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agajon: "nag champa" 

"nag champa" – Der Duft von Zuhause

Stand: 05.09.2022, 00:01 Uhr

"We're goin' international, baby", ist die Ansage von Hamburger Produzent agajon im Intro seines Album-Debüts, das aber zugleich den Geruch der Heimat zelebriert. Auf "nag champa" verbindet er die Ästhetik J Dilla-inspirierter Beats mit großen Pop-Gesten.

Von Keno Mescher

agajon: "nag champa"

COSMO 05.09.2022 02:41 Min. Verfügbar bis 05.09.2023 COSMO


Smells like home

Windschief gepitchte Synths. Ein elegant rumpelnder Boom Bap Beat. Gelächter. Standesgemäß großspurige Statements. So beginnt agajons "nag champa". Der Titel ist – na klar – eine Referenz an sein Vorbild J Dilla, den ikonischen US-amerikanischen Hip Hop-Produzenten, der einen gemeinsamen Song mit Common so genannt hat. Er beschreibt aber auch den Duft von agajons Kindheit. "nag champa" ist eine der beliebtesten Duftrichtungen für Räucherstäbchen. Bei agajon brennen sie häufig im Studio. Schon seine Mutter hatte eine Vorliebe dafür: "Für mich fühlt sich das an wie zu Hause. Man fühlt sich direkt wohler. Es gibt dem Raum so einen Vibe", sagt er im Interview.

Kanada, L.A., UK

agajon hat sein musikalisches Zuhause beim Hamburger Label Kabul Fire Records. Gründer Farhot hat sein Talent früh erkannt. Mit nur 21 Jahren hat agajon auch international bereits einen beachtlichen Ruf in einschlägigen Kreisen und er weiß das zu schätzen. Auch weil er sich der deutschen Szene nicht besonders verbunden fühlt: "Ich bin super zufrieden, ich kann mich überhaupt gar nicht über irgendetwas beschweren. Ich hätte niemals gedacht, dass ich mal ein Studio hab und Musik machen kann, deswegen bin ich super happy. Mein Ziel für die Zukunft ist aber, auch außerhalb von Deutschland zu arbeiten, Richtung Kanada, L.A., UK oder so".

Beat-Handwerk

Die Voraussetzungen dafür bringt er mit: "nag champa" ist kein Beat-Handwerk von der Stange: warmer, analoger Sound, Gitarren-Loops mit Indie-Flavour, federleichte Bossa- und elegant gesetzte Boom Bap-Rhythmen, Autotune-Trap, Conscious Raps, feenhafte Soul-Gesänge, Interludes mit Song-Charakter. "nag champa" zitiert sich – kunstvoll verwoben – quer durch Epochen und Stile.
Ein bisschen Caetano Veloso, etwas Anderson. Paak und Erykah Badu, eine kleine Prise Fly-Lo. Viel J Dilla- und Kaytranada-Sample-Madness: "Die haben mir gezeigt, dass es keine wirkliche Technik braucht, um Musik zu verstehen. Ich kann nicht ans Piano gehen und die krassesten Akkorde spielen. Aber wenn ich sehe, was die gemacht haben, dann ist das krasse Inspiration", beschreibt agajon den Einfluss seiner Produzenten-Vorbilder.

Beats, Songs und Interludes

Mit "nag champa" will agajon zeigen, dass er neben den Beats auch die klassischen Popsong-Strukturen beherrscht: "Ich möchte diese zwei Welten vereinen". Dabei gelingt es ihm - und das ist der vielleicht bemerkenswerteste Aspekt von "nag champa", aus stilistisch sehr heterogenem Material einen schlüssigen Album-Bogen zu spannen. agajon kompiliert nicht, er erzählt als Produzent seine Geschichte. Die Wichtigste Stimme dabei kommt von Ninja Kidsoul, einem deutsch-US-amerikanischen MC aus Schweinfurt. Er spricht die Statements, die "nag champa" zusammenhalten. Und als Feature-Gast rappt er in "Romeo & Juliet". agajon beschreibt ihn als "engsten Musikfreund" und weist daraufhin, dass es im Song nicht um Liebe oder romantische Beziehungen gehe, sondern um das "Window of Inspiration", um den Moment der Inspiration.

Gleich dreimal ist Jay Prince zu hören, Londoner Ex-Grime MC, der sich in "Plants", "Higher" und "Back to basics" von drei völlig unterschiedlichen Seiten zeigt. Layla, eigentlich für ziemlich pointierten deutschen Rap bekannt, singt englische R'n'B-Vocals in "All of That". Eines von vielen Highlights des Albums ist das angenehm entrückte "Different Interlude" mit der Pariser Sängerin Léonie Barbot. Im letzten Song "So Simple" singt agajon sogar selbst. Und lässt durch Ninja Kidsoul seine Philosophie als Musiker und Produzent erklären: Es gehe ihm nicht ums große Geld, sondern darum, Musik zu machen, die ihn selbst - und damit vielleicht auch andere - glücklich macht: "So ist das halt. Man muss das Ego manchmal zur Seite legen, um voranzukommen. Und ich fand, das war ein schöner Closer, um ein bisschen zu representen, wie wir denken und was unsere Haltung ist."

Interview mit agajon

COSMO 01.09.2022 09:37 Min. Verfügbar bis 01.09.2023 COSMO