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"Relativ wenig Verständnis für Kate Tempest"

Kate Tempest

Interview mit dem Soziologen Floris Biskamp

"Relativ wenig Verständnis für Kate Tempest"

Die Kampagne BDS ruft zum kulturellen Boykott gegen Israel auf und wird auch von Künstlern, darunter Kate Tempest, unterstützt. Da die Musikerin sich nun bedroht fühlt, hat sie ihr Konzert in Berlin abgesagt. Doch was genau steckt eigentlich hinter der Kampagne? Darüber haben wir mit dem Soziologen und Antisemitismusforscher Floris Biskamp gesprochen.

Was genau ist dieses Netzwerk BDS?

Das ist so eine Kampagne, die sehr graswurzelartig organisiert ist. Das ist nicht eine zentrale Organisation, sondern eher so ein vages Netzwerk, das, so der Name, zu Boycott, Divestment and Sanctions gegen Israel aufruft. Also dazu, Israel auf verschiedenen Ebenen zu boykottieren. Unter anderem finanziell und wirtschaftlich, aber auch, und das sorgt häufig für mehr Kontroversen, kulturell und akademisch.

Das heißt, sie wollen zum Beispiel Musiker dazu aufrufen, nicht bei Konzerten in Israel zu spielen. Warum genau? Was ist der Hintergrund?

Das geht im Prinzip auf eine ältere Doktrin zurück von arabischen Staaten: keine Normalisierung mit Israel. Das heißt, man will nicht, dass Israel als normaler Staat, als normale Gesellschaft anerkannt wird. Und dann ist die Argumentation, dass jede normale kulturelle Beziehung zu einer Normalisierung führt und damit auch zu einer Normalisierung von dem, was dann als Besatzung kritisiert wird. Und genau das will man vermeiden - unter anderem durch kulturellen Boykott und dadurch, dass dann zum Beispiel Madonna nicht nach Israel fahren soll.

Interview mit Floris Biskamp

COSMO | 06.10.2017 | 07:22 Min.

Nun ist Kate Tempest selber jüdischer Abstammung und zeigt sich entsetzt, dass ihr Antisemitismus vorgeworfen wird. Wie weit hat dieser Vorwurf aus deiner Sicht Berechtigung?

Da muss man unterscheiden zwischen den Individuen und der Kampagne als solcher. Ich glaube, es wäre nicht zielführend, darüber zu diskutieren, ob jeder einzelne Künstler BDS unterstützt und ein Antisemit ist. So funktioniert das glaube ich nicht. Es ist weder so, dass die einzelnen Personen dann morgens aufstehen und denken, ich hasse Juden, also mache ich jetzt bei der Kampagne mit, noch ist es so, dass sie jeden Tag die internationale Presse und Politik verfolgen und dann beschließen, Israel ist das Schlimmste und deswegen boykottiere ich jetzt. Tatsächlich ist es so, dass die Künstler gezielt von der Kampagne angesprochen werden, ob sie da mitmachen und dann ist es im Einzelfall auch unterschiedlich, wie sehr die Leute engagiert sind. Es ist häufig so, Künstler wollen sich sozial für das Gute engagieren und dann kommt jemand an und sagt, hier, das ist die gute Sache und dann unterschreiben die das und das geht häufig ohne größere Reflexion von irgendwas einher.

Sie sagen, die BDS-Kampagne ist aus drei Gründen antisemitisch.

Das erste ist, dass man sich fragen kann, warum gibt es mit Israel gegen ein einziges Land auf der ganzen Welt so eine Kampagne und warum in einem auch nur annähernd so großen Ausmaß nicht gegen China, nicht gegen Saudi-Arabien, nicht gegen den Iran. Und dann muss man darauf kommen, dass es irgendwie etwas damit zu tun hat, dass es ein jüdischer Staat ist. Da liegt zumindest der Verdacht nahe. Das zweite ist, wenn man sich tatsächlich den offiziellen BDS-Forderungskatalog anschaut, der ist sehr einseitig. Da wird der ganze Konflikt dargestellt als: Israel ist böse, ist dahingekommen, unterdrückt die Palästinenser und Ende der Konfliktanalyse. Und das wird dann als Kolonialismus gebrandmarkt, was, egal wie man zu dem Konflikt steht, eine sehr einseitige Darstellung ist. Und tatsächlich gibt es von dem palästinensischen Komitee, das die Kampagne koordiniert, auch immer wieder Äußerungen, die genau sagen: ja, wir wollen Israel als Staat delegitmieren. Das zielt nicht auf einen Friedensschluss. Von daher kann man das nicht als Friedenskampagne, die auf Dialog zielt, betrachten, sondern das ist wirklich eine Kampagne, den israelischen Staat zu delegitimieren. Dazu gibt es am Rande der Kampagnen so viele Fälle von relativ offenem Antisemitismus, die man dann nicht mehr als Einzelfall abtun kann.

In Deutschland wird die Kampagne viel kritischer gesehen, in England scheint sie sehr weit verbreitet zu sein. Wie kommt das?

Also, ich glaube, das ist sowohl ein deutscher als auch ein britischer Sonderweg sozusagen. Großbritannien ist auch einer der Ursprünge der Kampagne. Das liegt zu einem daran, weil die britische links-liberale Szene bzw. ihr Bewusstsein da in erster Linie anti-kolonial und anti-rassistisch ist, wogegen nichts einzuwenden ist. Aber wenn man mit einer ausschließlich anti-kolonialen, anti-rassistischen Brille auf internationale Politik und auf den Nah-Ost-Konflikt guckt, dann hat man häufig ein relativ verklärtes Bild davon. In Deutschland dagegen gibt es auch ein sehr weit verbreitetes kritisches Bewusstsein für Antisemitismus, was dann zu Gegenwind führt. Und ein bisschen weniger schmeichelhaft gibt es in Deutschland sehr weit verbreitet eine Angst, als antisemitisch zu gelten. Es gibt die alte Nazikampagne "Kauft nicht bei den Juden" und irgendwie ist die Assoziation, damit etwas zu tun zu haben in Deutschland, sehr viel näher und da schrecken viele Leute zurück.

Jetzt ist die ganze Geschichte ganz schön verstrickt: Kate Tempest, selber jüdischer Abstammung, wird Antisemitismus vorgeworfen. Sie spielt nicht, sie fühlt sich bedroht von Leuten, die ihr offensichtlich genau das vorwerfen. Hast du Verständnis dafür, dass sie sagt, ich komme da nicht?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich dafür relativ wenig Verständnis habe und ich kenne Kate Tempest nicht persönlich, aber ich finde, das ist so ein Symptom dafür, wie sich viele Künstler mit Politik auseinandersetzten. Die unterschreiben dann so ein krasses zugespitztes Statement, stellen sich dahinter und gehen aber davon aus, sie tun einfach was Gutes. Und dann erwarten sie ein Echo, dass sie von allen Seiten auf die Schulter geklopft bekommen, ja, du tust da etwas Gutes, Richtiges. Wenn man aber Politik betreibt, muss man damit leben, dass man Kontroverse betreibt und dass man von Leuten scharf kritisiert wird, wenn man so ein scharfes Statement unterschreibt. Und dann finde ich, sollte man auch das Standing haben, hinzugehen und zu sagen, ja, ich stehe dazu, ich stelle mich der Diskussion. Und nicht, weil man kritisiert wird, zu sagen, ich spiele jetzt nicht mehr. Also, da habe ich wenig Verständnis für an der Stelle.

Stand: 06.10.2017, 14:56