa Nova. Thematisch geht´s ums nichts Geringeres als die Rettung des Planeten.

Von Łukasz Tomaszewski

Lucas Santtana: "O Paraíso"

COSMO Album der Woche 09.01.2023 02:55 Min. Verfügbar bis 08.01.2024 COSMO


Lucas Santtanas neues Album "O Paraíso" ist ein Appell an die Menschheit zum nachhaltigen Leben und mehr Achtsamkeit. Für ihn existiert das Paradies schon hier und jetzt: es ist unsere Erde, und wir alle tragen eine Mitverantwortung an ihrem Wohl. Eigentlich wüssten das alle, sagt Lucas Santtana. "Aber die Frage ist, was tun wir dafür? Was ist unsere Beziehung zu diesem Planeten?" Lucas Santtana hat der drängendsten Frage unserer Zeit sein achtes Album gewidmet. In der Zurückgezogenheit der Pandemie hat der brasilianische Singer/Songwriter Bücher von Umweltschützern und Philosophen gewälzt. Nach der Lektüre von David Wallace-Wells‘ Essay "Die Unbewohnbare Erde" inklusive Beschreibung der Hölle bei einem Temperaturanstieg um 4 Grad, kam ihm die Erkenntnis: Auf Klimawandel, Umweltkatastrophen und selbstzerstörerischen Wachstumswahn muss ein Weckruf erfolgen.

Neue Sprache

Lucas Santtana will die Menschen mit seinem neu gewonnenen Wissen wachrütteln. Aber nicht mit Lärm oder Alarm. Im Gegenteil: Das leichte und elegante Klanggerüst aus akustischer Gitarre der Bossa Nova, aus Jazz-Arrangements und verspielter Elektronik füllt Lucas Santtana mit empathischem Gesang über das zerbrechliche Ökosystem. "Wie viele SOS-Signale müssen gesendet werden, bevor wir unsere Augen öffnen" fragt er im filigranen Stück "A Transmissão". Auf "What’s Life" vertont er Texte der amerikanischen Mikrobiologin Lynn Margulis. die immer wiederkehrende Zeile "We are the nature" brennt sich ein in Ohr und Gehirn. Lucas Santtana häutet auf dem neuen Album die Zwiebel: Jeder Song ist eine neue Schicht, die er freilegt, ein neues Thema, das mit der Natur verbunden ist. Je weiter er vordringt, desto mehr tut es weh. Santtana legt den Finger in die Wunde, singt in "La Biosphère" mit einem französischen Kinderchor über die Torheit der internationalen Agrarkonzerne, die mit hochgezüchteten Hochleistungspflanzen die Natur beherrschen wollen. "Vamos ficar na terra" erzählt von Elon Musks Marsprojekt. "Ich würde Elon Musik sagen, dass es dumm ist zum Mars fliegen zu wollen, wenn wir die gigantische Möglichkeit haben, auf dem einzigen bewohnbaren Planeten des Sonnensystems zu leben", sagt der Brasilianer. Der Song "Muita Pose, Pouca Yoga" mit Sängerin und Landsfrau Flavia Coelho kommt dann schon fast wie ein Befreiungsschlag. Die einzige wirklich fröhliche Tanznummer des Albums ist eine Persiflage auf den Konsumwahn im Internetzeitalter. 

Brasilien gibt wieder Hoffnung

Als Setting für seine klugen Texte dient Lucas Santtana seine Heimat Brasilien. Nach vier Jahren unter dem konservativen Präsidenten Jair Bolsonaro ist das Land politisch gespalten, Millionen Menschen verarmt, große Teile des Amazonas zerstört. Aber Santtana will reparieren und Hoffnung spenden. Mit der neuen Regierung unter dem liberalen Präsidenten Lula wird Brasilien versuchen seine alte Position in der Welt wiederzuerlangen, als Vermittler zwischen den Großmächten und als mystischer, spiritueller Ort, an dem alles passieren kann, sagt Santtana.

Gruß an die Beatles

Auf "O Paraíso" erfindet sich Lucas Santtana neu. Der musikalische Weltenbummler aus Salvador de Bahia sucht nicht mehr das höher, schneller, weiter. Nach einigen schwierigen Jahren vollzieht er einen Richtungswechsel hin zum achtsamen Poeten mit Herz und Verstand. Er möchte nicht mehr fragen: "Wer bin ich?" und ständig um das eigene Ego kreisen. Heute frage er: "Wo bin ich?" und "Was kann ich tun, um meine Umwelt zu retten?". Neben acht eigenen Kompositionen gibt es zwei Coverversionen auf dem Album. Ein Cover eines Songs von Jorge Ben und "The Fool On The Hill" von den Beatles, einer von Lucas Santtanas absoluten Lieblingssongs. Er habe schon oft weinen müssen, als er den gehört hat. Der Song ist aus dem Jahr 1967, aber Santtana baut eine Brücke zum Hier und Jetzt und erklärt, warum das Stück auf seinem Album gelandet ist: "Für mich singt Paul Mc Cartney hier über einen indigenen Schamanen mit einem dritten Auge. Er sieht mehr als die anderen. Manchmal werden diese Menschen ausgelacht. Wie heute die Öko-Aktivisten."