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BABYJOY - Ophelia

BABYJOY: "Ophelia"

Das Sinnbild der Melancholie

Stand: 29.08.2022, 00:01 Uhr

Die Berliner Sängerin und Rapperin BABYJOY begibt sich auf ihrer neuen EP "Ophelia" in eine emotionale Schlucht. Sie nimmt uns mit zum Verlust ihres Vaters, zu bedingungsloser Empathie in ihrer Partnerschaft und zu depressiven Episoden.

Von Elena Tara Bavandpoori

BABYJOY: "Ophelia"

COSMO Album der Woche 29.08.2022 02:38 Min. Verfügbar bis 29.08.2023 COSMO


Von Ophelia, der Figur von William Shakespeare, erfährt BABYJOY zufällig in ihrer Schauspielausbildung: Die Frau, die sich selbst ertränkt. Die Melancholie rund um Ophelia resoniert so stark mit BABYJOY, dass sie ihr eine Zeile in ihren Notizen widmet. "Leg mich sterbend in das Wasser wie Ophelia." Daraus wird ein ganzer Song, ebenso wie der Titel ihrer EP. Eine gefährliche Romantisierung von Suizid? Nein, denn im Kontext von BABYJOYs psychischer Verfassung wirkt Ophelia wie eine Identifikationsfigur. Die 23-jährige Berlinerin befindet sich am Ende einer schmerzhaften Lebensphase, gezeichnet von schweren Depressionen und innerer Zerrissenheit. Es ist eine Phase, in der sie nur mit viel Mühe Musik machen kann. Doch mithilfe ihres Produzenten KazOnDaBeat entstehen die fünf Songs der aktuellen EP und bilden die Realität einer Frau ab, die mental kämpft.

Ein Topf voller Emotionen

BABYJOY verarbeitet ein Jahr der tiefen Gefühle: Im Titeltrack "Ophelia" geht es um Wut auf rassistische Ereignisse, aber auch um eine Gleichgültigkeit gegenüber diskriminierenden Situationen. Als Schwarze Frau lebt es sich in Deutschland nicht immer leicht. Aber mit einer Scheiß-Auf-Euch-Manier lebt es sich schon etwas leichter.

In "Wenn du weinst" erleben wir ein großzügiges Mitgefühl mit dem Partner, denn BABYJOY weint mit. Ihre simplen, aber klaren Texte sind vor allem eins: glaubhaft. Die Musikerin trägt ihre Emotionen nach außen - auf eine Weise, die nicht aufdringlich, aber bewusst wirkt. Sie weiß, wann und wie sie uns teilhaben lässt. Da helfen ihre französischen Roots, ebenso bei der Trauer um den Verlust ihres Vaters. In "Sourire á l'envers" gewährt uns die Rapperin und Sängerin einen Einblick in die Trauerarbeit an ihren verstorbenen Vater - zumindest denjenigen von uns, die Französisch sprechen. Die französische Sprache wird wie ein Schutzmantel über das gelegt, womit BABYJOY behutsam umgehen will. Oder was die deutsche Sprache oft klanglich nicht leisten kann: Zärtlichkeit.

Zart wie der Sound?

Es ist nicht nur BABYJOYs zarte Stimme oder ihre Transparenz, die sie nahbar wirken lässt. Denn auch Produzent KazOnDaBeat trägt dazu bei: Von federleichtem R'n'B zu düsterem Trap malen die Beats das passende Stimmungsbild. Es ist nicht permanent zart, aber es ist eher zurückgenommen. Das erlaubt den Texten zu wirken, ohne dass sie kitschig klingen. Trotzdem gibt es einen eigentümlichen Ausreißer: Auf dem Song "Keine Zeit" findet sich ein prominentes Sample von R'n'B-Sängerin Cassie. Das Original "Me & U" aus 2006 singt BABYJOY stellenweise einfach nach. Hier gewinnt Vibe über Inhalt. Zusammen mit Rap-Kollege MONK von der Berliner Crew BHZ, der übers Partymachen rappt, hebelt dieser Track die sonst starke Emotionalität der EP aus. Bei den schweren Texten der anderen Songs findet die EP damit aber letztlich ein lockereres Ende.