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Webvideoreihe - "Meine Narbe"

Webvideoreihe - "Meine Narbe"

In "Meine Narbe" geht es um Menschen, die sichtbare Narben am Körper tragen und die für sie Teil ihrer Lebensgeschichte geworden sind. Die Narben sind manchmal im Gesicht, unter dem T-Shirt oder unter einer Prothese. Bei "Meine Narbe" blicken wir hinter die Fassade und hören die Geschichten zu den Narben, ganz nah an den Protagonist*innen, die sie erlebt haben. Es sind Geschichten, die von Empowerment, Selbstakzeptanz und Body Positivity handeln.

Marius war nach seinem Abitur für ein Jahr in Australien. In einem kleinen Van fuhr er mit seiner Freundin von einem Strand zum nächsten – immer dabei: das Surfbrett. Bis es im Outback zu einem folgenschweren Unfall kommt. Die beiden kommen in einer Kurve von der Straße ab und das Auto überschlägt sich mehrfach. Beide sind verletzt. Vor allem das Bein von Marius ist schwer betroffen. Im linken Bein sind Waden- und Schienbein gebrochen. Über seinem rechten Knie ist eine tiefe Schnittwunde – die Arterie ist durchtrennt und er droht zu verbluten.

Zum Glück treffen sehr schnell Ersthelfende ein und können die beiden retten. Mit einem Hubschrauber wird Marius in ein nahegelegenes Krankenhaus gebracht und überlebt nach zahlreichen Operationen. Als er wieder zurück nach Deutschland fliegen darf, ist er immer noch nicht genesen. In seinem Bein hat sich ein Pilz breit gemacht, von diesem Pilzbefall gibt es gerade einmal 30 bekannte Fälle. Es bleibt keine andere Wahl, Waden- und Schienbein müssen entfernt werden. Ihm wird klar, dass er nie wieder so Sport machen kann, wie es sonst Teil seines bisherigen Lebens war.

Ein letzter Versuch noch irgendwie das Bein zu retten, war dann eine innere Prothese. Diese entzündete sich aber und Marius musste sich entscheiden: Riskiert er eine möglicherweise tödliche Blutvergiftung oder lässt er sein Bein amputieren? Er entschied sich für die Amputation und ist damit heute sehr zufrieden. Nach den vielen Monaten mit einem nicht funktionierenden und ständig entzündeten Bein, war das für ihn sogar eine Entlastung. Heute trägt er eine Beinprothese. Die Freiheit einfach drauf loszurennen hat er heute nicht mehr, stattdessen hat er aber eine ganz neue Freiheit entdeckt: Das Wissen darüber, dass man traumatische Erlebnisse überstehen und doch noch ein gutes Leben leben kann. Die Narbe unter der Prothese, ist für Marius ein Zeichen dafür. Er hat mehr geschafft, als er zuerst für möglich gehalten hat und das gibt ihm bis heute besonders viel Kraft.

Louis trug früher am liebsten kurze Haare und immer weite Kleidung, um seine Oberweite zu verstecken. Schon sehr früh wollte er nicht in das typische Mädchenkleid passen. In der Schulzeit spielte Louis gerne mit Jungs, Autos interessierten ihn. Was dann störte war, wenn jemand seinen weiblichen Geburtsnamen rief. Die Leute sahen dann in ihm wieder das Mädchen, das er gar nicht sein wollte. Schlimmer wurde es dann in der Pubertät, als der Körper anfing sich zu verändern. Louis Brüste wuchsen und er schwänzte immer öfter die Schule, weil er sich so nicht zeigen wollte. Seine Identitätskrise fiel auch den anderen in der Schule auf. Hinter seinem Rücken wurde immer wieder über ihn gelästert. Er trug immer weitere T-Shirts um den eigenen Körper zu verstecken.

Erst mit Anfang zwanzig kam er zum ersten Mal in Kontakt mit dem Thema Transgender. In einer Doku berichtete eine Person davon, wie es ist, ein Trans-Mann zu sein. Als Louis das hörte, wurde ihm sehr schnell einiges klar. Der Weg danach war dann einfacher für ihn, als er zuerst dachte. Er recherchierte mehr zu dem Thema und stieß auf Gruppen in sozialen Netzwerken, wo er sich zu dem Thema austauschen konnte. Nachdem Louis die ersten Untersuchungen hinter sich hatte, um die nächsten Schritte zu planen, erzählte er auch zum ersten Mal seinem Bruder von seiner Transidentität. Mit seiner Unterstützung ist er dann zu seiner Mutter gegangen, um ihr von seiner Identität zu erzählen. Die Familie und auch seine Freunde standen jederzeit hinter ihm, was ihm seinen Weg noch deutlich einfacher machte.

Der nächste Schritt war dann die Geschlechtsangleichung. Dafür musste Louis 18 Monate lang eine Therapie machen und sechs Monate lang Hormone nehmen, erst dann übernimmt die Krankenkasse die Kosten. Zuerst kam die Masektomie, also das Abnehmen der Brüste. Ein Jahr später folgte dann die Hysterektomie, bei der Eileiter und Uterus entfernt werden. Und ein weiteres Jahr später entschied Louis sich für einen Penoiden – die Konstruktion eines Penis aus eigenem Gewebe. Am Unterarm wird dafür Haut genommen, die dann zu einem Penoid geformt und dann transplantiert wird. Mit dem neuen Penoid hat sich Louis dann zum ersten Mal vollständig als Mann gesehen. Am Anfang war das noch wie ein Traum, auf einmal einfach im Stehen urinieren zu können. Seine Narbe auf dem Unterarm bedeutet Louis sehr viel. Sie steht dafür, was er immer sein wollte – was er immer haben wollte.

Dass Lena heute Leute auf der offenen Straße anstarren, das sei so, sagt sie. Aber es nervt eben auch. Manchmal wünscht sie sich einfach Ruhe. Es verletzt sie nicht, denn es ist ja nur ihre äußere Schale, die nichts über sie als Menschen aussagt. Abgeben würde sie ihre Narben heute nicht. Sie sind ein Zeichen dafür, was sie durchgemacht hat. Die Sonne scheint, es regnet nicht, als in Lena ein Blitz einschlägt. Sie war gerade dabei Wäsche aufzuhängen. Daran erinnern, was genau passiert ist, dass kann sie nicht. Die Narben auf ihrem Körper zeigen aber, dass sich die Wäscheleine um ihren Körper gewickelt hatte. Lena hatte Glück, dass ihr so schnell geholfen werden konnte. Bei dem Blitz, der sie getroffen hat, handelt es sich um einen sogenannten Trockenblitz. Solche Blitze entstehen, wenn die Luft sehr trocken und warm ist. Der Niederschlag erreicht dann nicht den Boden. Die Blitze entladen sich trotzdem. Das Gewitter war zu der Zeit auf der anderen Seite eines Berges. Lena arbeitete damals in einem Kindergarten in Bolivien.

Im Krankenhaus wird Lena in ein künstliches Koma versetzt und dann später nach Deutschland in ein Krankenhaus gebracht. Sie hat überall Schmerzen, der ganze Körper tut ihr weh. Am Anfang ist es sehr schwer für sie zu akzeptieren, was passiert ist. Sie vermied Spiegel, um sich nicht selber zu sehen. Das erste Mal sah sie sich in der Spiegelung ihres Handys. Erst eineinhalb Monate später betrachtet sie sich zum ersten Mal bewusst selber im Spiegel und das war ein sehr schöner Moment für sie. Vor allem, dass sie sich selbst und ihre eigenen Augen wieder erkennen konnte, war besonders schön.

Heute hat Lena einen Podcast: "Gezeichnet fürs Leben - Leben mit Verbrennungen" und das bringt es sehr gut auf den Punkt. Es ist nicht nur negativ und nicht nur positiv, es ist beides.

Trigger-Hinweis: In diesem Video werden folgende Themen behandelt: Selbstverletzung, Häusliche Gewalt, Suizid Wenn es dir mit diesen Themen nicht gut geht, dann schau dir das Video bitte nicht (alleine) an. Hier findest du weitere Informationsangebote und Nummern an die du dich richten kannst. ❇️ Informationen und Hilfsangebote für Betroffene einer Borderline-Persönlichkeitsstörung und deren Angehörige findest du hier: www.borderline-plattform.de ❇️ Für Betroffene von Häuslicher Gewalt: Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen: 08000 116 016 ❇️ Die Telefonseelsorge bietet kostenlose und anonyme Beratung rund um die Uhr an und kann an geeignete Beratungsstellen weiter verweisen. 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 Nummer gegen Kummer: Kinder und Jugendtelefon 116 111, Elterntelefon 0800 – 111 0 550
Ihre Narben hat sich Theresa selber zugefügt. Sie hat eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. In bestimmten Phasen musste sie ihrem inneren Druck Ausdruck verleihen – sie verletzte sich selbst. Die Borderline-Persönlichkeitstörung erzeugt eine extreme innere Anspannung. Ausgelöst durch sehr extreme Stimmungs - und Gefühlsschwankungen. Das selber zu regulieren funktioniert für Theresa nicht mehr. Theresa wächst mit ihrer Mutter und ihren zwei Halbbrüdern auf. Die Eltern sind getrennt und die Mutter verdient nur wenig Geld, das bedeutet sehr viel Stress. Zuhause kommt es auch immer wieder zu häuslicher Gewalt. Mit ihren Problemen bleibt Theresa aber alleine, sie kann sich niemandem anvertraue und so entwickelt sich die Borderline-Störung. Mit dem Ende der häuslichen Gewalt, beginnen die Selbstverletzungen. Das half ihr den Druck zu nehmen – die Anspannung war weg. Auch später ging sie dann immer wieder dazu über, sich selber zu verletzen. Bei ihrem ersten Mal war sie gerade einmal zehn Jahre alt. Heute geht es Theresa besser, sie hat immer noch Schübe, aber dass sie sich selbst verletzt hat ist lange her. Aktuell macht sie eine kognitive Verhaltenstherapie, sie hilft ihr die eigenen Gefühle zu regulieren. Sie ist heute sehr glücklich darüber, noch zu leben. Das war nicht immer so. Heute hat sie einen Instagram-Kanal auf dem sie das Thema behandelt. Leute kommen auf sie zu und erzählen ihr ihre Geschichten. Das hilft – offen damit umzugehen, sich nicht zurückziehen und die Mauer um sich einzureißen. Die Narben sind für Theresa heute ein Symbol dafür, was sie alles schon durchgemacht hat, aber auch, dass es eben nichts gibt, was sie nicht schaffen kann. Wenn ihr mehr über Theresa erfahren wollt, dann findet ihr hier ihren Instagram-Kanal

Das erste, was sich Alica kaufte, nachdem sie 100 Kilogramm abgenommen hatte, war ein türkiser Bikini. So auffallend wie möglich sollte er sein, wenn sie ins Schwimmbad gehen würde. Die große Narbe an ihrem Bauch, die durch den kurzen Bikini zu sehen war, störte sie nicht. Für sie ist diese Narbe ein Zeichen dafür, was sie in ihrem Leben bisher geschafft hat. Schon mit 17 bekam Alica die Diagnose: Arthrose im Rücken. Wenn sie weiterhin zunehmen würde, dann könnte sie bereits mit 30 im Rollstuhl sitzen. So ungesund wollte sie nicht leben. Sie aß immer ihren Kummer und ihre Sorgen weg und hatte dadurch stark zugenommen – das wollte sie endlich ändern. Mit 18 ließ sie sich ein Magenband einsetzen. Das half ihr aber nur eine kurze Zeit, danach folgte die zweite OP: eine Magenverkleinerung. Damit nahm sie innerhalb eines Jahres 100 Kilogramm ab. Die OP veränderte ihr Leben. Sie musste ihre Kleidung nicht mehr in Läden für Übergrößen kaufen. Für sie ein schönes Gefühl zwei bis drei Nummern kleinere Kleidung tragen zu können. Erst beim Einkaufen wurde ihr so richtig klar, wie viel sie abgenommen hatte. Das schnelle Abnehmen hinterließ aber Spuren, die Haut war gedehnt und blieb. Die Krankenkassen übernehmen nur Kosten von medizinisch notwendigen OPs. Kosmetische Operationen sind dabei nicht mit inbegriffen. Als Alica dann aber die Zusage für die OP bekam, war das für sie einer der schönsten Tag ihres Lebens. Sie ließ sich einer Bauch- und Bruststraffung unterziehen. Insgesamt wurden ihr 3 Kilogramm Haut entfernt. Im Schwimmbad trägt sie heute ganz frei ihren Bikini. Für Alica ein schönes Gefühl – ein Gefühl der Freiheit, dass sie vorher nicht hatte. Die Blicke sind nicht mehr so negativ. Die Narben der Operationen zu zeigen, ist für Alica kein Problem. Sie stehen dafür, dass sie etwas geschafft hat, an dem sie gewachsen ist.

BMX bedeutet Florian alles. Ohne Verletzungszeiten fährt er jetzt ungefähr sechs Jahre. Mit Verletzungszeit sind es acht. Für Florian ist BMX mehr als ein Hobby, er kann dort seine Emotionen rauslassen. Das bedeutet auch, die eigene Angst vor dem nächsten Trick zu überwinden. Was nämlich dazu gehört, sind Unfälle und Verletzungen: Knochenbrüche, Bänderrisse, blaue Flecken und Schürfwunden. Vom BMX-Fahren ist Florians Körper voller Narben, aber eine ist besonders. Die Narbe auf seinem Unterarm stammt von einem missglückten Back Flip. Er fiel auf seinen Unterarm, die Haut aufgeschürft. Passenderweise ergänzt die Narbe heute sein Tattoo: ...thank you for the memories… auf dem Wort "memories" ist heute die Narbe. Im Skatepark hatte er versucht, einen Backflip zu machen, eigentlich keine gute Idee. Das Ergebnis ist jetzt der vernarbte Arm. Aber nachstechen lassen will Florian sein Tattoo nicht, mit der Narbe bekommt es eine neue Bedeutung. Sie ist die Erinnerung an einen schönen Tag mit seinen Freund*innen. So wie er hat auch sein Fahrrad die ein oder anderen Schäden davon getragen, aber das hat für Florian eine besondere Bedeutung. Es zeigt, dass er gelebt hat. Auf dem Fahrrad, beim Sprung in der Luft, bei jedem neuen Trick - dann fühlt er sich lebendig. Und mit jeder neuen Narbe weiß Florian: "Ich lebe!".

Ein anderer Fahrer war mit seinem Auto in ihre Fahrbahn gekommen, als er eine Kurve zu eng nahm. Die Autos kollidierten - Totalschaden. An den Aufprall kann Sarita sich nicht mehr erinnern. Fünf bis zehn Minuten nach dem Unfall ist sie wach geworden. Alles ist voller Rauch, sie kann die Tür nicht öffnen und ist komplett eingeklemmt. Das Adrenalin sorgt dafür, dass sie nichts von den Schmerzen ihrer Wunden spürt. Sie kann nicht aussteigen, ihr Handy ist bei dem Unfall aus dem Auto geflogen - sie muss auf Hilfe warten. Sarita hat einen 5-jährigen Sohn, an ihn denkt sie um wach zu bleiben, ihn will sie nicht alleine lassen. Zwei bis drei Autos kommen vorbei, ohne anzuhalten... bis ihre Ersthelferin kommt, für Sarita ihr Schutzengel. Als die Notärztin kommt schläft Sarita ein und wacht wieder im Krankenhaus auf. Im Oberschenkel hat sie einen Fixateur, der die Knochen stabilisiert. Der linke Oberarm, das rechte Handgelenk und beide Beckenseiten sind gebrochen. Als sie ihren Körper zum ersten Mal sieht, muss sie weinen. Die Narbe auf dem Oberarm ist sehr grob, nach dem Unfall musste es schnell gehen. Auch die restlichen Narben sind erstmal nicht schön. Spuren, die bleiben werden. Heute sind es fünfzehn Narben mehr am Körper. Sarita trägt lange Ärmel und Hosen, um die Narben zu verdecken. Der erste Besuch im Schwimmbad ist besonders schwer. Irgendwann akzeptiert sie ihre Narben. Sie werden immer ein Teil von ihr bleiben. Heute trägt sie die Klamotten auf die sie Lust hat und achtet nicht darauf, ob das Oberteil den Oberarm verdeckt. Die Geschichte ihrer Narbe erzählt Sarita heute mit Stolz, bald soll ein Tattoo alles noch verschönern. Sie zeigt, was sie durchgemacht hat, dass es nicht selbstverständlich ist gehen zu können, zu essen, einfach hinzugehen wo man möchte.

! Trigger-Hinweis !
In diesem Video werden folgende Themen behandelt: Vergewaltigung, Krieg, Gewalt & Folter. Wenn es dir mit diesen Themen nicht gut geht, dann schau dir das Video bitte nicht (alleine) an.

Die Narbe in Martins Gesicht stammt von einem Tattoo, dass er sich entfernen ließ, nachdem er aus Syrien zurück nach Deutschland gekommen war. Die Tätowierung, eine kleine Fliegerbombe, wollte er so nicht mehr tragen nachdem er gesehen hatte was Bomben anrichten können. 2017 arbeitete er für eine Hilfsorganisation im Irak, nahe an der Front leisteten sie dort die Erstversorgung für Verwundete. Später waren sie dann an der Grenze zu Syrien, um dort ein Krankenhaus aufzubauen. Für ihn eine sehr erfüllende Aufgabe - etwas zu schaffen, das bleibt. Eigentlich wollte er gar nicht mehr zurück nach Deutschland. Im Frühjahr 2018 wurde er dann zu einem neuen Einsatz nach Syrien geschickt. An dem Tag, wo eigentlich alles losgehen sollte wurde Martin zusammen mit einem Freund von syrischen Sicherheitskräften entführt. Sie werden in ein Gefängnis in Damaskus gebracht, wo Kritiker*innen vom Assad-Regime gefoltert werden. Martin bekommt Panik und Angst, er bekommt mit wie eine Frau vergewaltigt wird - und auch er wird immer wieder ausgefragt. Er verrät seine Freunde nicht, für ihn ein Triumph, der aber nicht lange anhalten soll. Nach seiner Freilassung wird ihm klar, dass das Assad-Regime schon alles wusste. Hätten sie wirklich Informationen aus ihm herausbekommen wollen, hätten sie das ohne Probleme gekonnt.

Die lange Narbe auf Luisas Rücken stammt von einer komplexen Operation an der Wirbelsäule, die stark gekrümmt war und gerade gerichtet werden musste. Erst mit 22 bekam sie die Diagnose: Ein Gendefekt, der eine neuromuskuläre Erkrankung auslöst. Der Defekt sorgt dafür, dass Luisa nicht spüren kann, wie ihre Gelenke stehen. Ob der Arm gerade angewinkelt ist oder die Beine überschlagen sind, spürt sie nicht. Weltweit gibt es gerade einmal zwanzig bekannte Fälle. Weil die Behinderung so lange unsichtbar war, wurde sie in der Schule massiv gemobbt. Ausgrenzung, Beleidigungen und auch Übergriffe haben Luisas Schulzeit bestimmt. Die Schuld daran gaben Eltern und Lehrer*innen Luisa selber, sie sei eben "anders". Ein Kampf nicht nur gegen die Mitschüler*innen, sondern auch gegen die eigenen Selbstzweifel. Heute nennen wir sowas "Victim Blaming".
Die Zeit hat ein Trauma hinterlassen, an dem sie bis heute arbeiten muss. Mit der Diagnose zu ihrer Krankheit kam endlich die Bestätigung dafür, dass sie so sein kann, wie sie ist und keine Schuld daran trägt. Als die Krümmung ihres Rücken so stark wurde, dass Luisa auch andere Symptome, wie Atemnot oder Schwindel bekam, entschied sie sich für eine Operation – die größte ihres Lebens. Heute lebt sie mit ihren Narben. Man empfahl ihr Salben und andere Mittel, die Narben auf der Haut verschwinden lassen können, aber das will Luisa nicht. Die Narben sind ein Teil von ihr. Bereits sehr früh nach ihrer Geburt wurde sie schon operiert. Die Narben sind mit Luisa zusammen gewachsen.

Die Spuren von Arafats Sucht sieht man bis heute. Weil die Haut seines Arms irgendwann zu vernarbt war, spritzte er sich die Droge in den Fuß. Die so zugefügten Verletzungen seiner Abhängigkeit haben nicht nur dort Narben hinterlassen. Durch die Sucht und das Heroin hat er viele seiner damaligen Freund*innen verloren. Heute ist er clean und hat eine Angst vor Spritzen entwickelt. Der Weg dorthin - eine Form der Selbstermächtigung. Die Sucht und das Heroin bestimmen heute nicht mehr seinen Alltag. Arafat ist in Berlin geboren, als er sechs Monate alt war, schickte ihn seine Mutter zu seinen Großeltern in den Libanon. Mit sechs Jahren kam er zurück nach Deutschland. Trotz seiner liebevollen Großeltern verbindet er seine Kindheit mit Unsicherheit. Arafats Familie konnte ihm nicht den Halt und die Geborgenheit geben. Diese Sehnsucht versuchte er später mit dem Heroin zu befriedigen.

Stand: 29.04.2021, 17:20 Uhr