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Cover des Albums "Dost 2" von Derya Yildirim & Grup Şimşek

Derya Yildirim & Grup Şimşek: "Dost 2"

Zwischen Freundschaft und Identität

Stand: 04.12.2022, 00:01 Uhr

Die 28- jährige Sängerin und Bağlama-Spielerin Derya Yildirim und ihre Grup Şimşek sind die deutschen Vertreter des Anadolu-Psych-Revivals. Auf ihrem dritten Album "Dost2" perfektioniert die Band um die Hamburger Frontfrau ihre Fusion aus anatolischem Retro-Funk der 70er mit einfühlsamer Folk-Poesie des Hier und Jetzt. Dabei rücken Familie und Freundschaft in den  Mittelpunkt.

Von Łukasz Tomaszewski

Derya Yildirim & Grup Şimşek: "Dost 2"

COSMO 05.12.2022 02:29 Min. Verfügbar bis 05.12.2023 COSMO


"Dost" ist türkisch für Freund. Und das passt so gut zur Selbstverortung der Band, die nach "Dost 1" (2021) ihr drittes Studioalbum jetzt "Dost 2" genannt hat. Derya Yildirim & Grup Şimşek wollen damit die familiären Beziehungen innerhalb der Band zelebrieren. Seit nunmehr acht Jahren pflegen die vier Musiker:innen ihr Family-Business, obwohl sie zwischen Berlin, Kopenhagen und Süd-Frankreich verstreut leben und nur zu Konzerten und Aufnahmen zusammenkommen. Aber dann ist die Atmosphäre wie elektrisiert. Nicht umsonst bedeutet Şimşek im Türkischen "Blitz". Die musikalische Inspiration kam bei Frontfrau Derya Yildirim schon immer aus dem engsten Kreis.

Von Veddel an die UdK

Derya Yildirim ist auf der Hamburger Elbinsel Veddel in einer türkeistämmigen Musikerfamilie aufgewachsen. Ihr Vater hat sie früh an die anatolische Laute Bağlama geführt. Gespielt wird bis heute im Familienkreis auf den vom Vater gebauten Instrumenten. Die Eltern sind bei jedem Konzert der Tochter dabei. "Sie sind meine größten Fans", sagt Derya Yildirim. Zunächst studiert Derya Yildirim klassische Musik auf Lehramt in Hamburg. Aber als ihr an der Berliner Universität der Künste erstmals angeboten wird, ihr geliebtes Instrument Bağlama zu studieren, packte sie ihre Sachen und zieht in die Hauptstadt. Gemeinsam mit ihrer Band Grup Şimşek bringt sie heute den anatolischen Folk in die Gegenwart. Auch wenn ihre Bandmitglieder die Songtexte nicht verstehen: Gesungen wird natürlich auf Türkisch.

Sprache und Emotionen

"Mit der türkischen Sprache bin ich eigentlich meinen Emotionen viel näher", erklärt die Sängerin. Sie könne mit der türkischsprachigen Poesie einfach viel besser connecten. Sprache habe ihren eigenen Klang, eigene Melodien und phonetische Nuancen. Die Deutsche Sprache bewege einfach nichts in ihrem Herzen, sagt Derya Yildirim. Ihre Songtexte stammen von ganz unterschiedlichen Autor:innen, zum Beispiel von ihrer Cousine Duygu Ağal, einer queer-migrantischen Aktivistin und Schriftstellerin aus Berlin. Oder von ihrer Tante Ayşe Yıldırım, die ihr den traditionellen Song "Bulgar Dağı" am Telefon vorsang, den die Nichte spontan in "Ayşe Halam Arıyor" umtextete. Der mitreißende Song "Darıldım Darıldım" wiederum wurde vom Singer-Songwriter Mahzuni Şerif im Gefängnis geschrieben. In den Siebzigerjahren legte sich der Freigeist mit der türkischen Regierung an, wurde immer wieder verhaftet, und lebte anschließend für lange Jahre im Exil in Köln.

Anadolu-Retro-Psychedelia

Derya Yildirims Stimme changiert zwischen Schmerz und Aufbruch. Sie lässt mit ihrem laszivem Vibrato den Bosporus funkeln und kann laut und fordernd klingen. Die Band hat den gerade schwer angesagten Anadolu-Retro-Psychedelia-Sound perfektioniert. Auf "Bal" werden virtuose Bağlama-Läufe von Wah-Wah-Gitarreneffekten und Hammond-Orgeln begleitet. Auf "Odam Kireç Tutmuyor" verzichtet die Band komplett auf die Rhythmus-Sektion. Über minimalistische Synthesizer- und Flöten-Melodien legt sich die schmachtende Stimme Derya Yildirims. Man kann den Seelenschmerz schon fast greifen.

Trostplaster für die Emigrantenseele

Die acht Songs des Albums erzählen musikalisch und poetisch Geschichten einer vergangenen Belle Epoque. Laden auf entspannt-verrauchte Dancefloors des Orients und schicken einen Gruß an die Dark Side Of The Moon. Vor allem aber ist ihre bittersüß verträumte Grundstimmung ein Trost für die Emigranten-Seele. Und eine Brücke zweier Generationen. "Folkmusik hat etwas Magisches", sagt Derya Yildirim, "ich verbinde ganz viel Schmerz und Trauer damit, weil die Musik wirkte eigentlich fast wie ein Pflaster für die Generation vor mir." Nachdem klar wurde, dass man nicht mehr in die Heimat zurückkehrt, sei Musik das, was von der eigenen Kultur übrig bliebe, meint Derya Yildirim. "Dost 2" ist ein selbstbewusstes, postmigrantisches Statement zur eigenen kulturellen Identität. Ein Zuhause-Gefühl aus junger Perspektive.