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Black Thought & Danger Mouse: "Cheat Codes"

Black Thought & Danger Mouse: "Cheat Codes"

Schummeln gegen das System

Stand: 21.08.2022, 00:01 Uhr

Superproduzent Danger Mouse und The Roots-Rapper Black Thought widmen ihr gemeinsames Album den Ausgegrenzten, die sich mit "Cheat Codes" durchs Leben schummeln. Mehrdeutige Rap-Kaskaden treffen dabei auf knisternde Samples und Gäste von Michael Kiwanuka bis MF Doom.

Von Adrian Nowak

Black Thought & Danger Mouse: "Cheat Codes"

COSMO Album der Woche 22.08.2022 02:49 Min. Verfügbar bis 21.08.2023 COSMO


Gut Rap will Weile haben ... mehr als 15 Jahre nach ihrem ersten Treffen veröffentlichen der charismatische The Roots-Frontmann Black Thought und der zurückhaltende Produzent Danger Mouse ihr gemeinsames Album. Dass das Ganze so lange gedauert hat, liegt wohl auch daran, dass die beiden Protagonisten mit anderen Projekten extrem erfolgreich waren. Danger Mouse aka Brian Burton erlangte 2004 Berühmtheit durch spektakuläre Copyright-Verletzungen, als er Samples aus dem "White Album" der Beatles mit Raps aus dem "Black Album" von Jay-Z gemixt hat. Es folgten Projekte mit Weltstars wie den Gorillaz, U2 oder Adèle, der Grammy-Producer arbeitete aber auch mit Underground-Helden wie dem Rapper MF Doom. Black Thought aka Tarik Trotter tourte als Teil der besten Rap-Live-Band The Roots um die Welt, später wurden sie die Hauskapelle in Jimmy Fallons Tonight Show. Daneben veröffentlichte er solo drei hochgelobte "Stream Of Thoughts"-EPs, arbeitete mit unterschiedlichen Acts wie Nneka, Damian Marley oder Linkin Park oder trat als Schauspieler in Erscheinung. Nachdem die beiden 2006 zum ersten Mal an gemeinsamen Tracks gearbeitet haben, erscheint nun "Cheat Codes", ein energiegeladenes Album, auf dem soulig-psychedelische Beats auf Betrachtungen über das Leben der Underdogs in den USA treffen.

Lyrisches Kaleidoskop

"My words should be studied up in Berkeley and Juilliard", rappt Black Thought auf "Aquamarine". Black Thoughts Raps als Thema an Kunstakademien oder Schauspielschulen? Warum nicht? Trotter entwirft in seinen Texten ein faszinierendes, unerschöpfliches Kaleidoskop an Querverweisen in Kunst, Geschichte, Philosophie, Religion und Politik. In "Because" zeichnet er mit den jungen Talenten Russ und Joey Bada$$ ein düsteres Bild vom Leben in den USA - die MCs thematisieren Armut, Kriminalität oder Kindesmissbrauch. Black Thought rappt unter anderem von der "Door Of No Return in Elmira" und verweist damit auf die "Tür ohne Wiederkehr" in der Festung Elmina an der Küste von Ghana. Die Festung war eine wichtige Station im transatlantischen Sklavenhandel und der letzte Ort, den die Afrikaner:innen sahen, ehe sie mit Schiffen in die Neue Welt verschleppt wurden. Er verlegt diese Tür von Elmina nach Elmira, einem Ort an der US-Ostküste, in dem ein Hochsicherheitsgefängnis steht. Diese Verbindungen zwischen dem Trauma der jahrhundertelangen Sklaverei und dem Leben in den USA von heute sind immer wieder Teil der Texte von Black Thought. In "The Darkest Part" rappt er "Death to Sambo" und wünscht damit "Sambo" den Tod, einem rassistischen Spitznamen für Schwarze Menschen. Doch für Black Thought steckt noch mehr dahinter: "Als ich die Zeile geschrieben habe, war ich bei einer Ausstellung von Jean-Michel Basquiat. Und er hat oft das Wort 'Samo' geschrieben, oder 'Samo is dead' und wünschte damit 'Same Ole' den Tod. Er hatte die Nase voll vom Immer-Gleichen. Ich dachte also an "Tod dem Samo" und hatte dann die Idee, das 'B' hinzuzufügen."

Cheat Codes für mehr Gerechtigkeit

Black Thought klagt immer wieder die weltweit herrschende Ungleichheit an, die weniger Privilegierte nur durch "Cheat Codes" - also kriminelle Handlungen - ausgleichen können. Im Titeltrack thematisiert er das schwierige Leben in den "Projects, townships, favelas and trailer parks", und schildert Drogenhandel und Waffengewalt.

Er stellt desillusioniert fest: "You better get the cheat code or get RICO-ed", eine Anspielung auf das US-amerikanische RICO-Gesetz, das es ermöglicht, Menschen wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer kriminellen Vereinigung anzuklagen. Neben all diesen politischen Anspielungen vergisst Black Thought aber nie den Spaß an Reimen, Flows und Wortspielen. In Songs wie "Close To Famous" beweist er, dass er auch ein unschlagbarer Battle MC ist, der seine lyrischen Gegner problemlos in die ewigen Jagdgründe schickt: "Stop speakin' into the mic and die dignified / I'm that insecticide, pesticide, genocide / You in the morgue, absolutely identified." Mic drop. 

Rumpelbeats für die Revolution

Untermalt werden die Reimketten Black Thoughts von cineastischen Beats von Danger Mouse - warm und voller Soul. Nachdem er in den letzten Jahren viel mit Bands und Liveinstrumentierung gearbeitet hat, kehrt er nun zu seiner ersten Liebe zurück: dem Sampling. Der Studiotüftler greift dabei unter anderem auf Samples aus Funk-Platten von Künstler:innen wie der Ebony Rhythm Band zurück oder auf den schrägen Psychedelic Rock der französischen Formation Sandrose. Die Obskuritäten aus seinem Plattenregal manipuliert oder zerschneidet Burton allerdings minimal, meistens laufen die Loops einfach nur schneller, sodass der originale 60's-Groove der Scheiben erhalten bleibt. 

Zeitlose Beats und Botschaften

Als wäre ein Zusammentreffen von Black Thought und Danger Mouse nicht schon Grund genug zur Freude, haben die beiden für "Cheat Codes" eine fein ausgewählte Liste aus Schwestern und Brüdern im Geiste eingeladen. Darunter das Polit-Rap-Duo Run The Jewels, Wu-Tang Clan- Mitglied Raekwon, die Rapperin Kid Sister oder der Soulsänger Michael Kiwanuka, die mit ihren Beiträgen den Cheat Codes-Kosmos erweitern. Ein besonderes Wiederhören gibt es mit dem 2020 verstorbenen MF Doom. Danger Mouse hatte nach zwei gemeinsamen Alben weiterhin mit Doom gearbeitet und noch das unvollendete Stück "Belize" im Archiv liegen. Mit einer neuen Strophe von Black Thought und Samples der Rockband Federal Duck wurde daraus ein Gipfeltreffen zweier erstklassiger MCs, deren Liebe für die Kunstform Rap in jeder Zeile mitschwingt. Mit seinen 90er-Jahre Rap-Styles und dem eher klassischen Umgang mit Samples und Loops klingt "Cheat Codes" sicherlich nicht wie die aktuellen Autotune-Trap-Hits. Viel mehr haben sich Danger Mouse und Black Thought auf das konzentriert, was sie am besten können und erschufen so ein zeitloses Album voller Beats, die so schnell nicht langweilig werden und engagierten Raps, die wir auch in 100 Jahren nicht zu Ende analysiert haben werden.