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Frank Spilker "Der Mainstream rückt nach rechts. Das gab es so in den 90er Jahren nicht"

Die Sterne: (vlnr) Frank Spilker (Gesang, Gitarre), Thomas Wenzel (Bass), Christoph Leich (Schlagzeug)

Interview mit Frank Spilker

Frank Spilker "Der Mainstream rückt nach rechts. Das gab es so in den 90er Jahren nicht"

Frank Spilker ist Sänger von Die Sterne. In den 90ern hat er im Osten Deutschlands Konzerte gegen Rechts gespielt. Im Interview verrät er, was sich seitdem geändert hat.

Frank, am Montag haben 65.000 Menschen beim #wirsindmehr Konzerte in Chemnitz gegen Rechts protestiert. Was glaubst du, kann so ein Konzert überhaupt bewirken?

Aufmerksamkeit. Öffentlichkeit, ein ganz wichtiges Symbol setzen. Dieses #wirsindmehr finde ich als Motto ziemlich problematisch. Aber es ist auf jeden Fall wichtig sich zu zeigen und nicht denen das Feld zu überlassen die den Protest für die rechte Ecke pachten.

Was findest Du problematisch am Slogan #wirsindmehr?

Ich glaube, dass das nur für den Moment gilt. Diese Kritik haben auch andere Leute formuliert. Wir haben letztes Jahr in Jamel die gleiche Erfahrung gemacht. Das ist ein kleines Dorf in Mecklenburg-Vorpommern, wo eine Hamburger Familie sich ein Haus gekauft hat. Da gibt es ganz offensichtlich Nazi-Netzwerke im Ort. Jedes Jahr gibt es dort ein Festival gegen Rechts, jedes Mal kommen diese "linken" Bands, machen ihrem Protest und danach sind sie wieder weg und die Leute sind wieder allein in diesem Ort in derselben Situation wie vorher. Das ist vielleicht das, was man kritisieren kann.

Es gibt ja viele, die sagen, dass der Rassismus in den letzten Monaten etwas Neues ist, was sie so noch nicht kannten. Siehst du das auch so?

Ja, ich finde noch problematischer, wie von Seite der Medien teilweise darauf reagiert wird. Jedes Mal wenn es um Nazis geht, wird über Flüchtlinge und die Flüchtlingsproblematik gesprochen, was meiner Meinung nach überhaupt gar nichts damit zu tun hat. Die AfD hat sich gegründet als Euro-Protestpartei gegründet und sucht immer nur einen äußeren Grund dafür, dass es einem selber nicht gut geht. Da ist es egal, wer oder was das ist.

Die Sterne, deine Band, war Anfang der Neunziger Teil einer politischen Initiative, die hieß "Wohlfahrtsausschuss". Neben euch waren auch die Beginner, Blumfeld und die Goldenen Zitronen dabei. Was genau war das?

Wir haben das nicht organisiert, sondern sind mit anderen Bands in den Osten gereist. Auslöser dafür war, dass eine Band auf Tour im Osten mal von Nazis überfallen worden ist. Wir wollten also auf Tour gehen, ohne angegriffen zu werden: das wurde thematisiert es wurde mit Leuten in den Jugendzentren vor Ort und so weiter gesprochen. Teilweise war das sehr besser-wessi-mäßig: Wir kommen mit Begriffen von Nationalismus und zeigen euch, was hier zu denken ist. Das war auf jeden Fall eine spürbare Problematik an der ganzen Reise. Aber unterm Strich war es positiv: Es gab wahnsinnig viel Austausch über dieses Thema und das schon sehr früh. Das war ja 1990 oder so.

Wo siehst du denn die Parallelen zwischen dem Wohlfahrtsausschuss und #Wirsindmehr?

Es kommt drauf an, was für Kommunikation stattfindet. Ich glaube, der große Unterschied ist, dass es heute der Mainstream ist, der nach rechts rückt. Das sind nicht nur die abgehängten, frustrierten Wähler in Ostdeutschland, sondern das ist auch die gesamtdeutsche Politik, die Angst hat den rechten Rand zu verlieren an diese rechten Parteien. Und dann macht sie  eben mit, anstatt sich abzugrenzen und das finde ich, ist der große Unterschied. Die Situation gab es damals so nicht.

Selbst Helene Fischer hat sich jetzt zu #Wirsindmehr positioniert. Wie wichtig ist es, dass jemand wie sie das tut?

Noch wichtiger als wenn die Toten Hosen das tun. Das erwartet man ja sowieso. Es ist total wichtig, dass Schlagermusiker, die ja auch von Menschen, die zu Pegida gehen, gehört werden, eine solche Vorbildfunktion haben. Das sind die einzigen, die diese Menschen auch wirklich erreichen können. Die linken Bands können meistens nur ihre eigene Klientel empören.

Es gibt ja immer wieder Klagen, dass die Jugend und auch die Popkultur zu unpolitisch geworden sei. Siehst du das auch so?

Nö, die war immer schon unpolitisch. 80 Prozent der Menschheit sind unpolitisch. Die allermeisten Leute machen sich einfach keine Gedanken. Genau diesen Satz habe ich in meiner Jugend auch schon gehört früher, von den Alt-68ern. Ich glaube aber, dass auch bei den Hippies vieles zu 80 Prozent Fassade oder Mode war. Das war die Auseinandersetzung, die wir in den 80er Jahren hatten: Wir haben durchschaut, dass Protest oft auch Pose ist, wie ein Schmuck, den man mit sich herumträgt.

Du und Die Sterne machen im November in Berlin bei einem Projekt über den Schriftsteller Franz Jung mit. Was steckt dahinter?

Franz Jung ist ein Autor aus den 20er Jahren, ein sehr wacher Beschreiber dieser Zeit zwischen 1914 und der Nazizeit. Dann ist er quasi untergetaucht. Ich habe viel über ihn gelesen und das ist sehr spannend. Auch bei den Nazis war es so dass sie gar nicht so richtig wussten, wer jetzt der Feind ist. Das waren am Anfang nicht unbedingt die Juden unbedingt, das später. Das ist so kanalisiert worden. Viele Nazi-Anhänger waren erstmal Leute, die sich prügeln wollten, die unzufrieden waren. Erst durch Propaganda und die geschickte Lenkung dieser Unzufriedenheit gab es dann diesen einen Gegner.

Das komplette Interview zum Nachhören unter:

Stand: 07.09.2018, 16:00