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Haben deutsche Kliniken bei libyschen Patienten getrickst? (1/5)

Mann im Arztkittel mit Steoskop und vier 500-Euro-Scheinen in der Hemdtasche

Haben deutsche Kliniken bei libyschen Patienten getrickst? (1/5)

Von Samuel Acker und Suliman Ali Zway

Patienten aus einem Bürgerkrieg, die auf medizinische Versorgung hoffen. Jede Menge Staatsgeld, das überforderte, teils korrupte libysche Behörden zur Verfügung stellen. Und deutsche Krankenhäuser und Medizindienstleister, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen. Die COSMO-Recherche "Der libysche Patient" geht einem krassen Vorwurf nach: Haben deutsche Kliniken bei Patienten aus einem Kriegsgebiet bewusst zu hoch abgerechnet?

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Diese Recherche wurde das erste Mal im Dezember 2018 veröffentlicht.

Der Vorwurf

Deutschland und Libyen – zwei Länder, die auf den ersten Blick unterschiedlicher nicht sein könnten. Deutschland: Ein demokratischer Rechtsstaat, mit brummender Wirtschaft und laut Außenministerium dem Anspruch "für Frieden und Sicherheit" in der Welt einzutreten. Ein transparentes Land zudem, im letzten Ranking der Anti-Korruptions-Organisation "Transparency International" nur knapp an den Top Ten vorbeigeschrammt.

Libyen dagegen:  Ein Failed State, mit zwei Regierungen, die um internationale Anerkennung ringen, sowie Dutzenden bewaffnete Milizen, die um einzelne Städte kämpfen. Und laut Transparency International ist Libyen eines der korruptesten Länder der Welt. 

"Der libysche Patient" - Gespräch über die COSMO-Recherche mit Samuel Acker

COSMO 13.12.2018 11:35 Min. Verfügbar bis 23.09.2021 COSMO


Tatsächlich sind diese zwei Staaten enger verbunden, als man denkt. Nicht nur weil Libyen gerade mehrere Dutzend Millionen Euro von der EU (und damit auch Deutschland) erhält, um in der Wüste und auf dem Mittelmeer Flüchtlinge vom Weg nach Europa abzuhalten. Sondern auch, weil in der libyschen Politik immer noch über ein Projekt diskutiert wird, das eigentlich sowohl tausenden libyschen Patienten als auch deutschen Krankenhäusern helfen sollte, am Ende aber vor allem Scherben hinterließ.

Die ehemalige libysche Gesundheitsministerin Fatima Hamroush wirft deutschen Kliniken explizit vor: Sie hätten libysche Patienten zu teuer abgerechnet und sich auf Kosten eines Bürgerkriegslandes bereichert.

Sie sagt: "Wenn man die 200 Millionen Euro oder mehr betrachtet, die in Deutschland ausgegeben wurden: Dieses Geld alleine wäre quasi ausreichend gewesen, um so viele Ärzte in Libyen auszubilden, dass alle Patienten im Land selbst versorgt werden können und keiner ins Ausland geschickt werden muss."

Ein Vorwurf, den COSMO-Redakteur Samuel Acker zunächst geradezu lächerlich findet, als ihn der libysche Journalist Suliman Ali Zway darauf anspricht. Der scheinbar saubere deutsche Gesundheitssektor ein Ort, an dem libysche Staatsgelder verschwinden? Die beiden recherchieren, kämpfen sich durch medizinische Rechnungen und Kostenvoranschläge. Und stellen fest: Es gibt tatsächlich Auffälligkeiten auf deutscher Seite. Bemerkenswert teure Rollstühle, Arabisch-Dolmetscher die Traumhonorare erhalten, Nervenbehandlungen, die für libysche Patienten viel mehr kosten sollen als es Pauschalen vorschreiben. Ein Zustand, der Experten nicht überrascht, denn die Abrechnung ausländischer Patienten ist in Deutschland generell ein schwieriges Feld.

Jens Juszczak, Wirtschaftswissenschaftler an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg: "Viele Kliniken meinen, es gebe dort eine Grauzone, wo sie höher abrechnen können. Also das sieht der Gesetzgeber ein bisschen anders."

Unsere Recherche "Der libysche Patient" will der Frage nachgehen: Wie sauber haben deutsche Kliniken und Medizindienstleister gehandelt, als es darum ging, Patienten aus einem Bürgerkriegsland zu versorgen?

Stand: 23.09.2020, 06:00