NRW-Dax-Konzerne - Kaum Geflüchtete als Mitarbeiter

Geflüchtete in Dax-Konzernen

COSMO-Recherche

NRW-Dax-Konzerne - Kaum Geflüchtete als Mitarbeiter

Die neun Dax-Konzerne aus NRW haben alleine in Deutschland mehr als eine halbe Million Angestellte und rund 18.000 Auszubildende. Doch bei der Integration von Geflüchteten als Arbeitskräfte ist noch jede Menge Luft nach oben, wie unsere Recherchen zeigen.

Große Konzerne - großes Engagement für Geflüchtete?

Bayer, Deutsche Post, E.on, Henkel, Lufthansa, RWE & Innogy, Telekom, Thyssen-Krupp und Vonovia. Die neun Dax-Konzerne aus Nordrhein-Westfalen kommen zusammen auf einen Umsatz von mehr als 114 Milliarden Euro pro Jahr – allein in Deutschland. So unterschiedlich die Firmen auch sind, ein paar Gemeinsamkeiten haben sie: Sie haben Geld, sie haben viel Personal, sie haben das, was man "Gestaltungsspielraum" nennt. Als 2015 mehr als eine Million Geflüchtete nach Deutschland kamen, versicherten auch diese Unternehmen schnell, sich an der Integration der Menschen beteiligen zu wollen.

Interview mit Samuel Acker über die Situation von Geflüchteten bei Dax Konzernen.

COSMO | 17.10.2017 | 07:02 Min.

Integration = Arbeit

Und dabei ist ein Wort zentral: Arbeit. Quasi jeder Geflüchtete, mit dem man spricht, hat das gleiche Ziel: Geld verdienen. Etwas schaffen. Für sich selbst sorgen können. Aktuell ist das oft nur ein Traum: Knapp 190.000 Geflüchtete sind arbeitslos gemeldet. Das ist fast jeder zehnte Arbeitslose in Deutschland. Und das sind nur jene Geflüchtete, die bereits eine Arbeitserlaubnis haben - viele warten noch darauf, diese nach Integrations- und Sprachkurs zu bekommen.

Daher haben wir uns angeschaut: Wie gut kommen diese zwei Gruppen bislang zusammen, die wirtschaftlichen Big Player aus NRW und die Geflüchteten? Wir haben dazu von den Konzernen und der Agentur für Arbeit Zahlen eingeholt und Flüchtlinge bei ihrer Ausbildung in Duisburg besucht. Unterstützt wurden wir von der WDR-Wirtschaftsredaktion.

Geflüchtete in Dax-Konzernen

1,3 % der Azubis in NRW-Dax-Konzernen sind Geflüchtete

Spezielle Programme für Geflüchtete

Tatsächlich verfügen nach eigenen Angaben alle Dax-Konzerne aus NRW mittlerweile über spezielle Programme, um Geflüchteten den Einstieg in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Zum Beispiel Schnupper-Praktika. "Die Unternehmen sind oft überrascht, wie engagiert viele der Geflüchteten sind. Daher können Praktika ein gutes Sprungbrett sein, um in den Arbeitsmarkt zu kommen", sagt Christoph Löhr von der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit. Immerhin rund 1.700 Geflüchtete konnten bei den neun NRW-Dax-Konzernen schon hospitieren.

Ein Praktikum ist aber relativ unverbindlich - wie schaut es bei den Azubi-Stellen aus? 241 Flüchtlinge konnten seit dem 1. Januar 2015 eine Ausbildung bei einem NRW-Dax-Konzern beginnen. Zum Vergleich: Insgesamt haben diese Konzerne aktuell mehr als 18.000 Azubis. Macht eine "Flüchtlingsquote" von 1,3 Prozent - eher ernüchternd.

Geflüchtete in Dax-Konzernen

Die Lufthansa beschäftigt keinen Geflüchteten und begründet dies mit Sicherheitsregulierungen in der Luftfahrt.

Problem: Fehlende Schulabschlüsse

Dabei werden gerade Ausbildungsstellen für die zukünftige Integration von Geflüchteten eine große Rolle spielen, sagt Heike Börries von der Agentur für Arbeit NRW. Denn knapp 30 Prozent der Geflüchteten, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind, sind nach Zahlen des Bundesamts für Migration & Flüchtlinge (BAMF) "im Azubi-Alter" zwischen 16 und 24 Jahren. Das sind etwa 400.000 Menschen und damit knapp fünf Prozent der gesamtdeutschen Bevölkerung in dieser Altersgruppe.

Anmerkung: "Geflüchtete" bedeutet im Kontext dieser Recherche Menschen, die nach dem 1. Januar 2015 nach Deutschland geflohen sind, einen Asylantrag gestellt haben und in Deutschland leben.

Allerdings sind etwa 40 Prozent der arbeitslosen Geflüchteten ohne formellen Schulabschluss nach Deutschland gekommen. Sie müssen vor der Azubi-Bewerbung noch ihren Haupt- oder Realschulabschluss nachholen. Danach ist die Ausbildung für sie ein - verhältnismäßig - schneller Weg in den Arbeitsmarkt. "Wenn 1,3 Prozent der Azubis bei Dax-Konzernen Geflüchtete sind, ist das ein Anfang, aber natürlich hoffe ich, dass sich das in der Zukunft steigert", sagt Börries. "Dax-Konzerne haben einfach andere Mittel, Personal mit Fluchtgeschichte zu integrieren, als kleine Unternehmen."

Geflüchtete in Dax-Konzernen

0,12 % ist der Anteil der Geflüchteten an den Mitarbeitern von Deutsche Post, RWE, Thyssen-Krupp, Vonovia, E.on und Lufthansa

Großes Gefälle zwischen den Konzernen

Insgesamt haben die Big Player aus NRW in Deutschland mehr als 507.000 Mitarbeiter. Die Telekom, Bayer und Henkel haben uns mitgeteilt, dass sie nicht nachvollziehen können, wieviele der seit 2015 in Deutschland angekommenen Geflüchteten derzeit fest bei ihnen angestellt sind. Bei den restlichen sechs NRW-Dax-Konzernen sind derzeit 449 Geflüchtete festangestellt, bei mehr als 363.000 Mitarbeitern insgesamt. Die "Geflüchtetenquote" liegt hier bei 0,12 Prozent. Der Anteil der seit 2015 nach Deutschland Geflüchteten an der Gesamtbevölkerung in Deutschland liegt aktuell nach Zahlen des BAMF und des Bundesstatistikamts übrigens zwischen 1,2 und 1,7 Prozent.

Es gibt bei den angestellten Flüchtlingen ein großes Gefälle zwischen den Konzernen: Die Lufthansa hat zum Beispiel bislang noch keinen einzigen (0) der seit 2015 nach Deutschland geflüchteten Menschen angestellt, weder als Azubi noch regulär. Das hängt, so der Konzern, mit den strengen Sicherheitsüberprüfungen zusammen, die in der Luftfahrtbranche für neue Mitarbeiter erwartet werden - diese können bei den meisten Geflüchteten nicht durchgeführt werden, weil zum Beispiel Dokumente fehlen. Bei der Deutschen Post arbeiten hingegen 433 Flüchtlinge. Als Paketzulieferer oder Lagermitarbeiter kann man schnell einsteigen, es wird vor allem körperliche Fitness erwartet.

"Wir haben hohe Ansprüche an unsere Mitarbeiter"

Warum haben die NRW-Dax-Konzerne bisher so wenige Geflüchtete angestellt? Die Antworten der Konzerne ähneln sich: Mangelndes Sprachwissen bei vielen Geflüchteten und geringe Vorqualifikation. "Es ist immer was anderes, ob man sich auf Deutsch in der Alltagssprache unterhalten kann oder ob man das Thema 'Speicherprogrammierbare Steuerung' auf Deutsch versteht". So beschreibt Volker Grigo das Problem. Er ist bei Thyssen-Krupp Steel zuständig für die Erstausbildung. Man müsse auch verstehen, dass sich bei den Dax-Konzernen deutlich mehr Menschen als Azubis bewerben als bei kleinen Unternehmen im ländlichen Raum. "Wir haben daher hohe Ansprüche an unsere Mitarbeiter".

Einer seiner Schützlinge, der es auf eine Azubi-Stelle geschafft hat, ist Abdoulaye Fofana. Er ist 21 Jahre alt und aus dem westafrikanischen Sierra Leone geflohen. Er spricht gut Deutsch, mag Fußball und ist im zweiten Lehrjahr seiner Ausbildung als Elektroniker für Betriebstechnik. Die Ausbilder sind zufrieden mit ihm. Aber: "Ich weiß immer noch nicht, ob ich vielleicht abgeschoben werde", sagt der Azubi leise.

Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt: Porträt Adoulaye Fofana

COSMO | 17.10.2017 | 02:51 Min.

"Keine klare Linie bei den Ausländerbehörden"

Abdoulaye Fofana, Azubis bei Thyssen-Krupp

Abdoulaye Fofana, Azubi bei Thyssen-Krupp

Laut dem neuen Integrationsgesetz, das 2016 in Kraft trat, sollen Geflüchtete mit Arbeitserlaubnis, die eine Ausbildung bekommen, mindestens fünf Jahre in Deutschland bleiben: Drei Jahre Ausbildung, zwei Jahre Anschlussvertrag. Dass Ausländerbehörden diese "3+2-Regelung" aber sehr individuell auslegen, musste Fofana schnell erfahren. Ein Mit-Azubi von ihm bei Thyssen-Krupp hat eine sehr ähnliche Lebensgeschichte wie er: Gleiches Alter, auch aus Westafrika (Elfenbeinküste), ohne Pass nach Deutschland gekommen, lebt in der gleichen Unterkunft, jetzt gleiche Ausbildung. Während sein Kollege allerdings ohne Probleme für fünf Jahre geduldet wurde, musste Abdoulaye bis vor kurzem noch alle drei Monate zum Amt gehen, ohne zu wissen, ob er doch abgeschoben wird. Jetzt hat er zumindest eine Duldung für ein Jahr bekommen. Vertreter von Thyssen-Krupp sagen: Man könne nicht von Dax-Konzernen erwarten, viele Flüchtlinge anzustellen, wenn es keine klare Linie bei den Ausländerbehörden gibt.

Arbeitslosenquote bei Geflüchteten in NRW erstmals gesunken

Was also tun? Behörden müssten sich an die gesetzlichen Vorgaben halten, das sei ganz klar, sagt Christopher Löhr von der Agentur für Arbeit NRW. "Wir erleben es aber auch selten, dass es da noch Verwirrung gibt." Wichtig sei jetzt vor allem, Geflüchteten gezielt Sprachkenntnisse zu vermitteln, sie dabei zu unterstützen Schulabschlüsse nachzuholen und Unternehmen die Scheu zu nehmen, Geflüchtete anzustellen. "Die Konzerne suchen nicht Ungelernte, sondern Fachkräfte. Wir müssen dafür sorgen, dass Geflüchtete dazu werden können." Schnelle Erfolge solle man aber nicht erwarten. "Es gibt eine Studie, nach der nach einem Jahr etwa acht Prozent der Geflüchteten einen Job finden können, nach fünf Jahren etwa 50 Prozent, und die 70 Prozent schafft man erst nach 15 Jahren."

Was ihm allerdings Hoffnung macht: In NRW sind aktuell etwa acht Prozent der Geflüchteten in Lohn und Brot, und im September ist zum ersten Mal die Arbeitslosenquote unter den Geflüchteten gesunken. Und auch bei den Dax-Konzernen bewegt sich etwas: Bei Thyssen-Krupp zum Beispiel sind sie mit den Geflüchteten, die als Azubis angestellt wurden bisher sehr zufrieden. "Das könnte gut sein, dass wir bald mehr Geflüchtete im Betrieb haben", sagt ein Ausbilder. Abdoulaye Fofana lächelt schüchtern.
 

Stand: 17.10.2017, 10:00