Viele Samenmischungen helfen Insekten nicht

Eine Hand hält eine Kugel mit Pflanzensamen.

Insektensterben

Viele Samenmischungen helfen Insekten nicht

Von Nikolas Golsch

Das Insektensterben ist eins der drängendsten Umweltprobleme unserer Zeit. Schuld ist auch die Landwirtschaft, die die Lebensräume der Insekten zerstört und die Nahrungssuche erschwert. Deswegen wollen viele nachhelfen und zumindest im Garten "Insektenbuffets" anpflanzen. Samenmischungen dafür gibt es überall. Aber die meisten sind nutzlos, weiß unser Reporter Nikolas Golsch.

Viele Samenmischungen helfen Insekten nicht

COSMO 22.06.2019 07:20 Min. Verfügbar bis 22.06.2020 COSMO

COSMO: Warum sind viele Samenmischungen nutzlos?

Nikolas Golsch: Weil in diesen Samentütchen zum ganz großen Teil keine einheimischen Arten sind. Damit sind sie für viele unserer heimischen Insekten ziemlich nutzlos. Der Botanische Verein aus Bochum hat genauer hingeschaut und diverse Samenmischungen von ganz verschiedenen Herstellern ausgesät und dann untersucht, welche Arten aus der Erde gekommen sind. Das Ergebnis war ernüchternd: Erstmal waren in fast allen Tütchen Samen von jeweils derselben Art drin – also von Vielfalt keine Spur – und dann waren es Arten, die vor allem aus dem Mittelmeerraum stammen, aus Südosteuropa oder Nordamerika. Dazu kommt, dass oft gar nicht die Arten in den Tütchen waren, die drauf standen — also wird auch noch Etikettenschwindel betrieben.

COSMO: Welche Samen sind denn in den Tütchen?

Nikolas Golsch: Ich habe ein Tütchen mit einer Samenmischung im Bioladen gekauft und eine Stichprobe gemacht. In diesem "Insektenbuffet" war: Persischer Klee aus dem Mittelmeerraum, Serradella aus Algerien und Kalifornischer Kappenmohn aus Nordamerika. Und so geht es munter weiter. Die Blumen sehen schön aus, aber viele unserer Insekten in Deutschland sind hoch spezialisiert. Es gibt zum Beispiel Wildbienenarten, die nur auf ein bis zwei Pflanzen fliegen. Deren Rüssel ist teilweise so angepasst, dass sie genau mit diesen Blüten etwas anfangen können. So einen Persischen Klee aus Afghanistan haben die Bienen aber wahrscheinlich noch nie gesehen und können damit dementsprechend auch erstmal nichts anfangen.

COSMO: Warum sind in diesen Samentütchen die falschen Arten für die einheimischen Insekten?

Nikolas Golsch: Den Bochumer Botanikern ist aufgefallen, dass in den Tütchen meistens die Arten drin waren, die der entsprechende Hersteller auch sowieso einzeln im Sortiment hatte. Vielleicht sind das Überschüsse aus der Produktion, die einfach zusammengemischt werden. In den Tütchen sind oft Arten, die sich relativ einfach und kostengünstig vermehren und züchten lassen.

COSMO: Was für Schaden kann es anrichten, wenn diese "falschen" Arten ausgesät werden?

Nikolas Golsch: Ein großer Schaden entsteht dadurch nicht, aber durch diese große Debatte um das Insektensterben greifen immer mehr Menschen zu diesen Tütchen, weil sie etwas Gutes tun wollen. Auch Städte pflanzen in guter Absicht große Blühflächen mit diesen Samen — aber es nutzt den Insekten überwiegend nicht viel. Diese Pflanzen stehen in Konkurrenz zu unseren heimischen Arten, die sich dort ansonsten ansiedeln würden, sagt der Bremer Botaniker Jürgen Feder. Er findet zum Beispiel in Bremen und Berlin immer häufiger diese nicht-einheimischen Arten vom Mittelmeer. Das bestätigt auch der Bochumer Verein für Nordrhein-Westfalen. Oft wachsen diese nicht-einheimischen Arten jetzt auf Brachflächen, die früher etwas verwildert aussah, wo aber heimische Arten gewachsen sind, was Insekten geholfen hat. Wenn dort jetzt stattdessen Samenmischungen gestreut werden, ist das der falsche Weg.

COSMO: Was wäre denn der richtige Weg?

Nikolas Golsch: Man kann sich zum Beispiel informieren welche Arten hier vorkommen und dann regionales Saatgut besorgen. Oder mal lässt einfach mal wachsen, was sich im Garten von allein ansiedelt — vermeintliches Unkraut nicht rausrupfen, das hilft den Insekten viel mehr.

Stand: 22.06.2019, 16:40