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Reportage: Warten, hoffen und verzweifeln

Reportage: Warten, hoffen und verzweifeln

Von Schiwa Schlei

  • Perspektivwechsel für COSMO-Chefin Schiwa Schlei
  • WDR-Welle berichtete aus Düsseldorfer Flüchtlingsunterkunft
  • Reportage über den Alltag der Geflüchteten

Seit eineinhalb Jahren fahre ich in Düsseldorf an einer Unterkunft für Geflüchtete vorbei. Ich blicke in den Innenhof, sehe Menschen dort verweilen. Die Kinder spielen, fahren Fahrrad, andere schleppen ihre Einkäufe in schweren Discounter-Tüten in ihr Heim. Ich habe mich gefragt, was das für Menschen sind. Warum sind sie geflohen? Und wie fühlt es sich wohl an, hinter diesem Zaun eingesperrt zu sein?

COSMO Programmchefin Schiwa Schlei im Interview bei WDR 5

COSMO | 06.09.2018 | 05:35 Min.

Zaun als Grenze, Zaun als Schutz

Ein Zimmer in einer Flüchtlingsunterkunft

15 Quadratmeter, zwei schmale Betten

"Durch den Zaun fühlen wir uns geschützt. Sie haben doch zuhause auch einen Zaun um ihr Haus oder zumindest einen Eingang, durch den nicht jeder ein- und ausgehen kann, oder?" Jakobi aus Afghanistan fragt mich das schon am Anfang der Woche, und ich ahne, dass dieses COSMO-Projekt meine Perspektive ändern wird. Gemeinsam mit den Moderatoren Marwa Eldessouky und Miltiadis Oulios lebe ich eine Woche lang mit 300 Geflüchteten in einer Düsseldorfer Flüchtlingsunterkunft. Wir senden täglich vier Stunden live.

"Ihr seid die Ersten, die sich für mich interessieren", sagt Parwaneh. Am Ende der Woche wird ein Krankenwagen ihren Bruder in ein Krankenhaus fahren, ein epileptischer Anfall. Ihr Sohn wird neben ihr stehen, und sie wird trotzdem lächeln. "Ich muss stark sein", sagt die alleinerziehende Frau aus Tadschikistan. "Der Kleine muss in die Schule."

Cosmo sendet eine Woche aus einer Flüchtlingsunterkunft

WDR 3 Kultur am Mittag | 05.09.2018 | 07:28 Min.

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Mit Fremden auf engstem Raum

Wir schlafen in einem Zimmer, wie es für Alleinstehende üblich ist: 15 Quadratmeter, zwei Metallbetten mit schmaler Matratze, ein Spind sowie ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen. Es fühlt sich nach Jugendherberge an. Während ich mir das Zimmer mit meiner Kollegin Marwa teile, muss sich unsere Nachbarin Zohra auf eine Fremde einlassen und ihr Zuhause mit einer Geflüchteten aus Eritrea teilen. Zohra beeindruckt uns: Mit einer Gardine hat sie aus dem schlichten Raum ein Schlaf- und Wohnzimmer gezaubert.

Gekocht wird in der Gemeinschaftsküche auf dem Gang - eine Essensausgabe, wie wir sie noch aus der Berichterstattung 2015/2016 im Kopf haben, gibt es in Düsseldorfer Wohnheimen längst nicht mehr.

Trotz allem: Alltag

Zohras Zimmer in der Flüchtlingsunterkunft

Wohnlichkeit mit einfachen Mitteln

Für die meisten besteht das Leben in der Unterkunft aus Warten. Aber – und das überrascht mich – viele gehen einem ganz normalen Alltag nach. Kinder mit schwer gepackten Tornistern machen sich morgens mit ihrem Kickboard auf dem Weg zur Schule. Andere verlassen die Unterkunft, um pünktlich beim Job, dem Praktikumsplatz oder der Ausbildungsstätte zu sein. Diese Menschen wie die Inderin Harmeet haben ein Glänzen in den Augen, sind voller Optimismus und Dankbarkeit.

Fußball hilft

Andere haben die Hoffnung verloren, sind desillusioniert, teilweise auch frustriert. So wie Max aus Tadschikistan. Nach nur einem Jahr musste er seine Ausbildung als Industriemechaniker abbrechen – weil seine Arbeitserlaubnis nicht verlängert wurde. Nun hofft er, dass er trotzdem bleiben darf, und will sich nicht unterkriegen lassen. So erzählt er uns, dass die jungen Männer bessere Bedingungen zum Fußballspielen bräuchten.

Als wir im Radio darüber berichten, meldet sich COSMO-Hörer Marius, selbst ambitionierter Fußballspieler, und kündigt einen Besuch an. Schnell spricht sich herum, dass "der Trainer" – wie sie ihn nennen – kommen wird. Und so tauschen Max und er die Nummern aus und wollen schon nächste Woche ein Team in der Düsseldorfer Hobbyliga anmelden: COSMO United.

Stand: 08.09.2018, 15:27