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EXKLUSIV: Darum singt Herbert Grönemeyer jetzt auf Türkisch

Herbert Grönemeyer

COSMO Interview

EXKLUSIV: Darum singt Herbert Grönemeyer jetzt auf Türkisch

Mit seiner neuen Single "Doppelherz / Iki Gönlüm" schaltet sich Herbert Grönemeyer in die aktuelle Debatte um Geflüchtete, Rechtsruck und Rassismus ein. Im exklusiven COSMO-Interview spricht er über die Message seines ersten deutsch-türkischen Songs, über Heimat und den Umgang mit dem Rechtsruck in der Gesellschaft.

Was ist die Aussage des Songs?

Es geht um diese Vielfalt, die wir in Deutschland haben. Ich bin selber im Ruhrgebiet aufgewachsen. In den 50er, 60er Jahren kamen in unser graues Ruhrgebiet Menschen aus Griechenland, Spanien und Italien, aus Polen, aus der Türkei und der ganzen Welt, und wir waren damals stolz, dass sie überhaupt zu uns kamen. Wir waren dankbar, dass sie mit anpacken wollten. So bin ich groß geworden, so ist auch das Land groß geworden, das ist auch die Schönheit von Deutschland. Und ich glaube, dass man klar machen muss, dass diese Vielfalt und diese verschiedenen Seelen und Seelen mit internationaler Geschichte dieses Land prägen, und das hoffentlich immer weiter tun.

COSMO Interview mit Herbert Grönemeyer

COSMO | 11.10.2018 | 09:02 Min.

Welche Gefühle stecken dahinter?

Ich glaube, es ist diese Merkwürdigkeit, dass die Welt anfängt, sich wieder zu teilen. Ich halte das als den letzten Versuch, das aufzuhalten. Die Welt wird komplexer, die Welt ist komplizierter und wir haben das große Glück, dass wir mit vielen verschiedenen Köpfen denken und mit verschiedenen Köpfen anfangen, die Probleme gemeinsam zu bewältigen. Das ist meine Idee. Ich glaube einfach, dass die junge Generation heutzutage für dieses Europa ist. Die sehen das nicht mehr so nationalistisch, wie wir das mal gesehen haben, mit Grenzübergängen. Für sie ist es selbstverständlich, nach Madrid, Kopenhagen oder London zu fahren. Die junge Generation hat dieses Gefühl von Nationalität gar nicht. Und das heißt ja nicht, dass man nicht eine Heimat mögen darf. Im Gegenteil. Aber dass einem klar sein muss, dass wenn ich meine Heimat mag, dann auch mein Nachbar bitte seine Heimat mögen sollen dürfte.

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Sprechen wir über den Song: Welche Machart wollten Sie musikalisch umsetzten?

Entstehen sollte etwas Spielerisches, der Song sollte lebensbejahend sein. Ich habe versucht, auch so ein bisschen in die türkische Musik einzutauchen, aber mit meiner Grönemeyer-Attitüde. Beim Video-Drehen waren wirklich Menschen aus aller Welt, von Afrikanern über die Amerikanerin über Asiaten über Menschen aus der Karibik. Der Abend war allein schon ohne das Video klasse. Das hatte so etwas unheimlich Lebendiges, und war entspannt, keiner spielte sich auf.

Meine Mutter kommt aus Estland. Ich habe russische Vorfahren, und ich glaube diese Lebendigkeit, die das ausmacht, ist auch das, was ein Land lebendigt macht. Es ist genau das, was wir brauchen, und wo wir aufgrund unserer Geschichte in der Verantwortung stehen. Da muss ich mir klarmachen, was wir vor 70 Jahren angerichtet haben. Dass jetzt Menschen bei uns Schutz suchen, ist ein unheimliches Geschenk, und zeigt aber auch, dass wir es geschafft haben, das Land zu öffnen. Ich glaube, es ist ein großer Wert, ein großer Schatz, den wir haben, und den muss man ganz sorgfältig hüten. Und der Schatz gehört nicht den so genannten Bio-Deutschen, sondern dieser Schatz gehört nach Jahren allen, die hier leben, und das sind ganz ganz viele, die eben nicht unbedingt einen deutschen Hintergrund haben, sondern eine internationale Geschichte und das ist auch gut so.

Aber kehren wir zurück zu Ihrer Musik...

Herbert Grönemeyer

Herbert Grönemeyer

Ich wollte zwei Sachen. Ich wollte einmal dieses Etwas auch diese Phrasierung in der Melodie, das typisch ist für den türkischen Gesang. Gleichzeitig wollte, ich dass der Refrain so richtig abgeht. Die Nummer sollte auch tanzbar sein.  

Dieses Lied hat zwei Seelen: Es ist die deutsch-türkische Seele. Ich wollte immer schon mal auf Türkisch singen, weil ich damit groß geworden bin im Ruhrgebiet. Die Sprache ist halt schön, ich habe sie bei einer Lesung für Deniz Yücel gelesen. Und dann haben wir gesagt: Ja, das klingt ja richtig gut. Ich habe ja schon auf Französisch gesungen, auch auf Holländisch und Arabisch.

Ich dachte, ich probiere das einfach mal aus. Was ich dann gelernt habe, dass es türkisch eine mongolische Sprache ist. Durch das estnische meiner Mutter und das Finnische und das Ungarische, alles hat den gleichen Stamm. Insofern dachte ich, das passt doch. Und ich dachte, es gibt der Nummer was, auch neben dem Deutschen, was doch etwas sehr Staccato ist, so ist es etwas beschwingter. Der Song ist nicht nur verkopft und hochpolitisch, gar nicht, sondern es steckt auch der Spaß da drin.

Meine Kollegin Evren, Deutsch-Türkin, fand die Aussprache richtig gut.

Ich hatte einen sehr guten Coach. Ein Freund von uns hat hier gesessen, er hat sogar gesagt, ich hätte leicht kurdische Einschläge. Da habe ich natürlich sorgfältig gearbeitet, ich wollte dass es so richtig wie möglich klingt. Aber wenn es sich so überträgt, freue ich mich, wenn Menschen türkischer Herkunft das sagen.

Herbert Grönemeyer über seinen neuen Song Doppelherz/İki Gönlüm

COSMO | 11.10.2018 | 03:03 Min.

Kehren wir zurück zum politischen Statement dieses Titels:

Ich glaube, dass da etwas in der Luft liegt, was die Atmosphäre, das Klima im wahrsten Sinne des Wortes einer Stadt prägt. Und das Schwierigste wäre, wenn wir jetzt in eine Zeit rutschen, wo Menschen, die vorher überhaupt nicht drüber nachgedacht haben, jetzt plötzlich merken, die Blicke werden anders. Selbst nach 40, 50, 60 Jahren in Deutschland, das geht einfach nicht. Da müssen wir uns selber kontrollieren und auch klar machen: Das darf in Deutschland nicht passieren. Im Gegenteil. Wir müssen schauen, dass sich diese Menschen nach wie vor geborgen und bei uns zu Hause fühlen.

Was glauben Sie, warum sind wir ausgerechnet jetzt an diesem Punkt?

Wir müssen aufpassen. Über 70 Jahre nach dem Krieg, ist unsere Gegenwart nach wie vor sehr fragil. Das ist nicht etwas, was man geschenkt kriegt. Das muss man verteidigen, und dafür muss man auch geradestehen. Es ist nicht selbstverständlich, dass eine demokratische Grundordnung funktioniert. Und insofern ist in meinen Augen gerade der Moment gekommen, wo wir als Gesellschaft, das heißt alle, die hier sind, die lange hier leben, kurz hier leben, die hier Schutz suchen oder wie die vor Kriegen geflohen sind, dafür stehen müssen.

Wir sind an einem anderen Punkt angekommen, überall merken wir auch in Deutschland selber, dass Leute angefangen haben, Angst zu kriegen. Und anfangen haben, die Wut rauslassen. An Menschen, die damit gar nichts zu tun haben, oder generell haben Menschen damit nichts zu tun. Und da sind wir als Gesellschaft gefordert, nicht zu sagen, „Oh Gott was macht die Politik alles falsch“. Das kann man kritisieren aber gleichzeitig sind wir halt das Land, und nicht die Politik. Und das heißt, wir kriegen das jetzt im Griff, dass uns das nicht entgleitet, sondern dass wir gemeinsam so eine Phase überstehen. Das erfordert jetzt, dass wir uns als Gemeinschaft überlegen, wie wir dieses Land stabil halten, und wie wir alle integrieren. Wir hatten das schon mal, dass wir auch sehr extreme Linke integriert haben in Deutschland, in der ganzen Terrorismus-Phase, und das ist hier auch nicht anders.

Welche Rolle sollten Musiker in der heutigen Zeit einnehmen?

Herbert Grönemeyer - "Tumult" neues Album

Herbert Grönemeyer - "Tumult" neues Album

Natürlich sind wir als Musiker „Trommler“, alle Kulturschaffenden sind zum größten Teil diejenigen, die Dinge an die Öffentlichkeit bringen. Die laut sind, so wie ich jetzt ein Interview machen darf. In Deutschland gibt es nach wie vor sechs bis sieben Millionen Menschen, die sich um Geflüchtete kümmern, was enorm und beeindruckend ist, was auch eine große Reife der Gesellschaft zeigt. Die werden in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, hauptsächlich kommen nur noch die Menschen vor, die nur herumpöbeln, schreien und kreischen. Ich will bewirken, dass die Menschen, die sich Tag für Tag darum kümmern, sich gesehen fühlen. Ich will die Identität, die wir haben, stabilisieren und lauter machen. Eine Identitätsstiftung nämlich, dass man zeigt, „Wir gehen denen entgegen“ und „Wir kümmern uns“. Es hätte nicht heißen sollen, "wir schaffen das" sondern "wir sollten das versuchen zu schaffen", dass wir etwas beweglicher sind als eine Order zu sagen.  Wichtig ist, dass wir gemeinsam lauter und präsenter werden und uns auch einer Aufgabe bewusst sind, die vielleicht auch lange dauert. Wir reden hier nicht von einem Thema, was sich vielleicht in einem Jahr verflüchtigt. Das dauert vielleicht zehn Jahre, vielleicht eine ganze Generation.

Warum sind sie dem Thema so verbunden?

Ich habe selber nach der Wiedervereinigung ein Jugendheim für rechte Jugendliche aufgemacht, in Leipzig. Sie haben mich damals für komplett bekloppt erklärt, was der Quatsch soll. Sie hatten ein ganzes Viertel mit 30.000 Plattenbauviertel terrorisiert und ich habe damals auch gedacht „Ja ich als Popstar, die finden mich völlig dämlich“.  Es hat acht Jahre gedauert, bis wir die Polizeistation abziehen konnten. Bis die Jugendlichen das Gefühl hatten, jemand hat sich um sie gekümmert. Die waren jetzt nicht plötzlich links, sie waren aggressionsfrei, obwohl in dieser rechten Bewegung wahnsinnig viel Frust und Aggression steckte. Das ist die Frage: Wie kriegt man das wieder Stück für Stück gemildert?

Ist das ein politisches Problem?

Die Linksliberalen, wenn man sie so nennen will, haben es sich zu bequem gemacht. Sie waren immer für die Sorgen der Menschen da, haben sie repräsentiert. Ich bin in der SPD-Hochburg im Ruhrgebiet großgeworden, das war die Partei der Arbeiter. Man hat das Gefühl, dass den Sozialdemokraten, in den letzten 10, 20, 30 Jahren, und das ist auch nicht nur ein deutsches Phänomen, diese Arbeit lästig geworden ist. Die haben das aufgegeben, die sind saturiert worden, sie repräsentieren vielleicht auch uns alle. Aber die wirklichen Sorgen, die wirklichen Nöte oder auch Dinge zu erklären - wie zum Beispiel das Thema Geflüchtete. Das muss man dauernd erklären. Das kann man nicht einfach sagen „Wir schaffen das“, und damit ist gut. Nein, das muss man erklären. Also die Sorgen der Menschen aufnehmen, denen stattdessen mittlerweile das Gefühl vermittelt wird, man kümmere sich nicht um sie. Die Politik muss sich das Vertrauen zurück holen, das muss man sich ganz hart erarbeiten.

Aber nicht nur die Politik, sondern generell die Gesellschaft. Und das ist vielleicht auch eine Chance. Was heißt Altersarmut? Was heißt es, alleinerziehende Frau zu sein? Was bedeutet Kinderarmut? Was heißt obdachlos? Alle diese ganzen Nöte und Sorgen sind in diesem ganzen Wohlstand verloren gegangen. Viele Menschen leiden darunter, möchten, dass man mit ihnen spricht, dass man ihnen zuhört, sie ernst nimmt, und dass man sich um ihre Nöte kümmert. Das ist, glaube ich, das Dilemma, warum diese Rechtspopulisten so einen riesen Zuwachs haben. Sie riechen ganz simpel die Ängste und gehen darauf ein. Gemäß dem Motto: „Wir verstehen Ängste, wir machen sogar noch mehr Ängste. Wir sind gut darin, wir haben ein System, Ängste zu schüren.“

Und wie bekommen wir das in den Griff?   

Das ist wie in der Familie, eine Gesellschaft ist wie eine Familie. Wenn man merkt, dass sich in der Familie ein oder zwei zurückziehen, geht man auf sie zu. Man muss aufpassen. Rechtsruck herrscht ja nicht nur im Osten, sondern auch im Westen.

Das Interview führte Guisi Valentini exklusiv für COSMO.

Stand: 11.10.2018, 10:00