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Loyle Carner: "hugo"

Loyle Carner: "hugo"

Loyle Carner: "hugo" – Fahrende Therapiestunden

Stand: 24.10.2022, 00:01 Uhr

Der sympathischste Rapper des Vereinigten Königreichs ist zurück: Loyle Carner. Sein neues Album "hugo" ist allerdings alles andere als eine Gute-Laune-Platte. Der Südlondoner rappt über Zerrissenheit, Aussetzigkeit und Wut – um am Ende Vergebung zu finden.

Von Amany Hassan

Loyle Carner: "hugo"

COSMO Album der Woche 24.10.2022 02:26 Min. Verfügbar bis 24.10.2023 COSMO


Ende der Neunzigerjahre, nachmittags irgendwo in Südlondon. Der kleine Benjamin Coyle-Larner sitzt im Sonnenschein auf einer Treppe und wartet auf seinen Vater, der ihn abholen soll. Doch der lässt ihn wieder mal hängen. Loyle ist aufgewühlt – seine Enttäuschung und Wut sind groß, so groß, dass er sie 20 Jahre später noch hervorrufen und in einen Song packen kann: "She would say 'he ain't coming, but I can tell him that you love him' and I was shouting 'nah, love means nothing'." Loyle Carner wächst bei seiner weißen Mutter in London auf, der leibliche, aus Guyana stammende Vater verlässt die Familie früh, bis schließlich der Kontakt abbricht. Es ist eine folgenreiche Entscheidung. Nicht nur, weil sich Loyles Eltern trennen, sondern auch weil Loyle ohne Schwarze Bezugsperson aufwächst.

Mit Worten umarmt

Immer wieder treiben ihn deswegen Fragen nach seiner Identität um. Schwarz zu sein, aber im überwiegend weißen Umfeld aufzuwachsen, sich nirgendwo richtig zugehörig zu fühlen und irgendwie nur in Zwischenräumen zu existieren, machte ihm zu schaffen: "I told the Black man, he didn't understand. I reached the white man, he wouldn't take my hand." Antworten findet Loyle in der Poesie. Worte geben ihm Kraft – eine der wenigen Dinge, bei denen er das Gefühl hat, sich richtig ausdrücken zu können, Kontrolle zu haben.

Durch Zufall stößt Loyle bei YouTube auf ein Video des britisch-guyanischen Poeten John Agard, der sein Gedicht "Half-Caste" performt. Carner ist fasziniert und tief berührt. Ein 73-jähriger Mann, der denselben Hintergrund teilt und genau die inneren Konflikte auf den Punkt bringt, die Carner umtreiben – eine Initialzündung für den Rapper. Klar ist: John Agard muss auf dem Album einen Platz finden. Auf dem Track "Georgetown" rezitiert Agard einen Teil seines Gedichts, Loyle rappt dazu und im Hintergrund des Musikvideos sieht man die gleichnamige Hauptstadt Guyanas, eine symbolische Rückkehr zu den eigenen Wurzeln. "Georgetown" soll jungen Menschen zeigen, dass sie mit ihrem Schmerz nicht allein sind, dass sie gehört werden.

Den Kreislauf des Schmerzes durchbrechen

Loyle Carner wird 2020 zum ersten Mal Vater. Das verändert ihn und wirft neue Fragen auf: Was bedeutet es überhaupt, ein guter Vater zu sein? Wie kann ich mein Kind vor der Welt da draußen schützen? Aber auch vor sich selbst und den Fehlern, die man als Vater machen wird? Loyle Carner findet eine Antwort – und die liegt in der Beziehung zu seinem eigenen Vater. Er muss diese Beziehung kitten, um die Wut und den Schmerz nicht an seinen Sohn weiterzugeben. Loyle Carner möchte den Zyklus durchbrechen: "Because hurt people hurt people". Das wortwörtliche Vehikel für diese Annäherung? Ein Auto.

Im Lockdown bringt sein Vater Loyle das Autofahren bei. Im alten VW Polo des Vaters, der seinen Wagen "hugo" nennt, führen sie anstrengende Gespräche, lernen sich dabei kennen und finden zueinander. Gemeinsam reisen sie in den Norden Südamerikas nach Guyana. Für Loyle Carners Vater ist es das erste Mal, dass er die Heimat seiner Eltern besucht. Eine emotionale Erfahrung, die Vater und Sohn näher zusammenbringt. Obwohl das Album insgesamt düsterer klingen mag, als man es von Carner sonst gewohnt ist, endet "hugo" mit Versöhnung. Es geht um Vergebung und persönliches Wachstum, Selbstreflexion und das Loslassen von angestauten Emotionen. Ultimativ kann Loyle Carner seinem Vater verzeihen: "I forgive you because I'm better when I'm with you."